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Filme gesehen #124

Diese Woche mit The Infiltrator, Train to Busan und Toni Erdmann.

The Infiltrator (Brad Furman, USA 2016)
Bryan Cranston darf man wieder einen Film für sich einnehmen, diesmal als Undercoveragent im Kokaindealer-Milieu des 80er-Jahre Miamis. Der Miami Vice-Flair fehlt jedoch – und bekommt leider auch keinen würdigen Ersatz. The Infiltrator ist Krimikino nach Schema F ohne spürbare Höhen und Tiefen. Immerhin kann der Hauptdarsteller den Film tragen, sein Familienleben wird schön eingebunden und zwei, drei errinernswerte Szenen sind auch dabei. Der Erzählfluss wird indes durch eine Masse an Namen und Figuren gestört. Das schlimmste aber: Die Spannung fehlt. Wenn bei einer derart interessanten Geschichte („Nach einer wahren Begebenheit“) ein derart spannungsarmer Film herauskommt, ist etwas gehörig schief gelaufen.
imdb / Trailer
3,0Train to Busan (Busan-haeng, Yeon Sang-ho, KOR 2016)
Wenn ein Genre wenig Neues hergibt, muss das Altgediente eben umso besser sein. Train to Busan gelingt das mit Bravour: Der Zombie-Streifen aus Südkorea verlagert seinen Schauplatz in einen Zug. Dessen Passagiere sind zwar vor dem Chaos in den Städten sicher – doch natürlich bricht die Seuche auch in der Bahn aus. Was folgt, sind Panik, etliche (Un)Todesfälle und eine gehörige Portion Spannung, wenn sich die Zähne der Infizierten (solche von schnellen Sorte) dem Fleisch der Protagonisten nähern. Unter denen sind zwar ausschließlich Stereotypen, Train to Busan weiß aber perfekt mit Sympathien und Asympathien umzugehen und kann deshalb auf charakterlicher Ebene überzeugen. Dass er darüber hinaus noch ein paar herrlich kritische Statements zu den Themen soziale Verantwortung, Machtbeziehungen, Überlegenheitsgefühl und Gruppendynamik einbindet, setzt dem Ganzen die Krone auf. Train to Busan ist einer der frischesten und besten Genre-Beiträge der vergangenen Jahre.
imdb / Trailer
5,0Toni Erdmann (Maren Ade, DEU 2016)
Nachdem ich endlich den gefeiertsten deutschen Film des Jahres 2016 gesehen habe, zweifelte ich kurz an mir selbst: Warum zum Teufel fahren alle, also scheinbar wirklich alle, auf dieses Ding ab? Auf diese seelen-, identitäts- und ideenlose Ansammlung von Szenen, die wahlweise unspektakulär oder banal sind? Auf diese einstündige, dröge Charakterexposition, die von 100 Minuten dröger Charakterverwertung abgelöst wird? Ist es die Nacktheit, die hier so plaktiv zur Schau gestellt wird? Der Pseudo-Humor? Ganz ehrlich, ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, was man an Toni Erdmann auch nur ansatzweise gut oder interessant oder sehenswert finden könnte. Nichts an diesem Machwerk konnte mich auch nur ansatzweise emotional triggern. Mag sein, dass der Film genau diese staubige Trockenheit will – ich aber nicht. Alles, was ich spürte, was Entnervung, die allmählich in Hass umschwang. Mach diesen Film eine Stunde kürzer, nimm die Nackedei-Szenen raus und du hast ein Werk, das einem ZDF-Nachmittagsfilm in nichts nachsteht. Ich hoffe auf das US-Remake, das vielleicht ein halbwegs brauchbares Ergebnis hervorbringt. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss erst mal mein DVD-Regal desinfizieren.
imdb / Trailer
1,0

12 Kommentare zu „Filme gesehen #124 Hinterlasse einen Kommentar

  1. Schade, dass dich der Toni nicht abholen konnte… Aber jeder, der so davon schwärmt, kann auch deine Sicht verstehen. Es hätte nicht viel dazu gefehlt, das genauso zu sehen. Aber er hat schon wesntlich mehr Tiefgang als ein ZDF-Film.

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    • Das mit dem ZDF-Film war zugegeben recht polemisch, weil ich nach dem Film wirklich in Rage war ^^
      Ich suche aber immer noch nach einer nachvollziehbaren Begründung, den Film gut zu finden. Vermutlich muss ich noch mal ein paar Kritiken wälzen, das dürfte meine Meinung aber auch nicht ändern, sollte ich nicht gerade die Erleuchtung bekommen.

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      • Etwas, was mich begeisterte, war die Abhebung vom sonst so rationalen deutschen Humor. Normalerweise funktioniert „unser“ Humor mit Sprüchen vom Reißbrett oder stark über das Denken. Bei Toni Erdmann hat man erst Emotionen und denkt dann darüber nach, so ging es mir jedenfalls. Als Fr. Hüller anfing zu singen, war das gleichzeitig todtraurig und zutiefst komisch, peinlich, ärgerlich etc. Mit viel Gefühl . Viele wussten gar nicht mehr warum sie lachen oder weinen und auch ich muss lange nachdenken, wann ich das letzte Mal einen Film gesehen habe, bei dem das so eng beieinander lag. Hinzu kommt natürlich dieser Blick auf uns selbst. Für die einen gab es Toni, für die anderen Ines. Der Generationen- und Charakterkonflikt dürfte einigen sehr bekannt vorkommen, wenn auch nicht in dieser Konstellation. Er lässt sich z.B. auch auf soziale Schichten anwenden. Und, dass das eben nicht nur komisch ist, zeigt dieser Film. Bei mir sorgte das für sehr wache Momente.

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      • Mein größtes Problem war, dass der Film leider keine einzige dieser Emotionen bei mir auslösen konnte, sondern mich vollkommen kalt ließ. Ich fühlte mich wie ein weit entfernter Beobachter, habe zweieinhalb Stunden verzweifelt darauf gewartet, dass sich irgendetwas in mir regt. Kein Lachen, kein Weinen, nicht einmal so etwas wie Fremdscham ist bei mir aufgekommen. Der Konflikt war natürlich offensichtlich und hatte einen soliden Ansatz. Aber wenn mich das Drumherum kein bisschen abholt, dann kann mich auch der Inhalt nicht mitreißen oder berühren.
        Ich finde es aber erstaunlich, dass der Film bei dir scheinbar das genaue Gegenteil ausgelöst hat…

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      • Ich habe ihn im Kino gesehen, das macht vielleicht einen Unterschied? Zwischendurch gab es richtige Wellen im Publikum. Vielleicht ist das mehr eine Gemeinschaftserfahrung?

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      • Das dachte ich mir auch schon. Reinrassige Komödien funktionieren im Kino ja auch besser, weil sich dieser Theater-Effekt einstellt. Aber viele, die den Film jetzt erst sehen, schreiben ja ähnliches.

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