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Filme gesehen #106

Japanische Woche bei audio\visuell. Diesmal mit: Akira, Hachiko, Porco Rosso und Love Exposure.

Akira (Katsuhiro Otomo, JPN 1988)
Ein unumstrittener Anime-Klassiker, den ich bisher versäumt habe – sträflicherweise. Denn was hier präsentiert wird, ist nicht weniger als die Essenz der japanischen Angst vor der Atomkraft: Eine uralte Macht, die in den Tokio schon einmal zerstört hat, droht 30 Jahre später, in Neo-Tokio erneut auszubrechen. Nach einem etwas zähen Einstieg entpuppt sich das als hochspannende, stilsichere Geschichte um Freundschaft, metaphysische Phänomene und den Weltuntergang. Und eines ist sicher: Wenn die Japaner die Welt untergehen lassen, dann richtig. Wuchtig, gnadenlos und emotional aufwühlend – Akira ist erwachsenes Animekino par excellence.
imdb / Trailer
5,5Hachiko – Eine wunderbare Freundschaft (Hachi: A Dog’s Tale, Lasse Hallström, USA 2009)
Filmemacher verfügen über gibt ganz simple (man könnte auch sagen: billige) Tricks, um ihre Zuschauer emotional zu packen. Einer davon ist der Einsatz von Tieren. Basierend auf Ereignissen, die im Japan der 20er abgespielt haben, hat man sich in Hachiko einen der süßesten Hunde der Welt geschnappt, Richard Gere an dessen Seite gestellt und ein Script darum gebastelt, das an Pathos, Schmalz und Tränendrückermomenten nicht mehr zu überbieten ist. Jede Minute dieses Films ist darauf ausgelegt, den Zuschauer mit einfachsten Mitteln emotional zu überwältigen. Eigentlich müsste man das mit aller Macht abstrafen. Aber verdammt nochmal – dieser Hund ist einfach das liebenswerteste Filmtier, das ich bisher erlebt habe. So platt das auch klingt: Wer diesen Film nicht mag, der hat einfach kein Herz.
imdb / Trailer
4,0Porco Rosso (Kurenai no buta, Hayao Miyazaki, JPN 1992)
Zweiter Anime in dieser Woche und einer der letzten Miyazaki-Filme, die mir bisher noch gefehlt hatten. Und – wie könnte es sein – natürlich ist eines der zentralen Themen auch hier das Fliegen. Dazu hat man sich ein nettes, recht ungewöhnliches Setting gesucht: Italien der späten 20er Jahre, jene Zeit also, in denen der Faschismus gerade im Kommen war. Der wird hier auch (allerdings nur rudimentär) thematisiert und bildet das Fundament für das zweite große Thema: Pazifismus. Denn trotz Armut, Gewalt und Unterdrückung bleibt der Protagonist – ein ehemaliger Kampfpilot, der von ominösen Kräften mit einem Schweinekopf gezeichnet wurde – ein durch und durch friedliebender Herumtreiber und Philanthrop. Porco Rosso findet eine schöne Balance zwischen ernstem und leichten erzählerischen Ton sowie Slapstick-Humor, ist mit 90 Minuten Laufzeit angenehm kurzweilig und damit – Ghibli-typisch – perfektes Sonntagmorgen-Filmfutter.
imdb / Trailer
4,5Love Exposure (Ai no mukidashi, Sion Sono, JPN 2008)
Wem die dreieinhalb Stunden eines Vom Winde verweht, Die sieben Samurai oder Es war einmal in Amerika bereits zu viel sind, der braucht sich auch Sion Sonos Love Exposure mit seinen knapp vier Stunden Laufzeit erst gar nicht zu widmen. Zumal das filmische Endprodukt auch sehr… nennen wir es „zielgruppenspezisch“ ist. Sono wirft hier vermeintlich wahllos alle Themen in einen Topf, die ihm so im Kopf herumgegeistert sind: Religion, Fundamentalismus, Traditionalismus, Freundschaft, Familie, Gewalt, Pubertät, Sex und natürlich: Liebe. Wenn hier also der Protagonist auf der Suche nach „seiner Maria“ – der Frau seiner Träume – ist, dazu Höschenfotos von Schulmädchen macht, um seinem Priester-Vater jeden Tag etwas beichten zu können, gegen eine Sekte antritt, mit Erektionsproblemen zu kämpfen hat und sich nebenbei durch halb Tokio prügelt, dann ist das in höchstem Grad abgefahren und absurd, aber dennoch halbwegs kohärent und sogar recht unterhaltsam. Allerdings verliert Love Exposure in seiner Hälfte das superbe Tempo, das er anfangs noch vorgelegt hatte. Wäre Sono nach zwei Stunden zu einem runden Abschluss gekommen, wären’s fünf Sterne gewesen – so reicht es nur für vier.
imdb / Trailer

4,0

5 Kommentare zu „Filme gesehen #106 Hinterlasse einen Kommentar

  1. Schöne Filmauswahl und schöne Kritiken. Akira muss ich auch unbedingt noch eine zweite Chance geben; ich hab den Film nur einmal vor fast 15 Jahren gesehen und konnte damals nicht recht erkennen, was ihn auszeichnet – VHS-Qualität sei Dank entging mir weitestgehend sogar seine visuelle Klasse.
    Love Exposure schätze ich persönlich stärker ein und hat mich überhaupt erst dazu gebracht, Sion Sono aufs Höchste zu schätzen. Dass der Film ab der Hälfte etwas gemächlicher verläuft, hat mich nicht gestört, sondern empfand ich vielmehr als interessanten Stilwechsel, auf dessen Basis Sono sich einem von da an überschaubareren Themenspektrum mit größerer Tiefe und Ernsthaftigkeit widmen kann. Hmm, nun, wo ich darüber nachdenke, erinnert mich das ziemlich an den (noch ausgeprägteren) Stilwechsel in der Mitte von Yukisadas „Go!“ (2001).

    Gefällt 1 Person

    • Erstmal danke fürs Lob 😉
      Visuell finde ich „Akira“ (aus heutiger Sicht zumindest) gar nicht mal sooo beeindruckend. Handlung und Charakter allerdings finde ich großartig. Vor allem aber entwickelt der Film am Ende eine solche „Epicness“ (sorry für diesen Begriff), die ich so sehr an Animes liebe und die meines Erachtens nur im Animationsfilm möglich ist.
      „Love Exposure“ ist leider erst mein zweiter Film von Sono – von „Tokyo Tribe“war ich hingegen begeistert. Ich habe ja immer ein grundsätzliches Problem mit Filmen, die so unfassbar lange gehen. Die müssen dann zumindest ordentlich gefüllt sein. Ich habe auch nichts gegen gemächliches Erzähltempo – aber ich muss trotzdem so ehrlich sein um zu sagen, dass das nach der dritten Stunde einfach nur anstrengend wird. Zumal meine Couch ziemlich gemütlich ist und ich dann immer wieder Gefahr laufe, einzunicken ^^
      Der Film ist deswegen ja nicht schlecht und Sono bleibt für mich trotzdem noch ein hoch interessanter Regisseur, den ich jetzt nach und nach abklappern werde.

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