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Kritik: „American Honey“

American Honey (Andrea Arnold, USA 2016)

Es gibt Filme, die wollen eine Geschichte erzählen. Es gibt Filme, die wollen provozieren. Und es gibt Filme, die wollen ein Lebensgefühl vermitteln. American Honey gehört in all diese Kategorien – am ehesten jedoch in die dritte.

Seit Donald Trumps Wahlsieg hört man immer wieder, Amerika sei gespalten: in Erfolgreiche und Enttäuschte, in Wohlhabende und Arbeitslose, in Gewinner und Verlierer, in Rand und Mitte. Oder, auf Klischees heruntergebrochen: in Hipster und White Trash.american-honey-poster

Eine Ode an den weißen Müll
Dass jener White Trash im Mittelpunkt von 
American Honey steht, daraus macht dieser Film keinen Hehl. Wenn er damit beginnt, dass sich ein kaum volljähriges Mädchen durch einen Müllcontainer wühlt, sich über das darin entdeckte, noch verpackte Brathähnchen freut und es mit nach Hause nimmt, damit der Freund und die beiden kleinen Geschwister, um die sie sich kümmert, mal ein ordentliches Abendessen bekommen – dann weiß man schon nach wenigen Minuten, woran man hier ist.

Dieses Mädchen heißt Star (neues Schauspiel-Talent: Sasha Lane)– ein Name, der vielmehr auf ihre Sehnsucht als auf ihre Lebenswirklichkeit rekurriert. Kein Job, keine Perspektive, keine Zukunft, nur der Traum von einem lebenswerten Leben, am besten ganz weit weg von der trostlosen Heimat Texas, in der die Mutter sich lieber beim Squaredance vergnügt, statt sich um die eigenen Kinder zu kümmern.

Doch plötzlich bietet sich eine Chance für Star: Eine Gruppe von Gleichaltrigen veranstaltet eine unangekündigte Party im örtlichen Supermarkt. Die junge Südstaatlerin kommt mit dem vermeintlichen Anführer der Truppe, Jake (Shia LaBouef), ins Gespräch, der ihr einen Job und damit einen Ausweg anbietet. Also lässt sie ihre Geschwister bei der Mutter zurück und zieht fortan mit der Gruppe per Bus durchs Land, um Geld mit dem Verkauf von Zeitschriften-Abonnements zu verdienen.

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Was folgt, ist weniger eine stringente Geschichte, die auf einen klaren Höhepunkt zusteuert, als vielmehr eine episodenhafte Ansammlung charakter-zentrierter Szenen. Zwar bilden die schon früh erkennbare Romanze zwischen Star und Jake sowie Stars Unvermögen, sich die notwendigen Geschäftspraktiken der Gruppe anzueignen und damit verbunden der Konflikt mit ihrer neuen Chefin, so etwas wie den roten Faden des Films. Doch insbesondere jene Momente, die einen inhaltlichen Richtungswechsel oder drastische Konsequenzen geradezu provozieren, bleiben ohne explizit erkennbare Folgen. Stattdessen werden sie zu subtilen Faktoren in der schleichenden charakterlichen Entwicklung unserer Protagonistin.

Geld und Liebe
So hangelt sich
American Honey von einer emotional-affektiven Szene zur nächsten und zeichnet dabei das Bild einer Jugend, die sich – von Eltern, Gesellschaft, Staat und letztlich auch sich selbst im Stich gelassen – lieber in halb-legaler Arbeit, ausufernden Partys, leichten bis schweren Drogen und losen Romanzen mit täglich wechselnden Partnern verliert. Auf den regelmäßigen Bus-Reisen sitzen alle dicht gedrängt aneinander, rauchen Gras und hören Trap-Musik auf maximaler Lautstärke – Eskapismus und gemeinschafts-formendes Moment gehen hier Hand in Hand.

Was für Star ebenso wie für den Zuschauer anfangs noch seltsam, ja beinahe unwirklich erscheint, wird bald zur Normalität und bildet schließlich die besten, weil so vielsagenden Momente des Films. Eine rastlose, prekäre Jugend, die auf der Suche nach genau dem ist, worum es in den Texten ihrer belanglosen, aber deshalb so angemessenen Musik geht: Geld und Liebe.

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Ob das Konzept dieses Films aufgeht, muss jeder für sich selbst beantworten. American Honey hat ebenso das Potential zu begeistern, wie endlos zu enttäuschen. Man liebt oder man hasst ihn. Seine Protagonistin, die sich plötzlich in einer Gemeinschaft mit wenigen, aber klaren Regeln wiederfindet, schwankt stets zwischen liebenswert und unsympathisch. Die Motivation für ihr Handeln ist nie rational und selten verständlich, was sie aber nur umso ambivalenter und damit menschlicher macht.

Auch die anderen Figuren sind von seltsamen, aber vollkommen alltäglichen Stimmungsschwankungen geprägt. Und die Handlung? Die bleibt diffus und hintergründig, macht stattdessen der emotional-affektiven Ebene und symbolträchtigen Momenten Platz. Doch das ist auf seltsame Weise passend: Was zählt, ist nicht der große, übergreifende Plan – sondern einzig der Moment, das Jetzt, das Leben.

Fazit
American Honey
ist ein unkonventionelles Stück Kino, das sämtliche Regeln des klassischen filmischen Erzählens (bis auf „Show, don’t tell“) gekonnt über Bord wirft. Stattdessen lässt er sich, zusammen mit seinen Figuren, von einem Moment zum nächsten treiben. Mit 160 Minuten Laufzeit ist er zudem noch ein ganzes Stück zu lang. Und trotzdem: Zu sagen, ich wäre von diesem Film nicht in hohem Maße fasziniert gewesen, wäre eine blanke Lüge. Ohne Moralkeule, ohne einfältige Schwarz-Weiß-Malerei, ohne Tränendrückerei kommt Andrea Arnolds Charakter- und Milieustudie daher und bildet eine Sub-Kultur ab, die viel zu selten im Rampenlicht steht: Die ganz normale, zurückgelassene Jugend.

American Honey ist ab dem 23. Februar auf DVD, BluRay und VoD verfügbar.

5,0

Bilder & Trailer: (c) Universal Pictures

 

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