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Kritik: „Hardcore“

Hardcore (Hardcore Henry, Ilya Naishuller, RUS/USA 2016)

Vor eineinhalb Jahren, in einem der ersten Beiträge auf diesem Blog, habe ich den Trailer zum Point-of-View-Actionfilm Hardcore vorgestellt. Der konnte damals mit der Kombination aus ungewöhnlicher Kameraperspektive und ausgefeilter Choreo-grafie überzeugen und begeistern – ich mutmaßte sogar, dass er „die neue Stufe des Actionfilms“ sein könnte. Und wie das mit Voraussagen eben so ist, gehen sie nur selten in Erfüllung.

Hardcore_Poster_kleinEin kleiner, theoretischer Exkurs
Als erster Spielfilm, der vollständig im subjektiven Point of View aufgenom-men wurde – so wird Ilya Naishullers Film Hardcore beworben. Das entspricht nicht ganz der Wahrheit, denn bereits 1947 versuchte sich Robert Montgomery an einem solchen Film, welcher ausschließlich aus der Perspektive des Protago-nisten gefilmt wurde. Die Dame im Seewie der Krimi-Film hießwurde einstimmig zum ästhetischen und narrativen Fehlschlag erklärt: der subjektive PoV (besser bekannt als Ego-Perspektive) funktioniere im Medium Film nur als kurzzeitiger Einschub, nicht als kontinuierliches Stilmittel. Eine derartige Perspektive erzeuge eine Diskrepanz zwischen aktivem und passivem Blicken:

„Eine permanente subjektive Einstellung ist […] unentschlossen. Einerseits tut sie so, als würde der Zuschauer sehen, vergisst aber, dass Sehen ein aktiver Prozess ist. Der Blick, der in der außerkinemato-grafischen Wahrnehmung vom Blickenden selbst geführt wird, wird ihm nun von der Kamera geboten. Der Zuschauer muss das ansehen, was die Kamera ihm anbietet.“ (Britta Neitzel 2000: 197)

Knapp 70 Jahre später nun also ein zweiter Versuch, jedoch in einem völlig anderen Genre: statt einer Detektivgeschichte diesmal ein knallharter Actionfilm. Was einleuchtet, schließlich hat sich der subjektive Point of View in den letzten zwei Jahrzehnten in einem ganz anderen Medium, dem Videospiel, etabliert und bewährt – und das besonders in Actionspielen. Es lag also nahe, sich hinsichtlich der Story und Inszenierung vor allem an der populärsten Ego-Shooter-Reihe der Gegenwart zu orientieren: Call of Duty. Am Ende muss man aber resümieren, dass es  Hardcore nicht gelingt, einen Gegenbeweis für obige These zu liefern.

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Simpler, aber treibender Racheplot
Hardcore 
erzählt die Geschichte von Henry. Der erwacht ohne Erinnerungen in einem Labor, wo seine fehlenden Gliedmaßen soeben durch Prothesen ersetzt werden. Wenig später wird das Labor von zahlreichen, schwerbewaffnete Soldaten gestürmt, die die anwesenden Wissenschaftler töten und Henrys Frau – ebenfalls Wissenschaftlerin – entführen. Er selbst kommt nur knapp mit dem Leben davon und wird von Jimmy (Sharlto Copley) aufgegriffen. Der begleitet ihn fortan durch einen simplen, aber energiegeladenen und treibenden Rache-Plot – viel mehr Videospiel geht kaum.

Dass man hier keine herausragende Geschichte erwarten darf, ist hoffentlich allen klar. Die Storyelemente von Hardcore fungieren – wie bei den besten Actionfilmen – lediglich als Klebstoff zwischen den Actionsequenzen. Wenn es dann mal etwas ausführlicher wird, nimmt das leider sehr viel Dynamik aus dem Geschehen. In diesen (wenn auch wenigen) Momenten schwächelt der Film doch deutlich, denn weder Figuren noch Story sind innovativ oder interessant genug. Da der Protagonist in bester Ego-Shooter-Manier stumm bleibt, werden die meisten dieser Szenen (glücklicherweise) von Sharlto Copley getragen. Der darf hier gleich in mehreren Rollen sein ganzes Können beweisen, was bisweilen jedoch ins Überzogene abdriftet.

