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Oscars 2017: Eine (viel zu späte) Rückschau

Ein kleiner, persönlicher Rückblick auf die diesjährigen Academy Awards.

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Das war sie also schon wieder: Die Nacht der Nächte in Hollywood. Die goldenen Männer wurden zum 89. Mal vergeben, die einzelnen Gewinner rückten angesichts der dicken Panne am Höhepunkt der Veranstaltung in der Nachberichterstattung jedoch irgendwie in den Hintergrund.

Zugegeben: Ein Urteil über jene Nachberichterstattung kann ich mir eigentlich gar nicht erlauben. Erst Dienstagabend war ich dazu gekommen, mir die Gala anzusehen. Das hat einen Vor- und einen Nachteil: Einerseits kann ich bei meiner Aufnahme der Pro7-Übertragung sämtliche Werbeblöcke überspulen, womit die vier anstrengenden Stunden auf knapp drei zusammenschrumpfen. Andererseits musste ich Montag und Dienstag sämtliche Nachrichten sowie Blog- und Facebook-Besuche vermeiden – man schaut sich ja auch kein Fußballspiel an, wenn man das Ergebnis bereits kennt.

Erschwerend kommt hinzu, dass ich in der Redaktion einer Tageszeitung arbeite. Und dennoch hat es tatsächlich geklappt: Bis auf die Tatsache, dass es eine Panne gab, ist 36 Stunden lang nichts zu mir durchgedrungen, sodass ich gestern bei jeder Kategorie ahnungslos war.

 

Überraschen konnte mich nur die wenigsten Preisträger. Schreibt es meinem schier unermesslichen Fachwissen, meinen hellseherischen Fähigkeiten oder einfach nur dem Glück zu: Bis auf Emma Stones (in meinen Augen nicht ganz verdienten) Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin konnte ich beim Oscar-Tippspiel des Blogger-Kollegen „Ma-Go Filmtipps“ in zehn von elf Kategorien punkten. Und das, obwohl ich diesmal nur einen vergleichsweise kleinen Teil der nominierten Filme gesehen habe.

Der Schein kann trügen, doch diesmal fühlte sich die Veranstaltung noch ein Stück schlanker und schneller als in den vergangenen Jahren an. Gerade einmal drei musikalische Performances unterbrachen das Programm, die in der Hauptkategorie nominierten Filme wurden nicht einzeln aufgearbeitet und Moderator Jimmy Kimmel hielt sich mit längeren Einlagen angenehm zurück.

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Überhaupt machte Kimmel mit seiner gewohnten Art, die wahlweise trocken, keck, lakonisch oder schnippisch daherkommt, eine sehr gute Figur. Die Gags saßen, die Sticheleien gegen Donald Trump waren zu erwarten, wurden aber – zumindest von seiner Seite – nicht überstrapaziert. Am Ende konnte er sogar die große Panne noch halbwegs glattbügeln. Der zwischenzeitliche Süßigkeitenregen war eine ebenso simple wie gute Idee. Die Fortsetzung des Pseudo-Zwists zwischen Kimmel und Matt Damon sorgte für großartige Lacher. Und auch die Touristengruppe, die durch den Saal gejagt wurde, bildete einen der unterhaltsamsten Momente – auch wenn ich nach wie vor befürchte, dass das alles strikt nach Drehbuch verlief. Sollte dem so sein, hat man sich aber ziemlich glaubwürdige Darsteller gesucht. Mir stellte sich die Frage, wer hier die Affen im Zoo sind: Die Stars oder die „Normalen“?

Sonst noch was erwähnenswertes?

