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„The Duke of Burgundy“: Kritik

The Duke of Burgundy (Peter Strickland, GBR 2015)

Jede Woche starten ein paar Filme, die man bei keinem großen oder mittelgroßen Kino im Spielplan findet. Da bleibt dann nur der Gang ins Hinterhof-/Studentenkino mit günstigem Eintritt und unangenehmer Bestuhlung. Under the Skin war so ein Film. The Duke of Burgundy ist ebenfalls einer. Was beide außerdem gemeinsam haben, ist, dass sie mich ziemlich ratlos zurückgelassen haben.

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Unfreie Liebe
The Duke of Burgundy erzählt eine Liebesgeschichte – eine von der „kontroversen“ Sorte, nämlich eine sadomasochistische. Okay, seit Fifty Shades of Grey ist Sadomasochismus ja kein wirkliches Tabu mehr – auch wenn die Roman-Verfilmung zeigte, dass Hollywood immer noch Probleme hat, diese Thematik richtig anzupacken. Dass es bei The Duke of Burgundy zudem um eine lesbische Liebesbeziehung geht, ist mittlerweile auch kein Aufreger mehr. Kein Skandal-Film also. Aber einer, dem (vielleicht gerade deshalb?) die große, öffentliche Aufmerksamkeit verwehrt geblieben ist. Nach dem Kinobesuch ist auch klar, warum.

The Duke of Burgundy beginnt gut, ziemlich gut sogar. Während wir die beiden Hauptaktricen, die junge Evelyn (Chiara D’Anna) und die reifere Cynthia (Sidse Babette Knudsen), kennenlernen, beginnt ein wunderbares Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers. Regisseur Peter Strickland beweist, dass er imstande ist, Handlung und Charakterzeichnung primär auf visueller Ebene voranzutreiben. Im Mittelpunkt stehen die Körper seiner Darstellerinnen. Jede Bewegung, jede Geste und Körperhaltung, jedes An- und Entkleiden wird genüsslich von der Kamera eingefangen, ohne zum reinen Voyeurismus zu verkommen.
Sex spielt tatsächlich kaum eine Rolle, vielmehr beherrscht eine teils abstruse, unterschwellige erotische Atmosphäre das Geschehen. In den ersten zwei Dritteln sorgt das für einen starken Anstieg der Spannung, im letzten Drittel zerfällt diese aber leider. Dann verliert sich The Duke of Burgundy in albtraumhaften Visionen, unverständlichen Bild-Kaskaden und blankem Symbolismus.

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Verloren in Vieldeutigkeit
Das bedauernswerte ist, dass der Film das gar nicht nötig gehabt hätte. Die alles andere als unproblematische Beziehung zwischen Evelyn und Cynthia ist für sich genommen bereits interessant und tiefgründig genug, um erzählenswert zu sein. Sie zeigt auf subtile Art, dass das Verhältnis von Dominanz und Unterwürfigkeit, vom vermeintlich Starken und Schwachen nicht so eindeutig ist, wie es nach außen hin scheint – sondern dass stets eine gegenseitige Abhängigkeit besteht oder gar das absolute Gegenteil der Fall ist.
Es hätte also auch eine halbwegs bodenständige Auflösung genügt, stattdessen entschied sich Strickland für das Unkonkrete und Vieldeutige. Warum gibt es in dieser Welt keine einzige männliche Person? Was soll dieser Insekten-Fetischismus? Was war Traum und was real? Wie soll man all diese Symbole und optischenVerweise deuten? The Duke of Burgundy entlässt einen mit diesen Fragen, ohne auch nur den Hauch einer Antwort zu geben. Das ist prinzipiell lobenswert, weil mutig  – aber eben auch unbefriedigend.

Bei Under the Skin war das ähnlich. Allerdings entschied sich Jonathan Glazer nicht erst nach 60 Minuten für diese Art der Erzählung, sondern zog sie von Anfang bis Ende konsequent durch. Die wahre Stärke von des Film war seine Langzeitwirkung, sein mentaler Nachhall. Ob The Duke of Burgundy das selbe gelingen wird, muss die Zeit zeigen.

Fazit
Starke Bilder, ein Gespür für den effektiven Einsatz von Musik und eine interessante Figurenzeichnung: The Duke of Burgundy ist ein Film mit vielen Stärken. Anstatt diese aber bis zum Ende auszuspielen, nimmt der Film eine narrative Abzweigung, die den meisten, inklusive mir, missfallen dürfte. Das macht ihn für den Moment nur schwer genießbar – möglicherweise muss er aber einfach nur reifen.

Bilder & Video: (c) Salzgeber & Company Medien

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