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Kritik: „Blair Witch“

Blair Witch (Adam Wingard, USA 2016)

Die Hexe von Blair kehrt zurück und spaltet die Meinungen. Blair Witch macht einiges richtig, kann sich jedoch nicht weit genug von seinem Vorgänger lösen.

Wenn man es mal ganz nüchtern betrachtet, dann ist Blair Witch Project von 1999 kein besonders guter Film. Drei Laiendarsteller, die mit zwei billigen Kameras bewaffnet durch die Botanik laufen, produzieren hektische, verschwommene Bilder einer diffusen Waldkulisse und ganz viel panisches Geschrei, die Umgebung ist immer gleich, die Story marginal und das Ende unbefriedigend.blair-witch-poster

Kultfilm sucht Nachfolger
Sieht man das Ganze jedoch im größeren Zusammenhang, wird klar, warum die Geschichte um Heather und ihre beiden Begleiter einen solchen Kultstatus innehat. Da wäre zum einen wirtschaftliche Aspekt, denn mit einem fünfstelligen Budget knapp 250 Millionen Dollar einzuspielen, ist nach wie vor Rekord. Zum zweiten die ästhetische Vorreiterrolle: zwar hat Blair Witch Project das Genre „Found Footage“  nicht erfunden (zumal diese Bezeich-nung ursprünglich ein ganz anderes filmisches Konzept meinte), aber derart populär gemacht, dass wir seitdem mit zahllosen billig produzier-ten B- und C-Horrorfilmen dieser Machart überschwemmt wurden. (Unter denen gibt es aber fraglos auch einige gute.) Und zum dritten war das Marketing brillant: gefakte Internetseiten, Gerüchte und Wikipedia-Einträge – all das, was man heute als „viral“ bezeichnet, machte BWP schon Jahre, bevor es diesen Begriff überhaupt gab.

So viel zur Vorgeschichte. Seit einigen Tagen läuft nun die Fortsetzung des Found-Footage-Pionierfilms in den deutschen Kinos (über die misslungene Fortsetzung von 2000 hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens). Und zumindest auf dem Papier macht sie vieles richtig. Dennoch leidet der schlicht Blair Witch betitelte Film unter einem großen Problem: er löst sich nicht weit genug von seiner Vorlage.

Bruder sucht Schwester
Worum es geht, kann man also schon erahnen: vier Kids begeben sich mit Kameras bewaffnet in den Wald – den selben Wald, in dem sich bereits die Ereignisse des Vorgängers abgespielt haben. Eines dieser Kids ist der Bruder von Heather, die vor einigen Jahren in den Wäldern von Burkittsville verschwand. Nun aber taucht ein unheimliches Video im Netz auf, auf dem er seine Schwester zu sehen glaubt. Zwei Einheimische begleiten die Gruppe auf der Wanderung durch die Wälder – den Rest kann man sich denken.

Blair Witch funktioniert nach dem typischem, aber alles andere als kreativen Fortsetzungsprinzip: gleiche Ausgangslage, gleiche Kulisse, deckungsgleiche Story und Struktur, aber überall nochmal eine Schippe draufgelegt. Statt drei streifen nun sechs Jugendliche durch die Wälder, statt zwei Kameras sind es diesmal mehr als ein halbes Dutzend. Letzteres ist dann auch der größte Pluspunkt des Films: jeder der Tourteilnehmer trägt eine winzige Headset-Kamera am Ohr, dazu kommen zwei Camcorder (von denen einer die Ästhetik des Erstlings zitiert) sowie eine Drohne. Anstatt also an zwei Blickwinkel gebunden sein, ergeben sich hier ganz neue ästhetische Möglichkeiten durch Schnitt und Perspektivwechsel. Plötzlich gibt es Reactionshots, Ortswechsel, Panoramaaufnahmen, Iterationen. Und auch der immer wieder geäußerte Vorwurf, es würde ja gar keinen Sinn machen, dass die Charaktere in Momenten größter Panik immer noch filmen würden, wird durch die kleinen Kameras zumindest teilweise entkräftet. Blair Witch kann also mit einigen interessanten Neuerungen aufwarten, ist aber immer noch weit davon entfernt, die Ästhetik des Genres neu zu erfinden.

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Drehbuch sucht Kreativität
Woran der Film jedoch zu knabbern hat, ist seine Handlungsstruktur, die der von Blair Witch Project aufs Haar gleicht – vom Anfang, bei dem der gemütlichen Vorstellungsrunde zu Hause, über die Wanderung durch den Wald inklusive des Orientierungsverlustes bis hin zum Finale. Wer das Original kennt, für den ist Blair Witch genau so vorhersehbar wie der nächste Sonnenaufgang. Immerhin hat man sich Mühe gegeben, das Mysterium um die Hexe von Blair inhaltlich auszubauen, und diese neuen Elemente sind auch halbwegs interessant. Es bleibt vielfach jedoch bei schemenhaften Andeutungen – sowohl optisch als auch inhaltlich. Hier wird fleißig auf einen dritten Teil hingearbeitet.

Auch beim Horror-Faktor tut sich Blair Witch schwer. Wenn es im Gebüsch knackt und grunzt, dann sorgt besonders die Soundkulisse für einige schön unangenehme Momente. Im Gegensatz zum ersten Teil setzt die Neuauflage jedoch besonders in der ersten Hälfte auf Jumpscares – und zwar auf die ganz billigen, bei denen einer der Jugendlichen dem anderen einfach schreiend vor die Kamera springt. Solche Momente treiben den Puls zwar kurz in die Höhe, sind letztlich aber vollkommen harmlos und berauben so die letzten Szenen bereits im Voraus ihrer unheimlichen Wirkung. Das Ende wäre um Längen intensiver ausgefallen, hätte man auf diese unsinnigen Schocker verzichtet. Doch auch wenn sich der Film dadurch zum Teil selbst demontiert, kann man schlussendlich sagen, dass Blair Witch als Horrorfilm ganz okay funktioniert, zumal er das Tempo deutlich anzieht. Mehr wäre aber definitiv drin gewesen.

Fazit
Blair Witch 
hätte ein annähernd so großer Meilenstein wie der erste Teil werden können – oder ein absoluter Vollflop. Keines von beiden ist der Fall, stattdessen strandet der Film im Mittelfeld. Und das ist wahrscheinlich das schlimmste Ergebnis. Denn durchschnittliche Found-Footage-Filme gibt es da draußen wie Sand am Meer und Blair Witch ist nun eines von diesen vielen Sandkörnchen. Die Vielzahl der Kameraperspektiven ist sein einzig herausragendes Element, abgesehen davon wandelt er viel zu verbissen in den Fußstapfen der Vorlage und ist damit eher Remake als Sequel. Kreativität und ein innovatives Konzept waren das, was Blair Witch Project seinerzeit auszeichnete – bei Blair Witch ist davon nichts mehr zu spüren. Dadurch ist er nicht nur schnell wieder vergessen, sondern steht auch allzu symptomatisch für den gegenwärtigen Zustand Hollywoods.

3,0Bilder & Trailer: (c) Studiocanal

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