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Kritik: „Manchester by the Sea“

Manchester by the Sea (Kenneth Lonergan, USA 2016)

Oscarprämiertes Familiendrama, das ganz ohne emotionalen Holzhammer auskommt und dafür lieber subtile Töne anspielt.

Gute Einspielergebnisse, viel Kritikerlob und eine starke Präsenz bei den Oscars plus zwei Auszeichnungen für den besten Hauptdarsteller und das beste Originaldrehbuch: Man könnte sagen, Manchester by the Sea war ein erfolgreicher Film. Wer den Kinobesuch verpasst hat, bekommt dank Heimkino-Release am 1. Juni nun die Chance, diese Lücke zu schließen. Freunde subtiler, gut gespielter Dramen sollten da nicht zweimal überlegen, denn dieser Film ist noch vielmehr ein Couch- als ein Kinosessel-Film.

Trauriger Ruf der Heimat
Lee Chandler verdingt sich als Hausmeister in Boston. Als wäre das nicht deprimierend genug, erhält er eines Tages einen Anruf: Sein Bruder ist im nahegelegenen Manchester, Lees Heimat, verstorben. Ein Verlust, mit dem zu rechnen war, da der Verstorbene an einer Herzkrankheit litt. Was die Situation aber nicht weniger schlimm macht. Lee muss Trauerfeier sowie Beerdigung organisieren und soll obendrein – so der letzte Wille seines Bruders – die Vormundschaft für dessen fast volljährigen Sohn übernehmen.

Die Erfüllung dieses Wunsches aber gestaltet sich schwierig: Lee ist vor einigen Jahren als traumatisierter und unnahbarer Mann aus einer persönlichen Tragödie hervorgegangen. Dementsprechend schwer macht es Manchester by the Sea einem auch, eine Verbindung zu seinem Protagonisten zu finden. Der raunt lieber die Mieter an, betrinkt sich allein in der Kneipe, provoziert Prügeleien und ist ziemlich wortkarg. Alles andere als sympathisch und zugänglich also – und dennoch ein interessanter Charakter, den man allmählich (wenn auch nicht lieben-, dann zumindest) kennenlernt. Dabei setzt der Film auf einige Rückblenden, die visuell gar nicht als solche zu erkennen sind, sich stattdessen nur aus dem Kontext ergeben und ein schlüssiges Gesamtbild schaffen.

Puristische Inszenierung
Ebenso pointiert kommt die Musik zum Einsatz, die jedoch nur eine Fußnote in der vor allem visuell bestechenden, puristischen Ästhetik bildet. Lange Einstellungen, weite Kamerawinkel und stille Bilder, die zum Versinken nicht nur einladen, sondern dies geradezu erzwingen. Meist zeigen die Einstellungen lediglich zwei Figuren, die sich unterhalten, ohne dass es erwähnenswerte Bewegungen im Bild gibt – durch genau diese Simplizität provoziert der Film Konflikt und Dramaturgie auf reinem, ganz hohen Niveau.

Blicke – sowohl die der Darsteller als auch die des Zuschauers – wandern hin und her, jede Geste, jedes Wort, jeder Seufzer schwitzt Bedeutung. So entstehen Figuren, denen man zwar nicht mit Vergnügen, dafür mit bloßer Neugier zuschaut. Und letztlich auch mit viel Empathie. Denn wenn Manchester by the Sea eines aus seinem Publikum herauszukitzeln weiß, dann ist es Mitgefühl für seine vom Schicksal gebeutelten Figuren.

Trauer als komplexer Prozess
Dies geschieht nicht auf Biegen und Brechen, also mit ganz viel Herzschmerz, Weichzeichner und erzwungenen Tränendrücker-Momenten, sondern ganz organisch aus der Handlung und den Figuren heraus. Trauer ist hier ein komplexer, menschlicher Prozess – keine kalkulierte Aktion, die nur eine möglichst heftige Gegenreaktion beim Publikum hervorrufen will. Diese Figuren leiden, jeder auf seine Weise und jeder versucht auf seine Weise, mit diesem Leid umzugehen. Lee flüchtet sich in Apathie und Alkohol, sein Neffe sucht die Gesellschaft von Freunden und Frauen, andere wagen einen Neustart.

Die Themen, die der Film dabei aufmacht – Wie geht der Mensch mit Verlusten um? Wie findet jemand, der schon so viel gelitten hat, noch Platz für Trauer in seinem Alltag? Lässt sich Leid gemeinsam besser ertragen? – sind viel zu komplex und ambivalent, um sie beim ersten Mal gänzlich erfassen zu können. Die Gedanken beflügeln sie dennoch.

Fazit
Manchester by the Sea ist ein Hollywoodprodukt, dem man das kaum anmerkt. Erzählstruktur und -ton wirken vertraut, erinnern aber vielmehr an schwermütiges Autorenkino. Er verweigert sich derart vielen Konventionen des dramatischen Films und drückt dabei so sehr auf die Bremse, dass von Massentauglichkeit überhaupt keine Rede sein kann. Und dennoch – oder gerade deswegen – ist er ein bemerkenswertes Stück Kino, das zum emotionalen wie gedanklichen Versinken einlädt. Die großartige Leistung der Darsteller ist da nur das i-Tüpfelchen.

Bilder & Trailer: (c) Universal Pictures

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3 Kommentare zu „Kritik: „Manchester by the Sea“ Hinterlasse einen Kommentar

    • Ich muss zugeben, dass mir Filmmusik mittlerweile gar nicht mehr auffällt, wenn sie nicht herausragend schlecht oder gut ist. Ein, zwei Stellen gab es, an denen mir die Musik positiv aufgefallen ist, das wars dann aber auch schon. Macht den Film für mich aber weder besser noch schlechter

      Gefällt 1 Person

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