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Kritik: „High-Rise“

High-Rise (Ben Wheatley, UK 2015)

Im Dystopie-Thriller High-Rise wird ein Wohnhaus zum Sitz des Wahnsinns. Ein Film mit unglaublich viel Potential, der aber an den entscheidenden Stellen versagt.Snowpiercer im Hochhaus“ war die Phrase, die die Vorberichterstattung zu High-Rise bestimmte. Und auch der Trailer sah mehr als vielversprechend aus: Tom Hiddleston als Bewohner eines Hochhauses, das von der Außenwelt abgeschottet ist und in dem die Reichen ganz oben wohnen, während das einfache Volk in Erdge-schossnähe untergebracht ist? Bin Ich dabei! Nur leider sind in der Umsetzung zu viele Fehler gemacht worden – und der Vergleich mit Snowpiercer schon fast Majestätsbeleidigung.high rise poster

There is a house…
Im London der 70er Jahre gibt es ein neues Wohnprojekt: Fünf Hochhäuser, die als autonome Wohngemeinschaften angelegt sind: Supermarkt, Fitnessstudio, Parks, selbstständige Strom- und Was-serversorgung. Verlassen muss man sein Heim eigentlich nur noch, um auf Arbeit zu gehen. Einer der neuen Bewohner ist der Hirnchirurg Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston a.k.a. der nächste große Shootingstar Hollywoods), der schnell Kontakt zur über ihm wohnenden Char-lotte (Sienna Miller) aufbaut. Die ist nicht nur ein fleißiges Partybienchen, sondern fungiert auch als Klatschtante des Hauses und weiß damit über jedes dunkle Geheimnis Bescheid.
Natürlich muss diese vermeintlich Utopie irgendwann auseinander brechen. Die Stromausfälle in den unteren Etagen werden häufiger, die weniger wohlhabenden Bewohner der unteren Etagen lassen das Haus im Müll ersticken, während sich die Eliten im Dachgeschoss in Orgien und Dekadenz verlieren.

High-Rise belegt jedoch, dass eine interessante Prämisse noch lange keinen guten Film macht. Hier mangelt es an so vielen Ecken und Enden – und besonders an den entscheidenden. Der Einstieg ist dabei noch am besten gelungen: Foreshadowing, Vorstellung von Schauplatz und Figuren – alles ganz klassisch und solide. Aber auch recht kühl und unnahbar, was sich schon bald negativ bemerkbar macht. Hiddleston soll (und muss) in all diesem Wahnsinn als Identifika-tionspunkt des Zuschauers fungieren, bleibt aber ein viel zu kryptischer und oberflächlicher Charakter, um diese Funktion effektiv ausüben zu können. In der zweiten Filmhälfte tritt er sogar so weit in den Hintergrund, dass er für die Handlung keinerlei Rolle mehr spielt. Als Zuschauer kann man sich hier an keiner Stelle emotional investieren. Die Folge: Die Geschehnisse in High-Rise lassen nur den Blick von außen zu, Spannung oder Dramatik wollen nicht aufkommen, auch wenn sich der Film spürbar Mühe gibt, doch noch irgendeine affektive Reaktion hervorzurufen.

HighRise01

Alles für die Metapher
Dem arbeitet aber nicht nur Hiddlestons Figur entgegen, sondern traurigerweise auch die übrigen Mitglieder des durchweg gut besetzten Casts (u.a. Jeremy Irons, Elizabeth Moss und Luke Evans), die sich allmählich zu immer skurrileren und damit ungreifbareren Figuren entwickeln. Anstatt in diese Welt einzutauchen, baut man immer mehr Distanz zu ihr auf, bis hin zu dem Punkt, an dem einen die Ereignisse auf der Leinwand kalt lassen. High-Rise bietet dem Zuschauer einfach keinen Halt.

Vielmehr noch als für die Figuren gilt diese Aussage für die Welt, die in High-Rise aufgemacht  wird. „Die Welt“, das ist in diesem Falle der graue Monolith, in dem sich die gesamte Handlung abspielt (mit Ausnahme einiger minimal kurzen Szenen, die sich an einer Hand abzählen lassen). Darauf gründen sich dann auch all die Snowpiercer-Ver-gleiche: In beiden Filmen soll ein begrenzter Raum – Zug bzw. Hochhaus – zum autarken Ökosystem und Querschnitt der gesellschaftlichen Verhältnisse werden. Während das in Bong Joon Hos postapokalyptischer Vision gelingt, hat Hise-Rise mit zwei entschei-denden Problemen zu kämpfen:

Zum einen wird kein schlüssiges Gesamtbild gezeichnet. Ein paar Wohnungen, vier, fünf Korridore, Supermarkt und Schwimmbad – das ist alles, was man zu sehen bekommt und das bei weitem nicht reicht, um einen glaubwürdigen Gesamteindruck entstehen zu lassen. Wo kommen Wasser und Strom her? Gibt es ein Restaurant oder vielleicht eine Bücherei? Eine Schule? High-Rise gibt darauf keine Antworten.

