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Kritik: „Moonlight“

Coming-of-Age-Drama über einen jungen Afro-Amerikaner, der nicht nur mit seiner Umwelt, sondern vor allem mit sich selbst und seinen Gefühlen zu kämpfen hat.

Was muss das für ein Gefühl für die Crew von Moonlight gewesen sein, als vor zwei Wochen einer der Produzenten von La La Land – die goldene Trophäe für den besten Film schon mit allen Fingern fest umklammert – ans Mikrofon trat und verkündete: „There’s a mistake. Moonlight, you guys won best picture!“ Freude, Überwältigung, Verwirrung, Dankbarkeit? Sicherlich ein Mischung aus all dem. Wie passend, bildet der Film, der durch diesen Fauxpas wohl noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit als durch die Auszeichnung selbst bekam, doch ebenfalls eine vielfältige Melange von Emotionen ab, ohne dass er sich auf eine einzige davon reduzieren lassen würde.

Dirty South Stories
Im Mittelpunkt der gerade einmal 1,5 Millionen Dollar teuren Produktion steht Chiron, ein schwarzer Junge aus Liberty City nahe Miami, der in denkbar schlechten Umständen aufwächst. Der Vater nicht mehr da, die Mutter cracksüchtig, für die Mitschüler dank seiner Schmächtigkeit ein perfektes Opfer. Das Leben des jungen Afro-Amerikaners wird in drei, durch je etwa sechs Jahre getrennten Episoden porträtiert „Little“, „Chiron“, „Black“. Kindheit, Jugend und Volljährigkeit, in denen Chiron durch Alex Hibbert, Ashtons Sanders und Trevante Rhodes verkörpert wird. Jeder davon spielt die Figur gänzlich anders – und doch ähnlich.

Allein die Namensgebung der Kapitel spiegelt den thematischen Kern des Films wider: Am Anfang und am Ende die Spitznamen, die Chiron von seinen Unterdrückern (Little) und seinem Freund Kevin (Black) auferlegt werden. Umklammert davon, in der Mitte, sein richtiger Name. Hin- und hergerissen zwischen Schwäche und Stärke, zwischen Druck von außen und der Etablierung einer eigenen Machtposition, zwischen moralisch vertretbarem und verwerflichem Handeln ist Chiron auf der Suche nach sich selbst, seiner eigenen Identität. Der Kern eines jeden Coming-of-Age-Dramas also, das in diesem Falle jedoch nicht den simplen Ausweg mittels einfacher Antworten, Bilder oder Botschaften sucht. Der Held erhebt sich im späteren Verlauf der Handlung zwar dem Schein nach aus der Asche seiner Vergangenheit, versteckt sich dabei jedoch hinter einem physischen Panzer. Denn unter der Oberfläche brodelt es.

Dieser Zwiespalt zeigt sich auch bei den wichtigsten Menschen in Chirons Leben, die dien Zuschauer stets zwischen Sympathie und Antipathie schwanken lassen. Der Ziehvater (zurecht oscarprämiert: Mahershela Ali) ist Drogendealer und zugleich moralische Instanz, Kevin (Jaden Piner, Jharrel Jerome und André Holland) verletzt ihn körperlich wie seelisch und ist dennoch sein einziger Freund, die Mutter (oscarverdächtig: Naomi Harris) ist drogensüchtig und, nun ja, seine Mutter eben.

„Was ist eine Schwuchtel?“
Und mittendrin: Chirons Homosexualität als zentraler und trotzdem subtiler Konfliktpunkt. Dass es zum sexuellen Kontakt zwischen Chiron und Kevin kommen wird, ist bereits klar, sobald die beiden 10-Jährigen nach dem Raufen (wie oft haben wir dieses Bild in Filmen gesehen) erschöpft und schwer atmend nebeneinander liegen. Jahre später passiert das unvermeidliche – und das ausgerechnet in einer Gesellschaft, die Homosexualität entweder als Krankheit oder Zeichen von Schwäche abstempelt.

Regisseur und Co-Autor Berry Jenkins wählt dann jedoch einen unkonventionellen Weg: Anstatt Chirons Sexualität in den Vordergrund der Handlung zu rücken, schwelt sie lediglich im Hintergrund mit. Ob er tatsächlich schwul ist, das kann – wie es ihm schon der Ziehvater sagt – nur Chiron selbst wissen. Seiner Umwelt und dem Publikum bleibt Moonlight diesbezüglich, ebenso wie in vielen anderen Fragen, eine klare Aussage schuldig.

Kein Platz für Plattitüden
Das Ergebnis ist ein Film, der vom Publikum fordert, hinter die Fassade zu blicken und sich stärker denn je in die Gefühlswelt des Protagonisten hineinzuversetzen. Dank einer fantastischen Darstellerleistung, einer intimen und lebhaften Kamera, toller Schnittarbeit, trefflicher musikalischer Untermalung und dem memorablen Einsatz von Licht und Farben, die dem Film eine ganz eigene Optik verpassen, gelingt das auch.

Freilich ist das nicht jedermanns Sache: Moonlight etabliert einen melancholischen Grundton, verzichtet dabei aber auf gewollte Tränendrückermomente und legt dramaturgisch einen gemächlichen Gang ein. Doch genau dieser Verzicht auf überbordende Hollywood-Emotionalität macht Moonlight so besonders. Klischees und platte Botschaften à la „Du kannst es schaffen“ oder „Finde deinen Weg“ haben hier keinen Platz. Da, wo sich das Individuum innerhalb einer prekären Gesellschaft konstituiert, gibt es keine einfachen Antworten auf die komplexen Fragen des Lebens, keine leichten Auswege aus schwerwiegenden Problemen.

Fazit
Moonlight ist so vielschichtig und differenziert wie seine Hauptfigur, umschifft gekonnt Genre-Standards und -Klischees und spielt dabei auf eleganteste Weise die Klaviatur der subtilen Töne. Und ist entgegen seiner uramerikanischer Thematik kein bisschen Hollywood. Eine einzelne Sichtung ist bei weitem nicht genug, um diesem Film gerecht zu werden, um alle narrativen und ästhetischen Feinheiten einzufangen. Seinen Oscar hat Moonlight jedenfalls verdienter eingeheimst, als Damien Chazelles Musical-Revival. Schon allein deshalb, weil er seinem Zuschauer für den Weg vom Kino bis nach Hause (und darüber hinaus) eine Wagenladung an Gedanken und Gefühlen mitgibt.

Bilder & Trailer: A24 Films

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