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Kritik: „Captain America 3: Civil War“

The First Avenger: Civil War (Captain America: Civil War, Anthony & Joe Russo, USA 2016)

Civil War ist zwar ein äußerst unterhaltsamer Superheldenfilm, der jedoch an einer wesentlichen Hürde scheitert: seinem Vorgänger.

Irgendwann gehen selbst mir die Superlative aus. Deshalb erspare ich mir jetzt mal die obligatorische Einführung, in der ich Captain America 3 als den größten Blockbuster des Frühlings oder gar Jahres heraushebe. Denn so langsam scheine auch ich ein wenig übersättigt zu sein von diesen Comicverfilmungen. Dennoch: Der Hype war groß, das Vorab-Lob der Kritiker ebenso.civil war poster Pustekuchen! Civil War ist zwar ein guter, aber auch vollkommen proto-typischer Marvel-Film – und deshalb, verglichen mit seinem Vorgänger, eine ziemliche Enttäuschung.

Der Marvel’sche Bürgerkrieg
Die Prämisse des Ganzen klang ja höchst interessant: Die Avengers, jene Vereinigung von Superhelden aus dem Marvel Cinematic Universe, hat ein Reputations-Problem. Denn selbst wenn man die Welt rettet, geht dabei immer eine Menge kaputt. Nach den Ereignissen der letzten Marvel-Filme sowie einem Kampfeinsatz in Lagos, bei dem erneut mehrere Zivilisten ums Leben kommen, verlangt die Weltgemeinschaft von den Avengers, ein Abkommen zu unterzeichnen, das sie der UN unterstellen soll. Das spaltet die Masken- und Kostümträger in zwei Lager: Auf der einen Seite diejenigen, die sich dem Willen der Vereinten Nationen beugen wollen, um nicht als Verbrecher abgestempelt zu werden – auf der anderen die, die weiterhin frei und nur sich selbst verpflichtet agieren wollen. Weiter angefacht wird dieser Konflikt durch die Aktionen des nebulösen Schurken Zemo (Daniel Brühl), der im Hintergrund die Fäden zieht.

Captain America 3 ist kein schlechter Film, der im Gegenteil sogar vieles richtig macht. Beispielsweise das Figurenensemble, dem neben zahlreichen bekannten Charakteren auch eine Handvoll neuer hinzuaddiert wird. Letztere erhalten eine solide Einführung, erstere werden um viele Akzente erweitert. Nach Civil War bräuchte der neue Spider Man (Tom Holland, überraschend gut) eigentlich keine Origin-Story mehr (die wird natürlich trotzdem kommen). Und Tony Stark a.k.a. Iron Man (Robert Downey Jr.) lässt hier einen deutlich tieferen Blick in seine Vergangenheit und Persönlichkeit zu, als in den drei Filmen, in welchen er bisher die Titelrolle übernehmen durfte. Ohne Frage: die Russos beherrschen Charakterzeichnung und -balance, denn obendrein ist der Anteil, den jeder Capeträger erhält, überwiegend fair und gut verteilt.

civil war 2

Auch die abwechslungsreichen Schauplätze machen einiges her: Städte, Militäranlagen, Büros, Natur, Tunnel, Bunker – das sieht immer schick aus, ist toll in Szene gesetzt und bietet dem Auge viel Abwechslung. Gelungen ist außerdem die generelle Stimmung, die ein angenehmes Gleichgewicht zwischen Ernst und Komik findet. Der Gag-Anteil hält sich im Vergleich zu Avengers 2 oder gar Deadpool deutlich zurück, wodurch die umfassende Geschichte das rechte Maß an Dramatik und Spannung entwickeln kann.

Die viele kleine Macken…
Es gibt kein Element in Civil War, das man als totalen Fehlschlag bezeichnen könnte. Die Fehler, oder vielmehr Makel, liegen zwar lediglich in kleineren Details – doch fallen verglichen mit dem formidablen Vorgänger so sehr auf, dass in Summe ein ordentliches Stück des Sehvergnügens von The Winter Soldier verloren geht.
Da wäre beispielsweise die Erzähldynamik, die in den ersten eineinhalb der (etwas zu langen) zweieinhalb Stunden Laufzeit überraschend oft ins Zähe, ja fast schon Ermüdende abdriftet. Natürlich, Handlungs- und Spannungsaufbau muss sein. Aber das kann man trotzdem – wie im Vorgänger bewiesen – besser und vor allem knackiger umsetzen. Ich habe mich mehr als nur einmal beim Gedanken erwischt, dass die Handlung und insbesondere die Action nun langsam mal in Gang kommen könnte.

