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Kritik: „Creed“ – Der Neue im Ring

Creed – Rocky’s Legacy (Creed, Ryan Coogler, USA 2015)

Dass in Hollywood die große Zeit der Remakes und Reboots angebrochen ist, das hat sich inzwischen rumgesprochen. Und obwohl Creed als Fortsetzung angelegt ist, muss sich der Film den Vorwurf gefallen lassen, in gewisser Weise auch ein Reboot zu sein. Allerdings macht er das beste daraus: Creed funktioniert gleichermaßen als eigenständiger Film und als Fortführung/Abschluss der Rocky-Saga.

Creed Poster

Die Ritter der Moderne
Es liegt etwas Faszinierendes, etwas Anziehendes im Boxsport. Das beweist nicht nur die Vielzahl der Filme, die sich insbesondere in den letzten Jahren diesem Thema widmeten – das kann ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen. Mann gegen Mann, zwei Fäuste gegen zwei Fäuste, das ist das Bild eines klassischen Duells. Boxer sind, wenn man so möchte, die Ritter der Moderne. Allerdings braucht es heute keine schmucke Rüstung mehr, sondern nur den eigenen Körper und eine Menge Disziplin, um ein guter Kämpfer zu werden und möglicherweise Geschichte zu schreiben. Da bietet es sich an, diesem Szenario die klassischen Narrative der Gegenwart überzustülpen: From Rags to Riches, Rise and Fall (and Rise), die Underdog-Story oder eine einfache Rachegeschichte. Aus dem Purismus dieses Sports lässt sich vieles machen.

Der halboffizielle siebente Teil (und die dennoch offizielle Fortsetzung) der Rocky-Reihe, Creedmacht dabei nichts essentiell neu, wählt aber trotzdem einen vergleichsweise frischen Ansatz. Der uneheliche Sohn von Apollo Creed, Rocky Balboas engem Freund und härtesten Gegner, hat nach einer schweren Kindheit im Heim alles bekommen, was den Durchschnittbürger glücklich macht. Ein großes Haus, schicke Klamotten und einen guten Job. Diesen schmeißt er trotz Beförderung hin, um seiner wahren Leidenschaft nachzugehen: dem Boxen. Bisher konnte er sich nur in inoffiziellen Kämpfen bewiesen – nun verschlägt es ihn von L.A. nach Philadelphia, wo er bei der lokalen Box-Legende Rocky in die Lehre gehen möchte. Dieser willigt nach anfänglichem Zögern ein.

Creed 1

Gegensätze ziehen sich (immer noch) an
Adonis Johnson heißt diese Hauptrolle, die von Michael B. Jordan übernommen wird und ihm auf den Leib geschneidert zu sein scheint. Nicht nur ist er ein Sympath vor der Herrn – von Anfang an funktioniert die Figurenzeichnung makellos. Adonis ist kein unnahbarer Über-Sportler, stattdessen jemand, dessen Motivation vollkommen deutlich wird. Es geht ihm um den Aufbau einer Identität durch den Sport; darum, sowohl aus dem eigenen Schatten als auch dem des eigenen Vermächtnisses zu treten – kurz: um eine neue Generation, die sich endlich von der alten lösen will und muss. Dass dies nicht geht, ohne gleichzeitig von ihr zu lernen, versteht sich von selbst und ist dann auch die Moral des Ganzen. In Creed treffen American Dream, Generation-Y- und Do-or-Die-Mentalität aufeinander. Eine angenehmes Zusammenspiel von alt und neu.
Für den „Alt“-Part ist dabei Sylvester Stallone zuständig, der mit einer überraschend guten und tiefzeichnenden Performance eine tolle Mentor-Figur abgibt. Nachvollziehbar zumindest, warum diese Rolle für einen Oscar nominiert wurde.

Creed 2

Kurze, aber zu lange Atempause
An der üblichen Stolperfalle seines Genres, die persönlichen und familiären Dramen der Hauptfiguren zu stark zu betonen und den Sport nur als Story-Gerüst zu gebrauchen, zieht Creed dabei glücklicherweise recht elegant vorbei. Beides hält sich in etwa die Waage, an die perfekte Symbiose eines Warrior kommt er jedoch nicht ganz heran. Denn besonders zu Beginn der zweiten Hälfte zieht sich das Ganze etwas. Dann wird eine etwas zu lange und trübsinnige Sequenz zwischen zwei energiegeladene gedrückt, was Creed zeitweise seiner sonst so mitreißenden Kraft beraubt.

Diese kann er insbesondere in den großartigen Trainings-Montagen und Kampf-Szenen entfalten. Erstere erwecken den unbedingten Drang, direkt nach dem Film die Trainingshalle aufzusuchen. In zweiteren zuckt der Körper unfreiwillig mit und man muss sich nochmals ins Gedächtnis rufen, dass man im Kinosessel besser still halten sollte. Regisseur-Newbie Ryan Coogler gelingt es, verhältnismäßig authentische und stets mitreißende Kampfsequenzen zu kreieren. Der Höhepunkt des Ganzen ist eine fünfminütige Plansequenz, die sich tatsächlich wie ein echter Boxkampf anfühlt. Aber auch außerhalb des Ringes gelingt es Coogler, einige tolle Bilder zu liefern und diese gekonnt mit kraftvoller Musik zu untermalen.

Fazit
Creed hat das gleiche Schicksal wie sein Protagonist: er will und muss sich von den Wurzeln seiner Vorgänger lösen. Und das gelingt ihm mit Bravour. Eine greifbare und packende Hauptfigur, die von einem fabelhaften Mentor unterstützt wird. Tolle Kampfszenen. Und eine stellenweise absolut mitreißende Atmosphäre. All das ist summa summarum mehr als sehenswert. Creed ist keinesfalls ein perfekter Film, aber innerhalb seines Genres ein sehr guter und einer der besten der jüngsten Vergangenheit.

Bilder & Video: (c) Warner Bros. Pictures

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