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Kritik: „The Hateful Eight“ – Der verfluchte 8. Film

The Hateful 8 (The Hateful Eight, Quentin Tarantino, USA 2015)

Der Januar 2016 war ein sehr teurer Monat für Kinofans. Der krönende Abschluss des Ganzen: The Hateful Eight. Ein Film, der wie kaum ein anderer in den letzten Monaten vom Personenkult um seinen Regisseur geprägt ist. „Der achte Film von Quentin Tarantino“ – so das Hauptcredo der Marketingkampagne zu The Hateful Eight. Herausgekommen ist einer der schlechtesten Filme seiner Karriere.

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Nicht so gut wie Django Unchained
Jetzt erst mal tief durchatmen. Denn in Anbetracht solcher Granaten wie Reservoir Dogs, Pulp Fiction und Inglorious Basterds bedeutet diese Aussage natürlich nicht automatisch, dass es sich auch um einen schlechten Film handelt. The Hateful Eight ist sogar ein ziemlich guter Film, aber eben einer, der sich es sich gefallen lassen muss, an Tarantinos vorherigen Werken gemessen zu werden. Und dabei schneidet er sogar gegenüber seinem thematischen Vorgänger Django Unchainedder ja seinerzeit eher mäßig aufgenommen wurde, vielen inklusive mir jedoch sehr gut gefiel, eher schlecht ab.

Bereits zum zweiten mal nimmt sich Tarantino also des Genres Western an. Dieses mal aber mit traditionellerem Ansatz, mit dreckigen Revolverhelden und anderweitigen Ganoven, die zufällig aufeinandertreffen und zwischen denen sich allmählich eine Spannung aufbaut, die irgendwann explodieren muss. Der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russel) ist unterwegs nach Red Rock, um dort die hochgefährliche Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), für 10.000 Dollar lebendig abzuliefern. Auf dem Weg begegnet er einem weiteren Kopfgeldjäger, Marquis Warren (Samuel L. Jackon), sowie dem neuen Sheriff von Red Rock, Chris Mannix (Walton Goggins). Gemeinsam suchen sie in einer abgelegenen Hütte Schutz vor einem Schneesturm, wo sie auf vier weitere Männern treffen: einen Mexikaner, einen Henker/Gentleman, einen Cowboy und einen gealterten General.

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Blutiges Kammerspiel mit tollen Figuren
Nach einer halben Stunde wird The Hateful Eight zum Kammerspiel. Einem Kammerspiel, das mit 9 Figuren ein vergleichsweise großes Ensemble auffährt. Tarantino beweist an dieser Stelle, dass er nach wie vor ein großartiger Charakter-Autor ist, denn jeder einzelne dieser eigentlichen Stereotypen ist bereits nach kurzer Einführungszeit greifbar, eigenständig und vor allem handlungsrelevant. Und obwohl man genau weiß, dass sich irgendwo unter diesen Wölfen eine Hyäne befindet, kann man bis zur Auflösung tatsächlich nur erahnen, wer es nun ist. Damit geht sowohl das Konzept des Films, so viele unterschiedliche Charaktere in einem Raum zusammenzubringen, als auch der Spannungsbogen der Story auf.
Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass die darstellerischen Leistungen wieder auf ganz hohem Niveau sind. Kurt Russel liefert vermutlich eine der besten Rollen seiner Karriere ab und kommt mit dem beeindruckensten Bart seit Bradley Cooper in American Sniper daher. Tim Roth macht den Christoph Waltz und dabei eine sehr gute Figur. Samuel L. Jackson zeigt, dass er immer noch fantastisch schauspielern kann, wenn man ihm denn nur eine geeignete Rolle verpasst, und gibt einen ebenso sympathischen wie abstoßenden Kopfgeldjäger ab. Und Jannifer Jason Leigh, deren Aussehen im Laufe der Handlung passenderweise immer blutiger und beschädigter wird, ist einfach nur großartig.

Wannabe-Tarantino?
Im Kern ist The Hateful Eight also ein Film, der vieles richtig macht, und insbesondere die (wenn auch vielleicht etwas zähe) erste Hälfte ist ein Kunststück in Sachen Spannungsaufbau. Doch auch wenn man Tarantino für seine postklassische Narration schätzt – für die ungebräuchlichen Erzähl- und Zeitstrukturen, für all die unerwarteten Ereignisse und das Missachten narrativer Kausalität, für das Potpourri teils ungewöhnlicher, teils genrefremder Stilmittel – so muss man doch leider konstatieren, dass das in The Hateful Eight nicht so wirklich funktionieren will. Einige Aspekte (Stichwort „Gewalt“) mögen noch typisch Tarantino sein. Doch vieles davon, insbesondere ein kurzzeitig einsetzender Off-Kommentar, wirkt doch arg deplatziert. Oder einfach nur mangelhaft ausgeführt. Der Einsatz dieser atypischen, erzählerischen Mittel wirkt in einer solch basalen und stringenten Story, in einem derart isolierten Habitat wie Minnies Miederwarenladen, leider recht unpassend. Auch die Dialoge wollen nicht immer an die übliche Qualität seiner Filme herankommen.

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Und so fühlt sich The Hateful Eight anfangs zwar durchaus nach Tarantino an – später und insbesondere in der zweiten Hälfte jedoch nach einem Film, der auf Biegen und Brechen versucht, Tarantino zu imitieren. Anstatt den Zuschauer kurz in Schockstarre zu versetzen, was in diesem Film ohne Frage auch passiert, erzielen diese (wenn auch wenigen) missglückten und unrunden Momente leider den gegenteiligen Effekt. Hinzu kommt noch, dass sich das Geschehen gegen Ende merklich zieht und die Spannung damit fast in Richtung Trägheit zu kippen droht. Immerhin: das Ende ist äußerst zufriedenstellend und kommt fast schon beiläufig mit einer herrlich zynischen, politischen Botschaft daher.

Ästhetisch zählt The Hateful Eight hingegen fraglos mit zu Tarantinos bester Arbeit. Besonders der Aufbau einiger Bilder ist ganz großes Kino. Der Soundtrack, für den die Filmkomponisten-Legende Ennio Morricone verantwortlich zeichnet, hält sich zwar vergleichsweise bedeckt, unterstreicht das Geschehen jedoch fabelhaft. Zu den definitiven Highlights des Films muss außerdem das Produktionsdesign gezählt werden: Kostüme, Make-Up und Kulisse(n) sehen wunderbar authentisch und schön schmuddelig aus.

Fazit
Um meine anfängliche Behauptung zu wiederholen: The Hateful Eight ist einer der schlechtesten Filme Tarantinos. Das macht ihn zwar immer noch besser als drei Viertel von allem, was jede Woche das Licht eines Kinoprojektors erblickt, aber leider auch zu einer dezenten Enttäuschung. Vielleicht liegt es daran, dass sich Tarantino erstmals eines Genres bedient, in dem er schon einmal gewildert hat. Vielleicht aber auch an seinem allmählich erkennbaren Größenwahn. Sei es, wie es sei, ich bereue es nicht, meinen Plan, nach Berlin zu fahren um ihn in 70mm zu erleben, verworfen zu haben. Ein Kinobesuch von The Hateful Eight ist ohne Frage jedoch ein lohnenswerter. Und wer das Glück hat, in der Nähe eines der vier Kinos zu wohnen, in denen der Film so gezeigt wird, wie vom Macher vorgesehen, der sollte diese Chance definitiv wahrnehmen. Doch sollte man seine Erwartungen auch herunterfahren.

Bilder & Video: (c) Universum Film

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