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Kritik: „Don’t breathe“

Home Invasion mal umgekehrt: In Don’t breathe wird ein Haus für drei Kleinkriminelle zur Todesfalle. Ein herrlich kompakter und reduzierter Horrorthriller.Ein Titel, der nach typischer B-Horrorfilm-Ware klingt und ein Trailer, der im Gegensatz dazu äußerst interessant aussah: Don’t breathe weckte schon lange vor seinem Kinostart große Erwartungen bei Zuschauern und Kritikern, generierte einen ordentlichen Hype, konnte an den US-Kinokassen und zuletzt nun auch mich überzeugen. Don’t breathe ist kein Meilenstein, aber besonders für Freunde guter Horrorthriller ein absolut rundes Erlebnis.ont-breathe-poster

Home Invasion reverse
Die Wirkung des Subgenres der Home Invasion-Filme basiert auf einer ganz grundlegenden, nachvoll-ziehbaren Angst: die Sicherheit der eigenen vier Wände wird durch einen Eindringling ins Gegenteil verkehrt – aus einem Hort der Sicherheit und des Wohlbefindens wird ein Ort der Gefahr. Das Allerheiligste des Menschen – sein Heim, seine Privat- und Intimsphäre – werden zerstört. Don’t breathe fußt auf ebendiesem Prinzip, bringt jedoch frischen Wind ins Genre, indem er die die Rollen von Prota- und Antagonist umkehrt. Ein Einbrecher-Trio, bestehend aus der in White-Trash-Verhältnissen aufgewachsenen Rocky (Jane Levy), dem Unternehmersohn Alex (Dylan Minnette) und dem Kleinganoven Money (Daniel Zovatto), brechen in das Haus eines blinden Kriegsveteranen ein, der Gerüchten zufolge auf einem kleinen Vermögen sitzt – ein letzter, großer Coup. Der „Blind Man“ (Stephen Lang) ist jedoch nicht ansatzweise ein so leichtes Opfer, wie zunächst gedacht, sondern weiß sich bestens zu wehren. Und er genießt Heimvorteil.

Die Kunst der Reduktion
Die Qualitäten eines Autors lassen sich nicht mit der Quantität seiner Werke gleichsetzen. Das gilt sowohl für deren Menge, als auch deren Länge: wer viel produziert ist kategorisch weder ein schlechter, noch ein guter Geschichtenerzähler. Und doch bin ich überzeugt, dass zur Kunst des Erzählens auch die Fähigkeit zur Reduktion gehört. Ein Film braucht schon einen guten Grund, um mehr als zwei Stunden Laufzeit zu beanspruchen – und einen sehr guten, um die zweieinhalb zu überschreiten.
Jene Reduktion ist dann auch das, was Don’t breathe so sehr auszeichnet. Eine Länge von nicht einmal 90 Minuten, vier Figuren, ein Schauplatz und eine Handlung, die nach einem knackigen (aber ausreichenden) Einstieg ohne viel Schnickschnack und überflüssige Elemente zurechtkommt – und dementsprechend intensiv und temporeich erzählt wird.

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Don’t breathe ist dabei keine pausenlose Hetzjagd, sondern wartet mit einer gelungenen Mixtur aus ruhigen und extrem hektischen Momenten auf. Immer wieder lässt man dem Publikum Zeit zum Verschnaufen und baut zugleich Spannung auf. Die entlädt sich ein ums andere mal in Jumpscares, welche zwar – ebenso wie einige der Storywendungen – zuweilen recht vorhersehbar sind, aber zu keiner Zeit überhand nehmen.
Gelungen ist auch der Schauplatz. Das Haus des „Bilnd Man“ wird besonders am Anfang in vielen langen und ruhigen Kamerafahrten ausführlich erkundet, sodass man ein sehr schönes Gefühl für dessen Architektur bekommt. Überhaupt: die Kamera wird vielfach virtuos eingesetzt, bietet einige wirkliche Glanzmomente und bricht nie in unübersicht-liches Gewackel aus. Selbst in Momenten größter Panik bleibt das Geschehen klar und nachvollziehbar.

Bodenständiger Horror
Dass dieser Film in Summe jedoch so gut ist, liegt an drei Faktoren, die ihn nahezu von seiner gesamten modernen Genreverwandtschaft abheben.
Erstens ist Don’t breathe kein Gore-Fest und verzichtet auf allzu viele und allzu explizite Gewaltdarstellungen. Zwar gibt es im späteren Verlauf eine extrem unangenehme Szene, doch „Ekel“ ist definitiv nicht die Emotion, die Regisseur Fede Alvarez in erster oder auch nur zweiter Linie triggern will.

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Zweitens sind die Figuren nicht die genreüblichen Vollidioten, also solche, die es zum Beispiel für eine gute Idee halten, sich in Gefahrensituationen aufzuteilen. Zwar mag auch hier die „Heldin“ nicht die allerhellste sein. Doch eine solch krasse Dissonanz zwischen instinktiv angebrachter und tatsächlich Reaktion (sprich: Weglaufen/Zuschlagen vs. dumm starren/panisch kreischen) wie in vielen anderen Horrorfilmen, gibt es hier nicht. Don’t breathe nimmt sowohl seine Figuren als auch den Zuschauer ernst.
Drittens – und dafür bin ich besonders dankbar – beweist Alvarez, dass Horror heutzutage auch gänzlich ohne übernatürliche oder auch nur mystische Elemente funktionieren kann. Stattdessen sind es ausschließlich Enge, Orientierungslosigkeit und vor allem das puristische Gefühl körperlicher Unterlegenheit, auf denen der Horror von Don’t breathe fußt.

Fazit
Don’t breathe ist keine Genrerevolution, aber dennoch eine kleine Offenbarung – und vor allem ein verdammt guter Film. Man kann sich an der rudimentären Charakterzeichnung stören. Daran, dass der sozialkritische Anstrich des Anfangs nach 20 Minuten keine Rolle mehr spielt. Oder daran, dass die Erklärung, warum der „Blind Man“ in einer verlassenen Gegend lebt, eher Mittel zum Zweck ist. Genau diese Reduktion ist es jedoch, die Don’t breathe so großartig macht. Er ist einer der wenigen modernen Horrorfilme, die von sich behaupten können, nicht nur eine Ansammlung billiger Schocker zu sein und zudem noch ohne jedweden überflüssigen Storyballast daherkommen. Kein Film für die Ewigkeit, aber ein durch und durch rundes Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

5,0

Bilder & Video: (c) Sony Pictures

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