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Kritik: „Ghost in the Shell“

Ghost in the Shell (Rupert Sanders, USA 2017)

Realverfilmung des Science-Fiction-Anime-Klassikers, die visuell überzeugt, aber mit inhaltlichen Abstrichen zu kämpfen hat. Wie viel Geist steckt noch in Ghost in the Shell?

Ein US-Realfilm-Remake eines gefeierten Anime-Klassikers? Konnte doch nur die Hose gehen! Zumindest aus Sicht der Über-Fans des Originals, von denen ein Großteil die Ghost in the Shell-Neuauflage hemmungslos in Grund und Boden zu schimpfen scheint. Doch lässt man nostalgische Verklärung und standardisiertes Hollywood-Bashing mal beiseite, entpuppt sich die cineastische Wiedergeburt des ikonischen Cyberpunk-Krimis als durchaus brauchbar und so ziemlich als genau das, womit man rechnen konnte – im Guten wie im Schlechten.

Geist in der Maschine
Das bedeutet in allererster Linie, dass das Material dem Geschmack der breiten Masse angepasst wurde – „gestreamlined“ wie man Neudeutsch so schön sagt. Deutlich wird das bereits in den ersten Minuten: Statt eines kalten Einstiegs, wie ihn noch der Anime nutze, beginnt die Geschichte ganz am Anfang: Mara Killian (Scarlett Johansson) landet mit einer tödlichen Verletzung auf dem OP-Tisch. Da ihr Körper nicht mehr zu retten ist, wird ihr Gehirn in einen künstlichen Körper implantiert. Als sie erwacht, erklärt ihr die leitende Ärztin in aller Ausführlichkeit, dass sich ihr „Ghost“ nun in einer „Shell“ befinde. A ha, daher also der Titel, danke!

Glücklicherweise muss sich der Zuschauer nach dieser ersten Viertelstunde nicht mehr ganz so arg wie ein unwissendes Schulkind behandeln lassen. Zwar gerät der erzählerische Fluss durch ausführliche Erörterungen immer wieder ins Stocken, das war aber erstens beim Original genau so und ist, zweitens, angesichts dessen, worum sich die Geschichte dreht, auch notwendig und sinnvoll. Nachdem mehrere Forscher des Unternehmens, das Killians Körper gebaut hat, ermordet werden, macht sich die auf Cyberkriminalität spezialisierte Sektion 9, in der Killian mittlerweile den Titel des Majors trägt, auf die Suche nach dem Übeltäter.


Originaltreue über das Original hinaus
Regisseur Rupert Sanders, der hiermit seinen zweiten Film nach Snow White and the Huntsman abliefert, hält sich fortan sehr eng an das Original. Nicht nur Handlung und Schauplätze entsprechen über weite Strecken dem Anime von Mamoru Oshii, auch zahlreiche Kameraeinstellungen – ob nun der Sprung vom Dach, der Kampf im Wasser, die metaphorischen Geburtsszenen oder der finale Kampf – sind teils eins zu eins aus der Vorlage übernommen. Darüber hinaus bedient sich Sanders auch an Elementen des zweiten Films Innocence sowie der Serie, belässt es dabei allerdings bei kleineren Verweisen und Anspielung. Das kann man als Fanservice verteufeln, jedoch drängen sich diese Ingredienzien nicht auf und sind sinnvoll in die Handlung eingebunden.

Die subtile Erzählweise der Vorlage, die sehr vieles im Unklaren und damit der Interpretation der Zuschauer überließ, musste natürlich zugunsten eines vornehmlich amerikanischen Publikums weichen. Deutlich wird das schon in den Einstellungen, in denen die Kamera über die Stadt gleitet: 1995 wurde diese düstere Utopie lediglich von den choralen Klängen des über alle Zweifel erhabenen Soundtracks untermalt. Die 2017er-Zukunftsvision von Tokio steht hingegen ganz im Zeichen der endlosen Kommerzialisierung: Riesige Werbe-Hologramme und -Botschaften ziehen sich bzw. hallen durch das Stadtbild. Auch wenn der Film dadurch seine Trance-artige Wirkung einbüßt, so muss doch gelobt werden, dass sich Sanders um eine logische Aktualisierung des Story-Welt bemüht hat und dabei zugleich seinen größten Trumpf ausspielt: Visualität.


Ein Fest für die Augen, Enttäuschung für die Ohren
Man spürt, dass Ghost in the Shell in überdurchschnittlich vielen realen Kulissen gedreht wurde, die vor Details geradezu strotzen. Wie viel Mühe in Design und Umsetzung gesteckt wurde, fällt vor allem bei den Robotern auf. Computeranimation kommt für einen Science-Fiction-Film – so zumindest mein Eindruck – vergleichsweise selten zum Einsatz und wenn, dann fügt sich das (bis auf einige Momente im Finale) nahtlos in das visuelle Gesamtbild ein. Wo sich das Auge – trotz unnötigem 3D – kaum satt sehen kann, wird das Ohr maßlos enttäuscht: Der erwähnte, ikonische Soundtrack der Vorlage muss belanglosem Synthie-Gedudel weichen.

Der erste Vorwurf, dem sich Ghost in the Shell ausgesetzt sah, war der des Whitewashings. Derart pauschal fällt das Endprodukt aber nicht aus, denn tatsächlich macht es angesichts der wachsenden Globalisierung Sinn, dass die Bevölkerung im Tokio der Zukunft immer diversifizierter wird.