Wo wir gerade dabei sind: Die Action. Auch hier zeigen sich deutliche Schwächen im Vergleich zum zweiten Captain America. Da dominierten noch kernige Kämpfe Mann bzw. Frau gegen Mann (oder Männer), zumeist mit Fäusten oder konventionellen Schusswaffen. Nun, da man mit einer ganzen Reihe von Helden hantieren muss, die wesentlich mehr digitale Effekte erfordern, bleibt nur wenig davon übrig. Die Action in The Winter Soldier fühlte sich trotz einer hochdynamischen Kamera wuchtig und einfach echt an – man erinnere sich den ersten Kampf zwischen dem Prota- und Antagonisten. Die Action in Civil War wirkt hingegen öfter (und vor allem im großen Showdown) zu leichtgewichtig und plastikhaft.

Zu viele Helden, zu wenig Substanz
Vor allem Daniel Brühls Figur lässt mich zwiegespalten zurück. Nun war der Antagonist schon immer die größte Schwäche der Marvel-Filme, was freilich kein Argument dafür ist, diese Tradition fortzuführen. Und in der Tat bildet Zemo diesbezüglich eine erfrischende Ausnahme. Denn weder verfügt der über suprakrasse Fähigkeiten, noch besteht sein Ziel darin, wie alle anderen die Welt beherrschen zu wollen. Zemo wäre tatsächlich ein ziemlich guter Bösewicht, würde er nur jene Zeit und Aufmerksamkeit bekommen, die er verdiente. Leider tritt er aber im Hauptteil des Films neben all den Helden und deren Reibereien zu sehr in den Hintergrund. Sowohl vom Film selbst als auch vom Zuschauer wird Brühls Rolle zu oft vergessen. Mit einem ähnlichen Problem müssen sich übrigens auch die Guten herumschlagen: Steve Rogers (Chris Evansselbst kann nur schwerlich als Hauptfigur bezeichnet werden, gibt er diese Position doch schon fast an Tony Stark ab. Captain America 3 hätte auch problemlos als Avengers 3 oder gar Iron Man 4 vermarktet werden können.

Am stärksten enttäuscht hat mich allerdings die Konventionalität, mit der die Handlung heruntergearbeitet wird. Der Vorgänger hatte auch ohne seinen Superhelden-Kontext tadellos als ebenso spannender wie smarter Action-Agenten-Film funktioniert, welcher überdies mit seiner Kritik an staatlicher Totalüberwachung ein ziemlich heißes und zeitgeistiges Eisen anpackte. Civil War hingegen wurde wieder vollständig vom Marvel-Kosmos assimiliert. Er ist im Kern lediglich eine weitere Comicverfilmung, die in ihrer eigenen Suppe kocht, weder bereit noch fähig, sich thematisch zu öffnen. Selbst der eigentliche Schwerpunkt des Films, sich nämlich mit der Doppelmoral des Superheldentums auseinanderzusetzen, wird nur ansatzweise herausgearbeitet und dient anscheinend nur dazu, einen spektakulären Showdown zu inszenieren. Hier wird eindeutig zu viel Potential liegen gelassen.

Fazit
Captain America 3 
reiht sich nahtlos in all die guten Marvel-Filme der letzten Jahre ein und zählt unter ihnen zweifelsfrei zu den besten. Sein Unterhaltungswert ist hoch, seine Machart gut. Und dennoch kommt er gegen seinen direkten Vorgänger nicht an. Er macht vieles besser als Avengers 2 – und befindet sich in Summe dennoch auf dem gleichen Entertainment-Niveau. Ich gehöre mit dieser Meinung unter jenen, die sich noch für Comicverfilmungen begeistern können, wohl zur Minderheit, doch Captain America 3: Civil War ist ein Rückschritt – und damit eine Enttäuschung.

Edit: Nachdem ich meine Eindrücke ein wenig mehr verarbeitet habe, erhöhe ich die Wertung – wenn auch nur marginal um einen halben, aber entscheidenden Punkt.

4,5

Bilder & Trailer: (c) Marvel Studios

 

4 Kommentare zu „Kritik: „Captain America 3: Civil War“ Hinterlasse einen Kommentar

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