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Kritik: „Goliath“ – Staffel 1

Goliath (David E. Kelley/Jonathan Shapiro, USA 2016-…)

Amazon versucht dem VoD-Giganten Netflix seit einiger Zeit mit exklusiven Hochglanz-Produktionen Konkurrenz zu machen. Mit Goliath ist ihnen ein weiterer Schritt dabei gelungen.

Der Geschichte des Kampfes des Hebräers David gegen Goliat liegt – wie allem biblischen – eine starke Symbolik zugrunde: Der Sieg des Kleinen über den Großen, des Schwachen über den Starken, des Guten über das Böse. Auch BillyBob Thornton kämpft in dieser so passend betitelten Serie gegen das große, starke Böse. Im Gegensatz zu David muss er dabei zwar auf Gottes Hilfe verzichten – nicht aber auf die Symbolkraft anderer biblischer Motive.

Am Anfang war das Licht
Goliath
beginnt mit einem Urknall: Ein Boot verwandelt sich einige Kilometer vor der kalifornischen Küste in einen riesigen Feuerball, die Explosion reißt den Bootsführer in den Tod. Offizielle Begründung seines Arbeitgebers Borns Tech, einem riesigen Waffenfabrikaten: Selbstmord. Zwei Jahre später beauftragt die Schwester des Verstorbenen die Anwältin Patty Solis-Papagian (Nina Arianda) damit, den Fall noch einmal aufzunehmen, da es zahlreiche Ungereimtheiten gibt. Die wiederum wendet sich an den einstigen Star-Anwalt Billy McBride (Billy Bob Thorton), der jetzt ein Leben als Pflichtverteidiger fristet: Ein neues Verfahren samt Vergleich soll beiden eine ordentliche Summe einbringen.

Was als einfache Gelegenheit auf schnellen Profit beginnt, entwickelt sich zügig zu einer Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Denn schon bald wird klar, dass das Militärunternehmen – natürlich – etwas verbergen will. McBride und seine Mitstreiter werden immer öfter Opfer seltsamer Vorfälle, die Leib und Leben bedrohen. In fast kafkaesker Atmosphäre sucht die Anwaltsmannschaft nach Indizien, Beweisen und Zeugen, muss jedoch immer wieder drastische Rückschläge in Form von Sabotage und einer widerspenstigen Justiz hinnehmen. Vor allem aber macht ihnen die gegnerische Anwaltspartei zu schaffen: Deren Chef Donald Cooperman (William Hurt) verbindet nicht nur eine gemeinsame, beinahe brüderliche Vergangenheit mit McBride, sondern auch ein lange gehegter Groll – Kain und Abel lassen grüßen.

Das über-personifizierte Böse
Eine starke Geschichte über Gerechtigkeit braucht einen starken Antagonisten – und an dieser Stelle schießt Goliath zuweilen über das Ziel hinaus. Wie Cooperman da so in seinem babylonischen Turm haust, stets im Halbschatten, vernarbtes Gesicht, meist still schweigend und auf Unterwerfung fußende Beziehungen zu seinen weiblichen Angestellten pflegend, soll einen übermächtigen Gegenspieler etablieren, der wahlweise als infamer Gott oder als Teufel, in jedem Fall aber als übermenschlich groß und mächtig erscheinen soll – der namensgebende Goliat also. Wie ein Götze wird er deshalb auch von den Mitarbeitern verehrt, seinen Vornamen auszusprechen, ohne im den Kreis der Eingeweihten zu stehen, ist ein Sakrileg. Das wäre alles zu ertragen, wenn die Produzenten etwas mehr Ambivalenz durchscheinen ließen oder dieser ganze Charakteraufbau in einer angemessenen, letzten Schlacht gipfeln würde. Beides ist nicht der Fall.

