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Serien-Tipp: „Generation Kill“

Generation Kill (Susanna White/Simon Cellan Jones, HBO, USA 2008)

Als großer Fan der HBO-Miniserien Band of Brothers und The Pacific war ich außer mir vor Freude, als ich hörte, dass es noch eine Kriegsserie des Premiumsenders gibt. Generation Kill aus dem Jahr 2008 hat es geschafft, mich trotz der extrem hohen Messlatte, die es in diesem Serien-Genre seit Band of Brothers gibt, wieder einmal über alle Maße zu begeistern.

Basierend auf dem gleichnamigen Buch des Reporters und Schriftstellers Evan Wright zeigt Generation Kill den Einmarsch der US-Armee in den Irak 2003. Erneut konzentriert sich die Geschichte dabei auf eine Einheit, in diesem Falle das 1. Aufklärungsbattalion der US-Marines – und wieder einmal wird man mit Figuren geradezu überschüttet, was den Überblick über Handlung und Charaktere nicht gerade leicht macht. Mit der Zeit kristallisieren sich zwar eine Handvoll Soldaten heraus, die die Story tragen; als eigentlicher Bezugspunkt fungiert jedoch die Rolle von Evan Wright selbst (Lee Tergesen), der den Einsatz damals im Auftrag des Rolling Stone begleitete.
Generation Kill gelingt dabei eine kleine Meisterleistung: die Serie lebt von ihren Figuren, ohne diese aber sonderlich stark zu charakterisieren. Hie und da erfährt man zwar etwas über die Vergangenheit oder politische Einstellung einzelner Marines, doch nur selten können wir einen wirklich tiefen Einblick in ihre Psyche gewinnen – und dennoch sind das hier alles echte, greifbare Charaktere. Erst recht nicht verliert man sich in den bewährten (wenn auch erzählerisch effektiven) „Im Krieg werden Helden geboren“- oder „Im Krieg gibt es keine Gewinner“-Schemata. Weder Heroismus, noch psychischer Verfall werden gezeigt – Generation Kill präsentiert sich dermaßen nihilistisch, dass man des öfteren das Gefühl hat, eine klassische, kommentarlose Reportage mit dennoch filmischer Ästhetik zu sehen.

Dazu trägt nicht zuletzt auch der hohe Produktionswert bei. Kostüme, Fahrzeuge, Schauplätze, selbst die Spezialeffekte – alles wirkt so, als hätte man damals direkt beim Feldzug mitgefilmt. Authentizität ist eine der ganz großen Stärken von Generation Kill. Dazu gehört auch, dass es vergleichsweise selten Action gibt. Jede Folge bietet immerhin ein bis zwei Szenen, in denen Waffen zum Einsatz kommen, was dann auch richtig gut gemacht ist, doch den größten Teil der Handlung nehmen die Gespräche zwischen den Soldaten ein. Generation Kill vermittelt seine Story – wie die besten aktuellen Serien – hauptsächlich in Dialogen und Gruppenunterhaltungen. Und die sind selbstverständlich großartig geschrieben und vorgetragen. Mal geht es um alltägliche Probleme, mal um die Inkompetenz der Offiziere, mal um die vermeintlichen Gründe für ihren Einsatz. Vor allem aber kommen dabei Freunde gepflgter Pöbeleien auf ihre Kosten, was die Serie teilweise auch schon fast komödiantisch wirken lässt.

Das herausragenste Merkmal von Generation Kill ist allerdings die auditive, genauer: die musikalische Ebene. Dass gerade eine Kriegsserie ohne Soundtrack auskommen kann, ist schon sehr beeindruckend. Keine melancholischen Streicher beim Tod eines Kindes oder Soldaten, keine aufgewühlte Musik bei Gefechtsszenen – das nimmt jeglichen Pathos aus dem Geschehen und trägt perfekt zum reportagenartigen Gesamtbild der Serie bei. Selbst der Abspann jeder Folge muss ohne Musik auskommen, stattdessen gibt es hier nur Funksprüche zu hören, die man ohne Militärausbildung naturgemäß zwar nicht versteht, denen ich aber trotzdem immer fasziniert zugehört habe. Die einzige musikalische Untermalung sind die regelmäßigen Gesangseinlagen der Marines – und ein einzelner Johnny Cash Song am Ende der letzten Folge, der zeigt, wie sehr der gezielte, reduzierte Einsatz von Musik ein filmisches Werk bereichern und beim Zuschauer emotional einschlagen kann.

Nach sieben Folgen zu je 65 Minuten ist dann auch schon Schluss. Generation Kill schafft es durch harte und authentische Bilder, glaubwürdige Figuren und tolle Dialoge ein Statement über Krieg und speziell den zweiten Golfkrieg zu vermitteln, das abseits von (Anti-)Kriegsfilm-Plattitüden und pseudo-moralischen Botschaften operiert. Hier wird weder verurteilt, noch bejubelt. Man gewährt dem Zuschauer lieber einen (zumindest halbwegs) objektiven und deutlich dramaturgiebefreiten Einblick auf einen Feldzug, bei dem Kleidungsvorschriften wichtiger sind als menschliche Leben und der so absurd asymmetrisch ist, dass es dem befehlshabenden Colonel nur noch darum geht, schneller und effektiver als die anderen US-Battalione zu sein.
Ein äußerst empfehlenswerter Serien-Happen. Und hey, es ist HBO, was kann man also falsch machen?

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