Kritisch wird es jedoch, wenn die Einheimischen im besten Falle Nebenrollen besetzen dürfen. Takeshi Kitano bekommt als Leiter von Sektion 9 da noch den größten Anteil zugesprochen, der sich trotzdem im einstelligen Minutenbereich bewegt. Nichtsdestotrotz machen Pilou Asbæk als Batou (der für diese Rolle ordentlich Muskelmasse zugelegt hat) und Johansson einen guten Job. Die Namensänderung der Protagonistin mag für Fans ein Sakrileg sein, wird aber sinnvoll in die Handlung eingebunden. By the way: Dass die New Yorkerin öfter mal im hautengen Anzug steckt, ist zwar der Vorlage geschuldet, wurde aber auch als seltsame Werbemaßnahme für die männliche Zielgruppe ausgeschlachtet – man vergleiche das Kinoplakat (siehe ganz oben) und das Werbeplakat (siehe links), das sich an zahlreichen Litfaßsäulen der Republik erblicken lässt. Entdeckt jemand den Unterschied?

Verlust des Interpretationsraum
So sehr Ghost in the Shell auch seiner Vorlage Respekt zollt – ästhetisch wie erzählerisch – so sehr macht sich die „Amerikanisierung“ des Stoffes in den Kernmotiven bemerkbar. Oshii zeichnete damals eine Protagonistin, die sich fragte, was das Individuum noch definiert, wenn der Körper künstlich und der Verstand programmierbar ist. Auch in der Neuauflage dreht sich ihr (etwas zu oft und zu deutlich formuliertes) Bestreben um die Suche nach Identität. Eine Suche, die jedoch nicht mehr in der Gegenwart, sondern der Vergangenheit stattfindet – auch wenn die Erkenntnis schlussendlich eine andere ist.

Drastischer fällt die motivische Neuausrichtung bei ihrem Gegenspieler aus: Vormals eine künstliche Intelligenz, deren Bewusstsein nach einem Körper strebte – nun ein Gepeinigter, der lediglich auf Vergeltung aus ist. Es ist sicherlich kein Zufall, dass diese Themen – Determinismus und Rache – an die klassischsten aller Hollywood-Genres – Film noir und Western – erinnern und das ursprüngliche Leitmotiv -Transhumanismus – im Zuge dessen etwas stiefmütterlich behandelt wird. Amerikanisierung halt. Der Ghost in the Shell von 2017 schafft weniger interpretatorischen Spielraum und ist da, wo er etwas aussagen will, zu explizit.

Fazit
Ghost ist the Shell
ist – soweit die gute Nachricht – nicht die Katastrophe geworden, die er hätte werden können. Vor allem visuell weiß er aufzutrumpfen. Der Versuch, nah an der Vorlage zu bleiben, der Handlung dabei aber einen neuen Drill zu geben, ist löblich – dabei büßt der Film jedoch auch an Vielschichtigkeit und Deutungsfreiraum ein. Allerdings: Dieser Schritt war vielleicht notwendig, um die Marke einem größeren Publikum zu öffnen. Und möglicherweise fühlt sich der ein oder andere im Anschluss ja dazu ermutigt, mal einen (genaueren) Blick auf das Original zu werfen.

 

Bilder & Trailer: (c) Paramount Pictures

10 Kommentare zu „Kritik: „Ghost in the Shell“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich werde den Film heute Abend im Kino anschauen und bin sehr gespannt! Bei mir ist das Original aber auch schon etwas länger her – hoffentlich fallen mir die Änderungen dann nicht so explizit auf.

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    • Bin gespannt auf deine Meinung. Es kann sich ja auch positiv auf den Gesamteindruck auswirken, die Vorlage nicht mehr so präsent zu haben. Da ich aber viele Remakes und Adaptionen ohne Kenntnis des Originals schaue, wollte ich mir die Gegelegenheit nicht entgehen lassen, dass bei Ghost in the Shell mal anders zu handhaben, zumal die beiden Filme schon ewig in meinem Regal stehen. Ein bisschen Vergleichen muss da schon drin sein 😉

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  2. Ja, da gebe ich dir Recht… die bei „RoboCop“ geklaute Story war jetzt wirklich nicht der Hammer. Aber Rupert Sanders kann scheinbar wirklich nur Optik. Das hat er jetzt in zwei Filmen gezeigt. Vielleicht braucht er wirklich einen zweiten Regisseur, der sich um Charaktere und Story kümmert.

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    • „Snow White“ habe ich leider (oder zum Glück?) nicht gesehen. Es ist eigentlich vollkommen absurd, dass das gute Ursprungsmaterial ja schon daliegt, dann aber zu einem RoboCop-Ripoff gemacht wird. Ein zweiter Regisseur wird da aber wohl auch nicht viel helfen, sondern die Sache wohl noch schlimmer machen… besser ein ordentliches Drehbuch

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      • „Snow White“ muss man auch wirklich nicht gesehen haben. Wenn doch, dann sah er wenigstens gut aus.

        Bei GitS hätte man echt viel besser machen können. Ich bin dennoch froh, dass er nicht komplett scheiße geworden ist.

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