Ein weiterer, wenn auch verschmerzbarer Minuspunkt: Obwohl es sich bei Goliath im Kern um eine Anwaltsserie handelt, findet nur ein Bruchteil des Geschehens im Gerichtssaal statt. Im Vordergrund stehen vielmehr die Beweissuche sowie das familiäre Zerwürfnis zwischen McBride, dessen Tochter und seiner Ex-Frau, die überdies noch für die Gegenseite arbeitet. Kriminal- bzw. Detektiv- und Familiendrama bilden also den eigentlichen Rahmen. Immerhin findet die Serie, sobald es vor Gericht geht, eine angenehme Balance zwischen Anspruch und Authentizität: Das hier dargestellte juristische Vorgehen fordert den Zuschauer ohne zu ihn überfordern, wirkt echt und nicht überdramatisiert – ein Fehler, den vergleichbare Serien gerne mal machen.

Vom Saulus zum Paulus
In all das mischt Goliath noch eine gehörige Portion Film noir. Viele nächtliche Szene, hoher Alkohol- und Zigarettenkonsum, die Inszenierung von Los Angeles als Stadt irgendwo zwischen Moloch und Paradies und mitten darin ein Protagonist, der von einer Frau (wenn auch keiner femme fatale) auf einen Fall angesetzt und in Folge dessen mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Billy Bob Thornton spielt das im Übrigen brillant: Sein Billy McBride ertränkt seinen Kummer im Alkohol und sucht im Vollrausch gern die symbolische Reinigung in den Wellen von Palm Beach, findet dank eines konkreten, erstrebenswerten Ziels aber langsam zu seiner Form zurück. Die Transformation vom Saulus zum Paulus ist dabei erstaunlich klischeefrei: McBride ist am Ende nicht bekehrt oder frei von Sünden – und dennoch ein besserer Mensch, der sich Schritt für Schritt von seinen Verfehlungen löst, auch mal einen Rückschlag erleidet und damit umso menschlicher wirkt. McBride ist ein würdiger Anti-Held, Sympathie- und zugleich Antipathieträger für diese Geschichte, weil er einnehmend und menschlich genug ist, um zu fesseln, dabei aber kein Strahlemann, weshalb platter Pathos oder moralische Überlegenheit hier gar nicht erst aufkommt.

Fazit
Goliath
ist keine Seriensensation, aber eine überaus gelungene Anlaufstelle für Freunde gut gemachter Kriminal- und Anwaltsserien. Viele bunte Genre-Zutaten und die halb idyllische, halb dystopische Kulisse von Los Angeles liefern inhaltliche und visuelle Schauwerte, die Spannung sitzt. Kleinere Schwächen kann man der Serie deshalb verzeihen, zumal es keine nennenswerten Längen gibt. Eine zweite Staffel ist bereits bestellt, die ist aber gar nicht nötig: Goliath findet nach acht Folgen von jeweils 50 Minuten Länge einen runden und befriedigenden Abschluss. Wenn das Ganze im nächsten Jahr nochmals gesteigert wird – umso besser.

Goliath ist exklusiv auf Amazon Prime verfügbar.

Trailer & Bilder: (c) Amazon Studios

2 Kommentare zu „Kritik: „Goliath“ – Staffel 1 Hinterlasse einen Kommentar

  1. Gelungene Rezension! Meine Meinung deckt sich weitestgehend mit deiner, wobei ich vermutlich nur vier Sterne geben würde, weil mich die Serie zwar immer gut unterhalten hat, letztlich aber kaum irgendetwas hängen blieb. Immerhin gefällt mir Goliath aber besser als etwa Hand of God, das in der gerade erschienenen zweiten Staffel sehr ideenlos vor sich hin tröpfelt… Worauf ich mich bei Amazon Prime aber wirklich freue, das ist die bald startende dritte Staffel von Bosch!

    Gefällt 1 Person

    • Konkrete Szenen sind mir auch wenig im Gedächtnis geblieben, mich hat vielmehr das Gesamtkonstrukt überzeugt – und da vor allem die Atmosphäre und das ganze juristische. Ich habe gestern die ersten beiden Folgen von „How to get away with Murder“ gesehen und da sind es genau diese beiden Dinge, die mir überhaupt nicht zusagen.
      Von „Hand of God“ habe ich bisher gar nichts gehört, von Bosch hingegen schon – allerdings noch nicht gesehen. Empfehlenswert?

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