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Kritik: „The Witch“

The Witch (The VVitch – A New-England Folktale, Robert Eggers, USA/CAN 2015)

„Religion is based, I think, primarily and mainly upon fear“, schrieb der britische Philosoph Betrand Russel einst in seinem Essay Why I’m not a ChristianAngst als Grundlage des Gottglaubens. Der Horrorfilm The Witch ist die filmgewordene Untermauerung dieser These.

Im frühen 17. Jahrhundert wird ein Puritaner aufgrund seiner extremen religiösen Haltung von seiner Gemeinschaft verstoßen. Zusammen mit seiner Frau und seinen fünf Kindern zieht er aus in die Wildnis, um sich am Rande eines Waldes ein neues Heim aufzubauen. Doch dieser Wald – das wird früh deutlich – beherbergt etwas Bösarti-ges und Grauenhaftes. Und schon bald kommt das Unglück über die kleine, gottesfürchtige Familie.the witch poster klein

Keine falsche Erwartungen, Leute!
Wer The Witch als Horrorfilm bezeichnet – was er de facto ist – läuft möglicherweise Gefahr, falsche Erwartungen zu wecken. Denn dieser Film entspricht nur bedingt dem, was in jüngster Vergangenheit den Mainstream des Horrorgenres bildete. Jumpscares, Highschoolkids, die von Geistern und entstellten Dämo-nen gejagt werden, blutige Slasher-orgien – all das könnte nicht ferner von The Witch entfernt sein. Basierend auf einer Volkslegende aus Neuengland hat Robert Eggers einen Film geschaffen, der sich weder mit billigen Schocks, noch dem Erzeugen blanker Panik begnügt. Stattdessen verlässt er sich auf die hypnotische Wirkung seiner Bilder, musikalischen Untermalung und zum Schneiden dichten Atmosphäre. Denn diese drei Aspekte des Gruselgeschichtenerzählens beherrscht er fraglos.

Das beginnt bereits mit der ersten Sequenz, in der sich die bedrohliche Soundkulisse in unheimliche Sphären steigert, nur im richtigen Moment abzubrechen. Oder den diversen Kameraeinstellungen, die den Wald neben dem neuen Anwesen der Familie schon aus der Ferne als einen Ort inszenieren, der noch fern menschlicher Kontrolle ist und jeden Blick in sein Inneres verweigert. Die Mittel, mit denen hier Spannung erzeugt wird, sind anfangs noch höchst subtil gesetzt, werden aber sukzessive durch immer konkretere und verstörendere abgelöst. Und so verkommt das neue Heim, das doch eigentlich ein Ort werden sollte, an dem diese Familie ihren Glauben wahrhaftig praktizieren wollte, immer mehr zu einer Brutstätte, in der das Böse langsam wachsen und gedeihen kann. The Witch lässt von dieser Steigerung niemals ab oder dem Zuschauer eine größere mentale Pause, sondern macht damit bis zu seinem unvermeidbaren Ende konsequent weiter.

the witch 02

Eher ein Grusel- denn ein Horrorfilm
Der interessanteste Aspekt von The Witch ist jedoch das Verhältnis zwischen Religion und Glaube, das hier die Grundlage der Handlung bildet. Denn je aussichtsloser und verzweifelter die Lage wird, je mehr sich die gottesfürchtige Familie dem Abgrund nähert, desto mehr flüchten sich vor allem die Eltern in die Religion, versinken in Stoßgebeten und verlieren damit umso mehr die Fähigkeit, ihre Situation tatsächlich zum Besseren zu wenden. Vor allem die Rolle des fundamentalistischen Vaters – anfangs noch ein Patriarch vor dem Herrn (im wahrsten Sinne des Wortes) – wird allmählich dekonstruiert, wenn er sich von Szene zu Szene seiner inneren wie äußeren Ohnmacht nähert. The Witch liefert damit – wenn auch in einem ganz anderen Sinne als dem ursprünglichen – eine eindrucksvolle Bestätigung von Betrand Russels oben zitierter These: Angst ist eine (wenn nicht gar die) konstituierende Kraft von Religion.

The Witch funktioniert als psychologischer Horrorfilm, nicht aber als klassischer Schocker oder gar Slasher. Und erst recht nicht als Creature Feature. Der Horror, der von diesem Film ausgeht, ist einer, der sich in erster Linie im Kopf und allmählichen Verfall seiner Charaktere äußert. Dies wahrnehmen und genießen zu können, macht der Film einem aber auch nicht schwer, denn seine Figuren sind zwar nicht sympathisch, aber trotz dessen absolut greifbar und glaubwürdig, was ihn von den Teenagern der üblichen B-Ware dieses Genres merklich abhebt. The Witch will nicht mit aller Macht Angst erzeugen oder den Zuschauer Erschrecken, was in den meisten Fällen ohnehin das genaue Gegenteil bewirkt. Stattdessen erzeugt er eine sich konstant steigernde Stimmung des Unwohlseins und der Beklemmnis. Und das ist eine viele effektivere, weil weniger gewollte Form des Horrors.

Fazit
The Witch 
ist keinesfalls die Revolution des Horrorgenres, wie es ihm (und viel zu vielen anderen Filmen) gerne angedichtet wird. Aber eine Revolution zu sein ist auch gar nicht nötig, um ein sehr guter Film zu sein. Und ein solcher ist The Witch definitiv. Wer einen „typischen“ Horrorfilm erwartet, kann nur enttäuscht werden, denn das Regiedebut (!) von Robert Eggers funktioniert auf einer ganz anderen Ebene: einer mythischeren und psychologischen, die auf die kraftvolle Wirkung einer hypnotischen Atmosphäre setzt. Diese Aufgabe meistert er bravourös.

5,5Bilder & Video: (c) Universal Pictures Germany

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