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Kritik: „The Revenant“ – Survival of the Fittest

The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, Alejandro González Iñárritu, USA 2015)

Senor Iñárritu hat wieder zugeschlagen. Nach dem letztjährigen Oscar-Regen für den großartigen Birdman legt der mexikanische Regisseur in diesem Jahr mit The Revenant nach. Einem Film, dessen Trailer Großes versprach. Sehr Großes. Und der dieses Versprechen vollkommen einlösen konnte.

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Er lebt!
Die Besiedlung des Westens von Amerika birgt unglaubliches Potenzial für Geschichten. Das hatte Hollywood bereits vor einem dreiviertel Jahrhundert verstanden und legte einen Western nach dem anderen vor. Irgendwann jedoch schien dieses Setting auserzählt zu sein – dem Genre wurde ein vorzeitiges Ende attestiert. Dass man damit nicht ganz richtig lag, zeigen die letzten Jahre, die uns zahlreiche hochwertige, teils auch unkonventionelle Western bescherten. No Country for old Men von den Cohens, Jon Favreaus Cowboys & AliensSlow West von John Maclean und natürlich Django Unchained sowie The Hateful Eight von Tarantino. Der Western scheint gerade sein Revival zu erlebenAlejandro González Iñárritu führt uns mit The Revenant nun jedoch weg von den staubigen Wüsten, den Goldminen und den Kopfgeldjägern, hinein in die verschneiten Rocky Mountains.

Eine Gruppe von Trappern unter der Führung von Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) befindet sich dort gerade auf einer Expedition. Wildtierfelle sind ihr Ziel. Ein Angriff des Indianerstammes der Arikaree kostet sie jedoch einen Großteil der Männer und ihrer Beute und zwingt den Rest der Truppe zum Rückzug. Es beginnt ein quälender Marsch durch die noch unberührte Wildnis Amerikas, auf dem nicht nur die Natur, sondern auch die Konflikte innerhalb der Gruppe eine Bedrohung darstellen. Und schon bald muss Glass seinen Weg allein bestreiten.
Dieses Storykonstrukt ist so simpel wie effektiv: Das Ziel ist klar, der Pfad dorthin voller unkalkulierbarer Hindernisse und Gefahren. Und wieder einmal hat Iñárritu einen gänzlich anderen filmischen Ansatz innerhalb seines eigenen Œuvres gewählt. Wo Birdman seine Faszination und Qualität aus dem Konzept der Pseudo-Plansequenz zog, schöpft sie The Revenant aus der rohen, scheinbar unverfälschten Kraft seiner Bilder. Beide sind sie in erster Linie visuelle Filme – und dennoch so unterschiedliche. Denn The Revenant verzichtet auf das Artifizielle von Birdman und gibt sich in Gänze dem Natürlichen hin.

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Natur pur
Gedreht wurde nur mit natürlichem (korrekter: diegetischem) Licht. Das ist das herausragende formale Merkmal des Films und im Gegensatz zu dem von Birdman keines, das so offensichtlich erkennbar ist. Iñárritu fängt damit die Natur in all ihrer Reinheit ein – in Kombination mit den Kulissen und der (erneut) herausragend guten Kameraarbeit sorgt das für Bilder, die in diesem Genre, ach was, in der gesamten Filmlandschaft ihresgleichen suchen.
Entgegen jeder filmischen Konvention sind es dabei gerade die Actionsequenzen, in denen Iñárritu auf Plansequenzen – zum Teil auch Pseudo-Plansequenzen – setzt. Kriegsreporterartig kämpft sich die Kamera durch das Gewirr aus Gewalt und Tod, hinein ins Wasser und wieder hinaus, und bleibt dabei immer ganz nah am Geschehen dran. Vor allem die Darstellung körperlichen Leids wird hier in beeindruckender Konsequenz zelebriert. Es schmerzt bereits, dem nur zuzuschauen. Gäbe es das Wort „Intensität“ noch nicht, man müsse es für The Revenant erfinden.