  • Nicole Kidman ist inzwischen zu einem derart gruseligen Porzellan-Püppchen geworden, dass sie nicht mehr richtig klatschen oder die Augen schließen kann, wenn der Moderator alle Anwesenden dazu auffordert.
  • Eine ältere – sehr alte – Dame, die an den realen Ereignissen hinter Hidden Figures beteiligt war, wird im Rollstuhl auf die Bühne geschoben, mit Applaus überschüttet und darf anschließend ein knappes „Thank you“ ins Mikrofon stöhnen – nachdem ihre Pflegerin ihr das à la Grima Schlangenzunge ins Ohr geflüstert hat.
  • Suicide Squad bekommt einen Oscar. Ausgerechnet Suicide Squad. (Wenn auch nur für’s Make-Up.)
  • Noch ein Mensch, der nicht mehr unbedingt auf eine Bühne sollte: Michael J. Fox tritt gemeinsam mit Seth Rogen vors Mikrofon. Rogen reißt Witzchen, dann ist Fox dran und müht sich sichtlich ab, klar zu sprechen. Seth Rogen ist das offenkundig unangenehm, weshalb er auch schon klatscht, lange bevor seinen Bühnenpartner fertig ist.
  • Samuel L. Jackson, der bereits im Gespräch mit Steven Gätjen auf dem roten Teppich deutlich machte, dass La La Land nicht so sein Ding ist, disst bei seiner Laudatio den großen Favoriten des Abends, bevor er ihn für die beste Filmmusik auszeichnet. Entsprechend ernüchtert schaut er, als er den Sieger verkündet.
  • Denzel Washington, der schon den gesamten Abend ein ernstes Gesicht aufgesetzt hat, scheint jede Sekunde aus seinem Sessel zu springen und Casey Affleck mit bloßen Händen erwürgen zu wollen, als dieser die Auszeichnung als bester Schauspieler entgegen nimmt. Mensch, Denzel, du hast doch schon zwei!
  • Die Auflistung der letztjährig Verblichenen hat mich nicht so überfordert, wie zunächst befürchtet. Unverhältnismäßig viele Hochkaräter sind 2016 wohl doch nicht von uns gegangen – natürlich trotzdem noch zu viele.

All diese Fehlerchen und Ungereimtheiten – auch das Finale – lassen die Fassade bröckeln und bringen einen Hauch von Menschlichkeit und Normalität in eine Veranstaltung, die wohl kaum unnatürlicher sein könnte. Wenn sich Hollywoods A- und B-Prominenz vier Stunden lang selbst feiert, dann herrscht zumindest für diesen Zeitraum heile Welt. Mit Sticheleien gegen den neuen Mann im Weißen Haus darf man sich dann noch ein bisschen profilieren – und alles ist gut.

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Dass die diesjährige Oscar-Verleihung eine Veranstaltung mit starkem politischen Anstrich werden würde, wusste man schon vorher. Man sah das schon bei den Nominierten und letztlich auch den Ausgezeichneten. Selbst wenn man den Entscheidungen der Academy kein politisches Kalkül andichten will, so können sie sich dieses Eindrucks doch nicht entziehen. Eine gute Sache hatte bzw. hätte das aber: Toni Erdmann hat keinen Oscar bekommen. (Yes!)

Bei den Wortbeiträgen kippte der politische Ton jedoch ein ums andere Mal ins Krampfhafte um. Dazu gehörte auch – wie schon im vergangenen Jahr – die Beteuerung einer Academy-Dame, dass alle hier doch so weltoffen, so diversifiziert wären. Wer kein politischen Statement abgab, wer sich nicht unmittelbar gegen Ausgrenzung und Diskriminierung aussprach, wer seinen Moment des Ruhmes einfach nur genießen wollte, gehörte selbst zu einer Minderheit.

Andererseits: Wer, wenn nicht unsere Künstler – Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler – sollten sich abseits politischer Kräfte politisch zeigen? Stehen die kommerziell erfolgreichsten, kreativen Köpfe der Welt, die Millionen von Menschen erreichen, nicht geradezu in der Pflicht, Haltung zu beziehen und dort Kritik zu üben, wo sie angebracht und notwendig ist? Einzig, dass nur die wenigsten ihrer Filme dem ebenbürtig sind, kann man ihnen vorwerfen. Und dass sie ihre Kritik deutlicher, schärfer, direkter formuliert hätten müssen.

Wofür die 89. Academy Awards aber wirklich im Gedächtnis bleiben werden, wisst wir. Die Gewinner sind es jedenfalls nicht.

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