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Ästhetik der Gewalt
Womit Hardcore überzeugen muss (und will), sind seine Actionpassagen. Und hier muss man wirklich den Hut vor den Leistungen der zahlreichen Stunt-Leute ziehen. Besonders die Parcour- und Verfolgungssequenzen fühlen sich authentisch und greifbar an, vermitteln ein wunderbares Gefühl der Körperlichkeit, erreichen des Öfteren sogar die Intensität jener Amateur-Rooftopping-Videos, an denen sie sich ästhetisch orientieren.
Noch mehr als gerannt, geklettert und gesprungen wird jedoch geprügelt und vor allem geschossen. Während ersteres noch vergleichsweise effektiv vermittelt wird, fehlt es den Schusseinlagen hingegen ein wenig an Druck. Gerade bei einem solch schusswaffen-intensiven Film ist es dann doch enttäuschend, dass man die verwendeten Waffenrequisiten als solche erkennt.

Dass Hardcore ein verfilmter Ego-Shooter ist, spiegelt sich auch strukturell wieder. In höchstem Tempo hetzt der Film – jegliche Monotonie vermeidend – von einem Schauplatz zum nächsten und orientiert sich dabei an der für Videospiele typischen Levelstruktur: Tutorial, dann zahlreiche Baller-, Renn-, Fahr- und Geschützsequenzen, am Ende der alles fordernde Endgegnerkampf. Jeder Level / jede Szene ist ein autonomer Abschnitt und kleines Highlight für sich. Kill-Count und Gore-Faktor sind konstant hoch, im Finale wird das Ganze dann (noch weiter) auf die Spitze und bis ins Absurde getrieben. Als Actionfilm liefert Hardcore ordentlich ab.

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Unterhaltsam  – und dennoch belastend
Womit dieser Film jedoch am stärksten zu kämpfen haben, ist die schlichte Tatsache, dass er eineinhalb Stunden dauert. Die oben erwähnte „Diskrepanz zwischen aktivem und passivem Blick“ macht sich nämlich nach spätestens 30 Minuten bemerkbar. Naturgemäß ist die Kamera permanent in Bewegung, macht alle paar Sekunden ruckartige Schwenks. Es gibt nahezu keinerlei optische Ruhe. Die Schnitte sind dabei in der Regel schön unauffällig gesetzt, regelmäßig gibt es aber auch viel zu harte Cuts, die eine unangenehme Lücke in die Wahrnehmung des Zuschauers reißen.

Was ich sagen will: sich Hardcore anzuschauen, ist sowohl mental als auch physisch strapazierend. Was in einem dreiminütigen Trailer noch leicht verträglich ist, ist über 90 Minuten eine Belastung. Und das sage ich als jemand, dessen Videospielkonsum zum Großteil aus Ego-Shootern besteht, womit ich einigermaßen an diese Art der Darstellung gewöhnt sein sollte. Und dennoch fühlte ich mich noch eine ganze Weile, nachdem ich den Kinosaal verlassen hatte, ein wenig benommen.


Fazit

Hardcore 
lässt mich zwiegespalten zurück. Obwohl er als Film lediglich die Ästhetik des Mediums Videospiel kopiert (oder kopieren will), das seinerseits jahrelang vom Medium Film kopiert hat, wirkt er frisch und mutig. Handwerklich ist er ein kleines Meisterwerk. Er macht Spaß – viel Spaß. Und dennoch entpuppt sich hier der Point of View ein weiteres Mal als äußerst problematisches Stilmittel. Hardcore ist ein Experimentalfilm, wahrscheinlich der experimentellste des Jahres 2016 – ein Experiment, das teils gescheitert und teils gelungen ist.

Hardcore startet am 14. April 2016 in den deutschen Kinos.

3,5

P.S.: Ich vermute, dass das Problem mit der dezenten Motion Sickness auf dem heimischen Fernseher nicht annähernd so groß ist, wie bei einer Kinoleinwand. Warten wir deshalb den Home-Release ab…

Literatur:
Neitzel, Britta (2000). Gespielte Geschichten. Struktur- und prozessanalytische Untersuchungen der Narrativität von Videospielen. 
URL: https://e-pub.uni-weimar.de/opus4/files/69/Neitzel.pdf

Bilder & Video: (c) Capelight Pictures

2 Kommentare zu „Kritik: „Hardcore“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Auf diesen Film bin ich gespannt: Ein Ego-Shooter als Film. Allerdings habe ich schon bei der Handkamera-Perspektive in Project Almanac zeitweise meine Probleme gehabt. Hier ist es zwar eine andere Perspektive, aber eben noch immer mit vielen heftigen Schwenks. Schauen wir mal, wie es wird 😉 Die Kritik untermauert auf jeden Fall den Eindruck, den der Film im Trailer gemacht hat.

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    • Ich war ja, wie gesagt, begeistert vom Trailer. Ich würde auch jedem Interessierten empfehlen, den Film zu gucken – vielleicht ist das mit Wahrnehmung ja bei jedem anders. Man muss ihn wohl tatsächlich am besten als Experiment begreifen 🙂

      Gefällt 1 Person

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