Im krassen Kontrast dazu stehen die ruhigen, fast schon stummen Sequenzen, die den Großteil des Filmes ausmachen. In diesen zeigt er uns die Schönheit und beängstigende, menschenfeindliche Abgeschiedenheit der unberührten Landschaft, in der man fürs Überleben gegen Wind, Wasser, Schnee, Kälte, wilde Tiere und rachsüchtige Ureinwohner zu kämpfen hat. Und so ist es nur konsequent, dass Bäume das bestimmende Motiv des Films sind – sowohl visuell als auch narrativ.

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Die Kraft des visuellen Erzählens
Es lässt sich jedoch nicht von der Hand weisen, dass man für diesen Film einiges an Sitzfleisch mitbringen muss. Denn trotz ähnlicher visueller Kraft ist The Revenant anders als Mad Max: Fury Road keine wilder Achterbahnfahrt, sondern ein vornehmlich ruhiger Film, der immer wieder durch intensive Spannungsmomente aufgebrochen wird. Er versucht sich in der großen Kunst des Show, don’t Tell – also dem Konzept, eine Geschichte mehr über Bilder denn Wörter zu erzählen – was ihm auch gelingt, seinem Hauptakteur gezwungenermaßen aber wenig zu sagen gibt. Glücklicherweise ist DiCaprio ein Schauspieler, der er schafft, diese Limitierung zu nutzen und sich formidabel über Körpersprache, Mimik und archaische Laute auszudrücken. Sein Leidensweg ist auch der unsrige und so verfliegt allmählich die Abscheu vor all dem, was nötig ist, um in Hugh Glass‘ Situation zu überleben. Damit bedient The Revenant zugleich das Genre der Survival-Filme in seiner ganzen, ungeschönten Form.
Wer hingegen deutlich mehr zu sagen hat, ist (bereits zum dritten mal in dieser Woche) Tom Hardy, der als John Fitzgerald einen gelungenen Konterpart zum wortkargen Hugh Glass darstellt. Und auch Domhnall Gleeson, der sich langsam zum schauspielerischen Multitalent zu entwickeln scheint, sei an dieser Stelle lobend erwähnt.

Natürlich hat aber auch The Revenant mit kleineren Problemen zu kämpfen. Dass er mit seiner ruhigen Erzählweise und zweieinhalb Stunden Laufzeit vom Zuschauer Geduld und Ausdauer verlangt, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Vor allem aber ist es ein spezifischer Nebenstrang der Geschichte, der nicht gänzlich aufgehen will und dezent überflüssig erscheint. Das ist ein Makel, der The Revenant zwar knapp an der Perfektion vorbeischrammen lässt, in Anbetracht seiner übrigen Qualitäten aber zu verschmerzen ist.

Fazit
Über Legend sagte ich noch, dass er eher ein Film für die Couch als fürs Kino wäre. Bei The Revenant ist das exakte Gegenteil der Fall. Dieser Film ist Kino in seiner Reinform: roh, bild- und tongewaltig, überwältigend. Iñárritu neuestes Werk ist weder ein reiner Blockbuster noch ein Arthouse-Film – und vereint doch das Beste aus beiden Welten. Das Kinojahr 2016 hätte kaum stärker beginnen können. Es wird schwer, das hier noch zu überbieten.

Bilder & Video: (c) 20th Century Fox

4 Kommentare zu „Kritik: „The Revenant“ – Survival of the Fittest Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich gehe mal davon aus, dass du mit dem „überflüssigen Nebenstrang“ die Visionen und (Alb-)Träume von Glass meinst. Die fand ich auch etwas too much. Schön, dass du auch Tom Hardy erwähnst, der wird ja gerne mal vergessen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir der Film gefallen könnte, weil Western eigentlich nicht so mein Genre ist, aber Leo war der beste Grund eine Ausnahme zu machen. Ich freu mich schon sehr auf seine Dankesrede bei den Oscars.

    Hier meine Review zu THE REVENANT: https://filmkompass.wordpress.com/2016/01/07/the-revenant-2015/

    Gefällt 1 Person

    • Meinte damit eigentlich die Geschichte um die Indianerdame, aber das die Albträume zählen in gewisser Weise auch dazu. Wollte das aus Spoiler-Gründen nicht so deutlich sagen, aber jetzt isses auch egal ^^

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