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„Vorsicht: Spoiler!“ #3 – Spoiler vs. Realität

Im letzten Teil habe ich mich mit den Positionen der Kritiker der Spoiler-Paranoia auseinandergesetzt. Diesmal soll es um die Frage gehen, was passiert, wenn Spoiler und außerfilmische Realität aufeinander treffen.

Zurück zu Teil 2: „Die unberechtigte Angst?“

„Nein Luke, ich bin dein Vater.“

Dieser Satz aus Star Wars Episode V – einer der bekanntesten der Popkultur – muss, wenn er außerhalb des Filmes geäußert wird, im Grunde genommen als Spoiler gekennzeichnet werden. Und doch wird das provisorisches „Spoiler Alarm!“, das darauf erwidert wird, wohl immer mit einem ironischen Unterton versehen sein. Denn eben jenes Zitat, jener Twist hat mittlerweile den Status „Allgemeinwissen“ erreicht und dürfte höchstens noch denen unbekannt sein, die sich in den letzten 40 Jahren unter einem Stein versteckt haben.

Darth VaderVielmehr noch ist dieser Satz zu einem Mem geworden. Um diesen Begriff kurz zu erklären: Ein Mem ist das soziokulturelle Äquivalent zu einem Gen. Beide dienen der Weiterverbreitung von Informationen und erfahren dabei jedes Mal eine Mutation, sind also einem steten Fluss der unberechenbaren Veränderung unterworfen. Doch während Gene Träger biologischer Informationen sind, sind Meme Träger kultureller Informationen: Ideen, Ideologien, Theorien, Zitate etc. pp. Die entscheidende Gemeinsamkeit von Genen und Memen ist jedoch, dass es in ihrer Natur liegt, weitergegeben zu werden – im Kontrast zu Spoilern, deren Weiterverbreitung man ja eigentlich so gut wie möglich eindämmen will.

Etwas ähnliches hat sich übrigens auch bei Game of Thrones ereignet. [Indirekter Spoiler] Dort gingen vor einigen Jahren diverse Reaktionsvideos zur berüchtigten Red Wedding um die Welt. Zwar sah man in keinem davon, worauf genau die Leute so extrem reagierten, dennoch ist das Ganze ebenfalls zu einem Mem geworden – einem Meta-Mem, wenn man so will.

Nun ist es nur schwer nachvollziehbar, wie dramatisch dieser Twist, bei dem Darth Vader gegenüber Luke Skywalker gesteht, dessen Vater nicht getötet zu haben, sondern dieser zu sein, seinerzeit wirklich war. Ob also das Kinopublikum von 1980 (zu dem ich leider nicht gehörte) tatsächlich geschockt war oder ob diese Wendung schon damals wie jenes Klischee wirkte, das es im Grunde genommen ist.
Wohin mich dieses Beispiel jedoch führt, ist eine sehr interessante und schwierige die Frage, nämlich ob es so etwas wie eine Spoiler-Halbwertszeit bzw. -Haltbarkeit gibt. Das heißt, ob es also eine relativ fest bestimmbare Zeitspanne ab dem Erscheinen eines Werkes gibt, nach welcher nicht mehr von einem Spoiler gesprochen werden kann bzw. darf. Denn es wirkte schon absurd, würde sich jemand über Spoiler zu Kubricks 2001: A Space Odyssey oder Coppolas Der Pate beschweren, bei denen es sich ja ebenfalls um Filme handelt, die einen reichhaltigen Schatz an Memen hervorgebracht haben.

