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Kritik: „Kubo – Der tapfere Samurai“

Kubo – Der tapfere Samurai (Kubo and the two Strings, Travis Knight, USA 2016)

Der neue Film von Studio Laika schrammt knapp am Titel „Bester Animationsfilm 2016“ vorbei – nichtsdestotrotz eine wunderschöne Geschichte für alle Altersgruppen.

Der anfänglichen Aufforderung des Off-Erzählers, nun ein letztes Mal zu blinzeln und ab dann ganz genau hinzuschauen, um auch ja nichts zu verpassen, sollte man in Kubo – Der tapfere Samurai besser Folge leisten. Denn Laika, das Studio hinter Coraline und Die Boxtrolls, hat hiermit den zweitbesten Animationsfilm des vergangenen Jahres abgeliefert.

kubo-plakat

Ein Moment – zweitbester Animationsfilm? Ja, zu dieser Aussage lasse ich mich in Unkenntnis von Vaiana und in Kenntnis von Zootopia einfach mal hinreißen. Warum Kubo in meinen Augen nicht ganz an den inzwischen oscarprämierten Tierpark-Film herankommt, hat einen einfachen Grund: Die Konkurrenz von Disney hat aus aus einer simplen Prämisse ein wahres Ideenfeuerwerk gezaubert, das mich im Minutentakt mit frischen und cleveren Einfällen überraschen konnte. Kubo kann in dieser Hinsicht nicht mithalten, weiß aber durch ganz andere Qualitäten zu überzeugen.

Fisch aus dem Wasser
Kubo
verlangt nicht grundlos unsere volle Aufmerksamkeit: Der Junge, dem eines seiner Augen fehlt und der sein Heim – eine Höhle – mit der lethargischen wie vergesslichen Mutter teilt, verdingt sich tagsüber im nahegelegenen Dorf als Barde. Mit einer dreisaitigen Laute erweckt er kleine Papierzettel zum Leben, die seine Geschichten zu kleinen Theaterstücken machen und die Blicke aller Dorfbewohner auf sich ziehen. Er berichtet von den Abenteuern des sagenhaften Samurai-Kriegers Hanzo, dessen Suche nach drei legendären Artefakten und dem letzten Kampf gegen den bösen Mondkönig.

Dass Kubo seine Erzählungen mit den gleichen Worten wie den Film einleitet, macht von Anfang an deutlich: Lieber Zuschauer, du erlebst hier eine Helden-Geschichte im klassischsten aller Sinne. Campbells und Voglers Heldenreise – ein erzählerisches Grundmuster, dem nahezu alle Mythen und Märchen folgen – wird in Kubo Punkt für Punkt penibel abgearbeitet: Auftrag, Mentor, Höhle, Prüfungen, Rückkehr, Finale. Aber nicht nur strukturell, sondern auch inhaltlich hält sich Kubo mit großen Innovationen zurück. Riesige lebendige Skelette, Drachen und ein sprechender Affe als Begleiter – die Drehbuchschreiber haben sich hier ein wenig zu oft aus der Ideen-Kiste für Standard-Fantasy-Abenteuer bedient. Überraschen kann der Film nur in sehr wenigen Momenten, die wesentlichen dramaturgische Entscheidungen im letzten Drittel sind dadurch sehr vorhersehbar.

Das kann der Film jedoch durch viel Charme und Detailreichtum kompensieren. Die Chemie zwischen den Figuren ist herrlich anzusehen, schwankt sie doch stets zwischen leichtfüßigem Humor und Melodramatik. Kitsch bleibt dabei auch in den emotionalsten Momenten ein Fremdwort. Der Animationsstil (der passend zum Setting speziell bei Proportionen und Kanten an japanische Animes erinnert) mag anfangs gewöhnungsbedürftig erscheinen, doch schon nach wenigen Minuten fällt auf, wie stimmig Licht, Farben und Formen miteinander harmonieren. Der Stop-Motion-Anteil wurde hingegen auf ein Minimum zurückgefahren und macht die Angelegenheit dadurch deutlich Mainstream-tauglicher. Insgesamt spielt Kubo auf technischer Seite jedenfalls ganz oben mit, wobei vor allem die Farbgestaltung heraussticht: Selten gab es in einem Animationsfilm einen derart schönen, von der Sonne vergoldeten Abendhimmel  zu sehen.

Eine Geschichte über das Geschichtenerzählen
Inhaltlich mag Kubo wenig Neues zu bieten haben. Die anfangs erwähnte Einleitung ist jedoch ein cleveres Element, das dem Film einen doppelten Boden verpasst: Kubo ist eine Geschichte über das Geschichtenerzählen. Mythen und Erzählungen werden zu Trägern von Erinnerung, der Erzähler wird zum Bewahrer und Vermittler von Erfahrung, das Publikum zum Erben ihrer Moral. Auch eine vermeintlich simple Abenteuergeschichte erfüllt eine gesellschaftliche Funktion: Narrationen konservieren Bedeutung. Tragik ist in Kubo deshalb nicht nur eine Folge von Verlust, sondern ebenso eine des Vergessens: Wer seine eigene Geschichte vergisst, verliert auch seine Identität.

Fazit
Kubo – Der tapfere Samurai 
sprüht zwar nicht vor neuen Ideen – dafür aber vor Charme. Das fängt bei seinem Animationsstil an und hört bei den Figuren noch lange nicht auf. Der Werbeslogan „Ein Film für die ganze Familie“ ist in diesem Fall tatsächlich einmal angebracht: Eltern und Kinder werden gleichermaßen Freude an diesem unklamaukigen, berührenden und zugleich unterhaltsamen Fantasy-Abenteuer haben. Einzig, dass er zu wenige wirklich neue Einfälle zu bieten hat, mindert den überaus positiven Gesamteindruck ein wenig. Aber wie sagt man so schön: Meckern auf hohem Niveau.

Kubo – Der tapfere Samurai ist seit dem 2. März 2017 auf DVD, BluRay und VoD erhältlich.

5,0

Trailer & Bilder: (c) Universal

6 Kommentare zu „Kritik: „Kubo – Der tapfere Samurai“ Hinterlasse einen Kommentar

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