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Kino Review: „Straight outta Compton“

Straight outta Compton (F. Gary Gray, USA 2015)

Eines vorweg: als großer Rap- und HipHop-Fan kann ich an eine Kritik des Films um die Gangsta-Rap-Supergroup N.W.A. nicht einmal halbwegs objektiv herangehen. Dazu ist mein Fan-Dasein und meine Liebe zu dieser Musik einfach zu groß. Entsprechend gewaltig war meine Vorfreude auf Straight outta Compton – und umso breiter war mein Grinsen, als ich das Kino am Ende verließ.

soc posterQuelle: movienewsplus.com

Menschen, die auch nur ein latentes Interesse an Rapmusik haben, muss man die Bedeutung von N.W.A. nicht mehr erläutern. Für alle anderen hier nur ein paar kurze Stichworte: Wegbereiter des Westküstenraps, erste kommerziell erfolgreiche Gangstarap-Gruppe, Sprachrohr einer wütenden, unterdrückten, afro-amerikanischen Jugend. Nicht zu vergessen die zwei lebenden Legenden, die aus dieser Formation hervorgegangen sind. Die Niggaz with Attitudes hatten unermesslichen Einfluss auf meine Lieblings-Subkultur.
Straight outta Compton widmet sich über knapp zweieinhalb Stunden der Entstehungs- und Erfolgssgeschichte der Truppe bestehend aus Dr. Dre, Ice Cube, Eazy-E, MC Ren und DJ Yella. Im Los Angeles des Jahres 1986 beschließen die fünf Jungs, den Ausweg aus dem von Drogenhandel, Gangkriminalität und Polizeigewalt bestimmten Alltag über die Musik zu nehmen. Nach einem ersten Demotape wird der Musikmanager Jerry Heller (Paul Giamatti) auf sie aufmerksam und der Aufstieg beginnt.

Dieser Aufbau ist beileibe nichts Neues, sondern im Gegenteil die übliche Blaupause für Musikerdramen und -biopics à la Walk the Line, Can a Song save your Life? oder selbst dem eher ungewöhnlichen Inside Llewyn Davis. Doch Straight outta Compton – und da wurden meine Erwartungen deutlich übertroffen – zieht seinen Schlussstrich nicht am kommerziellen wie künstlerischen Höhepunkt der Gruppe. Stattdessen erzählt er deren Geschichte bis zum finalen und tragischen Endpunkt aus. Da, wo viele Genrevertreter zu Ende sind, ist bei Straight outta Compton erst die Hälfte des Films erreicht.

Daraus ergibt sich vermutlich für viele zugleich der größte Kritikpunkt an F. Gary Grays (The Italian Job, Gesetz der Rache) neuestem Film, denn im Vergleich zur ersten, deutlich stringenteren und kompakter gehaltenen Hälfte fühlt sich die zweite merkbar zerfaserter und lückerhafter an. Die Zeitsprünge sind häufiger und größer, MC Ren und DJ Yella verkommen zu Statisten und der Fokus auf die Musik weicht dem auf die persönlichen, zwischenmenschlichen Dramen sowie die Zwiste zwischen den Crewpartnern. Das spiegelt allerdings auch die Realität wieder und ist damit angebrachter, als man es zunächst wahrhaben will. Zudem ist das Gefälle zwischen erster und zweiter Hälfte nicht ansatzweise so enorm wie bei vielen Filmen, die nach ihrem zentralen Wendepunkt absacken (siehe Full Metal Jacket oder I am Legend), was vor allem an der Energie der ersten 60 bis 80 Minuten liegt, die problemlos auch noch darüber hinaus wirkt.

soc cube© Universal Pictures

Wo wir gerade bei dieser Energie sind: Straight outta Compton gelingt es formidabel, die mitreißende Kraft eines guten (Rap-)Konzerts auf Leinwand zu bannen. Die Inszenierung ist äußerst stimmig, die Instrumentals dröhnen und krachen mit einer unglaublichen Wucht aus den Boxen, weshalb ich unbedingt die Sichtung in einem Kino mit hochklassiger Soundanlage empfehle. Als Rap-Fan möchte man einfach  im Publikum stehen oder zumindest den Arm in plattester HipHopper-Manier zum Takt auf und ab bewegen. Wer wenigstens einen Funken Offenheit für diese Musikform aufbringen kann, wird sich nicht dagegen wehren können, regelmäßig mitzunicken und in Gedanken einige der markanten Schlagwörter und Passagen aus den (für damalige Verhältnisse grandiosen) Lyrics mitzurappen.

