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Kritik: „Dämonen und Wunder – Dheepan“

Dämonen und Wunder (Dheepan, Jacques Audiard, FRA 2015)

Das französische Migrationsdrama Dheepan erzählt die Geschichte dreier Flüchtlinge aus Sri Lanka und will das Bewusstsein für die Probleme von Migration und Integration schärfen – hat dabei allerdings mit einigen Schwächen zu kämpfen.

Eine schrecklich unfreiwillige Familie
Die Szenerie beginnt mit Feuer. Ein Mann verbrennt seine Kleidung in einem lodernden Scheiterhaufen, zwischen den Flammen ist ein menschlicher Schädel zu erkennen. Parallel dazu durchstreift eine Frau ein Lager, das aus provisorischen Unterkünften und Zelten besteht, auf der Suche nach einem Kind, das keine Eltern mehr hat. Als sie schließlich eine neunjährige  Waise findet, zerrt sie sie zu einem Beamten, der den beiden sowie dem Mann aus der ersten Szene neue Identitäten bescheinigt: sie sind jetzt eine Familie. Die Abreise kann beginnen, das Flugzeug fliegt ab Madras – Richtung Europa.dheepan poster

Wenn sich Filme aktuellen politischen und soziokulturellen Problemen widmen, ist das ja schon mal prinzipiell lobenswert. Wenn es dann auch noch auf eine solch feinfühlige und ambivalente Weise wie in Dheepan geschieht, umso mehr. In das Gewand eines Portraits gekleidet, das das Schicksal dieser drei Flüchtlinge zeigt, welche aus dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka nach Frankreich fliehen, zeigt der Film, dass es für Migranten auch nach ihrer Ankunft keinesfalls leicht wird. Denn die Reise selbst ist nach wenigen Minuten abgehandelt – den Schwerpunkt bilden stattdessen all die Probleme, mit denen sie sich die drei in ihrer neuen Heimat konfrontiert sehen.

So findet die „Tochter“ Illayaal (Claudine Vinasithamby) weder Freunde noch Anschluss, wird in der Schule ausgegrenzt, muss die Dolmetscherin für die notgedrungen zusammengewürfelte Scheinfamilie spielen und findet in ihren neuen Eltern keinen Ersatz für ihre verstorbenen. Die „Mutter“ Yalini (Kalieaswari Srinivasan) muss sich um die spärlich eingerichtete Wohnung kümmern und nimmt wenig später einen Job als Haushaltshilfe an, wo sie mit den lokalen Kleinkriminellen in Kontakt kommt. Und der „Vater“ Dheepan (Antonythasan Jesuthasan) darf als Hausmeister zumindest ein wenig zum Zustand der Gemeinde beitragen, sieht sich aber auch bald mit den örtlichen Gangstern und seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Das soll also das verheißungsvolle Europa sein? Zumindest muss man hier nicht mehr jeden Tag Angst haben, erschossen zu werden – aber auch das stellt sich recht schnell als Trugschluss heraus.

dheepan 02

Greifbare Figuren, erzählerische Probleme
Als figurenzentrierter Film bleibt Dheepan immer ganz nah bei seinen Akteuren – sowohl inhaltlich als auch ästhetisch – und konzentriert sich auf deren Alltag und Entwicklung. Das ist im Kern gelungen, denn der Film nimmt seine Charaktere ernst und zeichnet sie als echte Menschen, die gerade aufgrund ihrer Fehler und Schwächen (sowie der sehr guten schauspielerischen Leistungen) äußerst authentisch wirken, inklusive zahlreicher, kleiner Momente der Menschlichkeit. Sie sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch und Willen zur Anpassung – und dem nur allzu menschlichen Bedürfnis, trotz allem die eigene Identität zu bewahren.

Was sich hier als größte Stärke des Films entpuppt, wirft zugleich aber auch einige Probleme auf. Denn zum einen gestaltet sich die hier gewählte ruhige und indirekte Erzählweise recht zäh, im zweiten Akt kann Dheepan zu wenige Höhepunkte setzen, was bisweilen ermüdend ist. Zum anderen gelingt es dem Film nicht, ein gutes Gefühl für seine zeitlichen Verhältnisse zu vermitteln. Während der titelgebende Protagonist in einer frühen Szene noch vor einer unüberwindbaren Sprachblockade steht, kann er sich wenige Minuten später halbwegs mit einheimischen Anwohnern verständigen.

Dheepan schwankt im Mittelteil also – so paradox sich das lesen mag – zwischen zäh und sprunghaft, kann diese Probleme jedoch gegen Ende abwerfen und zieht in der letzten halben Stunde noch einmal ordentlich an. Dabei schießt der Film allerdings ein wenig über sein Ziel hinaus. Denn so treibend und spannungsgeladen das Finale auch sein mag (bzw. sein will), so sehr steht es doch in einem überraschend großen Kontrast zum Rest des Films und schließt zudem mit einer Szene, die die Subtilität und Ambivalenz der letzten 110 Minuten einem zuckersüßen Happy End opfert. Das will alles nicht so recht passen.

Fazit
Ja, Dheepan hat mit vielen Macken zu kämpfen. Und ist dennoch ein guter Film, dessen Hauptanliegen – ein Bewusstsein für die Probleme von Migranten und ihrer Integration samt Sprachbarrieren, Arbeitssuche, Ausgrenzung sowie kulturellen Reibungen und Widersprüchen zu schaffen – sehr gut zur Geltung kommt. Die Entscheidung, den Film bei den letztjährigen Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme auszuzeichnen, mag primär eine politische gewesen sein. Das macht sie aber noch lange nicht zu einer schlechten oder gar falschen Entscheidung.

Dämonen und Wunder – Dheepan ist ab dem 24.06.2016 auf DVD, Blu-Ray und per VoD erhältlich.

4,0

Bilder & Video: (c) Weltkino

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