Diese Frage wirft aber zwangsläufig eine weitere, noch viel schwierigere auf: Wo soll diese zeitliche Grenze gezogen werden? Nach 15 Jahren? Nach 5 Jahres? Vielleicht auch schon nach einem Jahr? Jede Antwort – so scheint es – wäre willkürlich. Doch wolle man für eine möglichst kleine Zeitspanne plädieren, so ließe sich zumindest bei Serien und Filmen argumentieren, dass diese spätestens nach ihrer Free-TV-Ausstrahlung zu Freiwild werden – dann also, wenn sie wirklich jeder ohne nennenswerten Aufwand gesehen haben kann.
Andererseits: Ist das jüngeren Generationen gegenüber nicht unfair? Ihnen die Chance zu nehmen, Welles, Hitchcock, Kubrick oder Coppola so wahrzunehmen, wie die damaligen Kinobesucher, die noch nicht genauestens über Inhalt und Stilistik informiert waren? Die noch überrascht wurden? Möglicherweise kann man hierüber nur diskutieren, doch niemals zu einem allgemeingültigen Urteil finden.


Man kann allerdings nicht nur von anderen Menschen gespoilert werden – sondern auch von der Realität selbst. Denn natürlich ist jedem halbwegs gebildeten Zuschauer bereits vorher bekannt, dass die Titanic am Ende von James Camerons gleichnamigen Film untergehen wird. Und trotz dessen ist Titanic zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten geworden. Doch dieses Beispiel ist kein sehr dankbares. Einerseits lag das hier dargestellte Geschehen schon bei der Veröffentlichung des Films 85 Jahre zurück und war eine internationale Tragödie – andererseits liegt der Fokus der Handlung weniger auf dem zeitgeschichtlichen Ereignis, das lediglich den narrativen Rahmen für die Romanze zwischen Kate Winslet und DiCaprio bildet.

Viel interessanter ist da schon das Beispiel American Sniper[Spoiler voraus] Das Schicksal des Scharfschützen Chris Kyle war in den USA bereits vor Clint Eastwoods Biopic allseits bekannt, war sein Tod zumindest eine kleine, nationale Tragödie. Hierzulande hingegen wussten nur die wenigsten (einschließlich mir) über den Mann und dessen Ermordung Bescheid. Kann man deshalb als deutscher Zuschauer von einem Spoiler sprechen, wenn dieser Fakt in einer Kritik erwähnt wird, als amerikanischer hingegen nicht? Eine ähnliche Frage ließe sich bei jedem anderen Biopic und jedem Historiendrama, das auf wahren Tatsachen beruht, stellen: Kann man etwas spoilern, das bereits in der außerfilmischen Realität stattgefunden hat und deshalb eigentlich bekannt sein sollte?

american sniper

Es lässt sich nicht abstreiten, dass das Unwissen über derartige historische Tatsachen oder die Biografien porträtierter Personen für ein deutlich höheres Sehvergnügen sorgen kann. Zuletzt konnte ich das erst selber bei der Netflix-Produktion Narcos feststellen. Über Pablo Escobar waren mir bis dato nur grobe Details bekannt. Umso tiefer saß jedes Mal die Überraschung und der Schock über das, was der Mann damals in Kolumbien verursacht hatte. In solchen Momenten entfalten diese Werke einen fast schon pädagogischen Charakter. Lässt sich in diesem Zusammenhang noch von „Spoilern“ sprechen? Mein Gefühl sagt „Nein“, der Nerd in mir „Ja, aber ist nicht so schlimm.“

Viele Fragen, auf die ich selber keine endgültigen Antworten finden kann und will. Denn letztlich hat jeder sein ganz eigenes Verständnis von Spoilern – und seine ganz eigene Schmerzgrenze. Und doch spricht vieles dafür, nicht bei jedem noch so kleinen Handlungsdetail gleich die „Spoiler“-Keule auszupacken – sei es aufgrund des Alters, der „Mem-haftigkeit“ oder des Faktes, dass der Film, das Buch oder die Serie auf historischen Tatsachen basiert.


Im vierten und letzten Teil möchte ich in den Chor der Kritik an zeitgenössischen Trailern einstimmen und damit verbunden auf jenes Phänomen eingehen, welches ich das „Spoiler-Paradoxon“ nennen will.

Bildquellen:

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