Die größte Stärke von Straight outta Compton dürfte wohl darin liegen, dem uneingeweihten Zuschauer die Faszination für diese Musik fühl- und begreifbar zu machen. Und auf der anderen Seite die Begeisterung im Fan wiederzuerwecken. Er zelebriert die Musik und liefert den Kontext ihrer Entstehung: die Macher, ihre Lebensumstände und -umgebungen stehen im Vordergrund. Dazu gehört auch, dass ausnahmslos jeder Polizist als Feindbild herhalten muss.
Kulturelle Werke, seien es Bücher, Filme oder eben Musik, sind niemals von ihrer Außenwelt abgeriegelte Produkte der kreativen Ergüsse eines Einzelnen oder einiger Weniger, sondern immer auch Ergebnis der Realität dieser Menschen. Das macht Straight outta Compton mehr als deutlich.

Während die Ausgangssituation der Protagonisten zunächst sehr authentisch und nahbar dargestellt wird, löst sich dieser Aspekt der Erzählung gegen Ende (leider?) immer mehr auf. So wie sich N.W.A. mit wachsendem Ruhm und Erfolg von ihren Wurzeln und ihrer Hood entfernen, geschieht dies auch mit dem narrativen Fokus. Anfangs noch Akteure in den afro-amerikanischen Vierteln L.A.s, werden sowohl die Hauptfiguren als auch der Zuschauer immer mehr zu reinen Beobachtern. Auch hier gilt: das spiegelt die Realität wieder, wird aber nicht allen gefallen. Zugegeben: Insbesondere dass die L.A. Riots – trotz prominenter Rolle im Trailer – dann nur eine Randnotiz sind, mit der der Regisseur seine Chronistenpflicht erfüllen musste, ist die offensichtlichste Schwachstelle des Films. Angesichts der übrigen Qualitäten von Straight outta Compton ist das jedoch zu verschmerzen.

soc dre© Universal Pictures

Zu jenen Qualität zählt neben dem bereits Erwähnten zweifellos auch der grandiose Cast, der diese Zuschreibung nicht nur aufgrund der überzeugenden Schauspielqualitäten verdient hat. In erster Linie beeindruckt die überwältigende Ähnlichkeit, die Jason Mitchell (Eazy-E), Corey Hawkins (Dr. Dre), O’Shea Jackson Jr. (Ice Cube – als dessen Sohn ist das allerdings wenig verwunderlich) und selbst die kleineren Rollen mit ihren Vorbildern haben. Auch dies trägt wesentlich zur authentischen Ausstrahlung von Straight outta Compton bei.
Die deutsche Lokalisation muss sich dabei naturgemäß dem Slang der afro-amerikanischen Westside-Jugend geschlagen geben: Wenn der Shit hier die ganze Zeit dope ist, dann dürfte das für einige recht peinlich wirken – eingefleischten Rap-Hörern sollte das jedoch kaum aufstoßen. Sehr löblich ist dagegen, dass die Songtexte ausschließlich dann untertitelt sind, wenn es sich auch um storyrelevante Passagen handelt.

Bleibt am Ende noch die Frage, inwiefern der Film die erzählten Geschehnisse verklärt. Denn trotz überwiegender Übereinstimmung mit den nachlesbaren Fakten zu N.W.A. werden natürlich einige Ereignisse zugunsten der Dramaturgie umgedeutet, was aber berechtigt ist: Um als Film und als eigenständiges Werk zu funktionieren, darf und muss Straight outta Compton  – wie es jedes andere Biopic zugunsten der Dramaturgie ebenfalls macht – ab und an von der Realität abweichen. Außerdem wird Geschichte nunmal auch von den Gewinnern geschrieben; und das sind in diesem Falle Ice Cube und Dr. Dre, die hier als Produzenten fungierten. Dass es ihnen dabei dennoch gelingt, einen überwiegend reflektierten, differenzierten und vielleicht auch ein wenig versöhnlichen Blick in ihre eigene Vergangenheit zu werfen, ist aller Ehren wert.

Dass Fans von Rapmusik – im Speziellen von N.W.A. – diesen Film großartig finden werden, steht außer Frage. Und da ich selbst dazu gehöre, kann ich nur erahnen, ob es allen anderen zumindest ähnlich ergehen dürfte – bin mir dabei jedoch ziemlich sicher. Straight outta Compton ist ein überwiegend konventionell erzähltes Musik-Biopic, das mit bekannten narrativen Mitteln operiert. Insofern sollte man hier nichts Außergewöhnliches erwarten. Was er aber wirklich möchte, nämlich die Geschichte einer Handvoll aufstrebender Jungs zu erzählen und die Begeisterung für deren Musik zu vermitteln, gelingt auf ganzer Linie. Und darauf kommt es hier schließlich an.

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