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Kino Review: „American Sniper“

American Sniper (Clint Eastwood, USA 2014)

Es war der Kassenknaller in den USA, doch bei den Oscars reichte es trotz zahlreicher Nominierungen bloß für „Bester Tonschnitt“: Clint Eastwoods neuestes Werk ist die Verfilmung der Geschichte von Chris Kyle, einem Mann, dessen Leben wie das vieler anderer Amerikaner von Krieg geprägt ist.

https://i1.wp.com/s6.postimg.org/77zj3l14x/Cover.jpgQuelle: postimg.org

Der erste Trailer zu American Sniper (s.u.) war ein Meisterstück: Bradley Cooper liegt mit dem Scharfschützengewehr im Anschlag auf dem Dach eines irakischen Hauses, während seine Kameraden die Straßen unter ihm durchkämmen. Cooper nimmt ein einheimisches Kind ins Visier, die Spannung steigt. Dann läuft das Kind mit einer Panzergranate in der Hand auf die Truppe zu. Herzschläge, eine bedrohlich anschwellende Tonkulisse, Coopers Finger am Abzug. Dann: Cut to black. Dazu noch Großmeister Eastwood auf dem Regiestuhl. „Grandios, der Film wird geschaut“, dachte ich.
Doch wie das sooft ist, macht ein guter Trailer noch lange keinen guten Film. American Sniper ist zwar auch kein schlechter Film, aber zumindest ein schwer zu fassender. Er ist ebenso wenig reiner Kriegsfilm wie reiner Heimkehrerfilm, sondern liegt irgendwo dazwischen. Chronologisch korrekt zeigt er abwechselnd das private Leben von Chris Kyle in seiner Heimat und seine Einsätze als Scharfschütze als Teil US Navy Seals im Irak. Das ist zwar spannend und überwiegend glaubhaft inszeniert, doch wirkt es auch irgendwie unentschlossen: die Geschichte erscheint insgesamt zu unstringend und bietet dann leider auch nicht den Höhepunkt, den sie verdient hätte, endet – ganz im Gegenteil – sogar ziemlich aklimatisch und abrupt.

Und dennoch ist American Sniper sehenswert, denn er zeigt nachvollziehbar und authentisch den psychischen Verfall von Chris Kyle im Laufe seiner Army-Karriere. Bradley Cooper spielt diese Rolle vielleicht nicht Oscar-würdig, beeidruckt aber trotzdem, vor allem durch seine physische Präsenz (und btw. auch durch einen äußerst schicken Bart). Und auch wenn das einige anders sehen mögen: ich habe Chris Kyle in diesem Film nicht als die tragische Heldenfigur wahrgenommen, als die er wohl gezeigt werden soll. Sicherlich lässt Eastwoods Film das Maß an Distanz vermissen, das ein Biopic über einen derart fragwürdigen Menschen eigentlich haben sollte. Doch seine Inszenierung ist viel zu nüchtern, viel zu kühl und auf Coopers Schauspiel konzentriert – so ist beispielsweise die musikalische Untermalung nur minimal – als dass man hier von einem filmischen Heldengemälde sprechen könnte.

American Sniper ist ein durch und durch amerikanisches Werk. Weniger hinsichtlich seiner Machart. Vielmehr aufgrund der Tatsache, dass wir als Mitteleuropäer diesen Film nicht wirklich greifen können – es ist ein Film über einen Amerikaner von Amerikanern für Amerikaner. Es scheint hierzulande trotz unserer kulturellen Prägung unmöglich, die Beziehung (und vielleicht auch Begeisterung) zum Gezeigten aufzubauen, die dieser Film verlangt. Der Ausgleich dafür ist die Fähigkeit, diesen Film kritisch hinterfragen zu können. Denn wenn das Genre des Kriegsfilmes eines kann, dann ist es, uns etwas über das gesellschaftliche Verständnis von Krieg mitzuteilen.

Zumindest ich für meinen Teil kann ein solches Werk auch genießen, wenn ich mir der kritischen Aspekte bewusst bin. Der America, fuck yeah!“-Faktor von American Sniper kann zumindest mit dem von Transformers nicht mithalten – und selbst den finde ich ja noch irgendwie ertragbar. Fazit deshalb: wer ein gewisses Maß an US-Patriotismus-Toleranz hat, der kann sich American Sniper bedenkenlos ansehen. Alle anderen werden zumindest Freude daran haben, an ihm rumzunörgeln – was durchaus berechtigt ist.

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