Zum anderen zerreißen zahlreiche kleine Logiklücken die Illusion. Ganz groß steht zum Beispiel die (im Film sogar explizit gestellte) Frage im Raum, warum bei derart vielen Todesfällen nicht irgendwann die Staatsgewalt vor der Tür steht. Warum nicht mal jemand den Müll rausbringt. Oder warum denn der Supermarkt keine neue Waren ordert, wenn das Sortiment zu vergammeln beginnt. Ganz so autark scheint dieses Hochhaus nämlich doch nicht zu sein: man kann sein Heim scheinbar jederzeit verlassen, ohne daran gehindert zu werden. In der Buchvorlage mag so etwas aufgrund der stärkeren Abstraktion noch funktionieren – in einer filmischen Adaption geht dadurch jedoch vieles kaputt.

HighRise03

Die mögliche Erklärung für diese Fehler: In High-Rise ist alles der großen Metapher untergeordnet. Der Verfall einer kapitalistischen Klassengesellschaft – die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer dekadenter, und am Ende verlieren alle. So weit, so platt. Ambivalente Gesellschaftskritik geht jedenfalls anders, aber eindimensionale kann ja trotzdem funktionieren, wenn man sie denn nur ansprechend präsentiert. So scheitert High-Rise an der Tatsache, dass die noch so wertvollste Botschaft nicht ankommt, wenn ihre Verpackung nicht stimmt.

Höhenangst
Der Vergleich mit Snowpiercer (zugegeben etwas, das dem Film vor allem von Presse-stimmen angedichtet wurde) ist letztlich vor allem deshalb unangebracht, weil High-Rise  die Struktur seiner Welt nicht in seine Erzählweise übersetzt. In Snowpiercer wurde – ebenso simpel wie effektiv – von links nach rechts erzählt. Jeder Schritt, jeder Blick nach rechts bedeutete Progression – und jeder nach links Regression. (Ich empfehle dazu dringend das entsprechende Video-Essay von Every Frame a Painting.) In High-Rise hingegen gibt es keine kontinuierliche Bewegung von unten nach oben (oder umgekehrt). Das mag der Vorlage gerecht werden, ist aber verschenktes Potential, denn genau zu solchen Dingen ist das Medium Film fähig. Selbst ein solcher simpler Actionfilm wie The Raid hat das geschafft.

Fazit
High-Rise 
ist eine Enttäuschung. So viel Potential, so ein interessantes Setting, dessen innere Logik aber der allumfassenden Metapher geopfert wird. Das reißt so viele Löcher und Lücken in die Handlung, dass schlussendlich kaum noch Substanz übrig bleibt. High-Rise zieht einfach so am Zuschauer vorbei. Er soll einen vielleicht so verstört zurück-lassen, wie seine Figuren, sorgt aber nur für ein bisschen Verwirrung und viele offene Fragen – leider sind es die falschen.

2,5

Bilder & Trailer: (c) DCM

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8 Kommentare zu „Kritik: „High-Rise“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Die Einleitung ist tatsächlich gut gelungen, doch der Übergang vom braven Hochhaus zum Horrorturm erfolgt mittels einer Montage. Danach muss man sich noch einmal völlig neu orientieren. Ich habe die Romanvorlage nie gelesen, aber im Buch ist dieser Übergang wohl auch so komisch (hab ich gehört). Mir ging das etwas zu schnell. Ansonsten fand ich HIGH RISE etwas besser als SNOWPIERCER und die Story in sich auch schlüssiger, aber ich hatte mit beiden Filmen meinen Spaß.

    Gefällt 1 Person

    • Genau, dieser Übergang geschah mir auch viel zu plötzlich. Snowpiercer ist einer dieser Filme, die ich trotz ihrer ganzen Schwächen einfach wahnsinnig gut finde. Da hat mich vor allem das „Worlbuilding“ vollkommen überzeugt. Und genau dieser Punkt hat für mich in High-Rise überhaupt nicht funktioniert…

      Gefällt 1 Person

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