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Kritik: „Paterson“

Paterson (Jim Jarmusch, USA 2016)

Aus wenig mach viel: Adam Driver gibt auch als Busfahrer in einer amerikanischen Kleinstadt ein verdammt gute Figur ab.

Aus dem Alltag ausbrechen, dem Trott entfliehen. Mach etwas, sei etwas Besonderes! Lebe! Das ist es, was uns die (von einigen gern abfällig bezeichnete)„Unterhaltungsindustrie“ immer wieder verkaufen will. In Coming-of-Age-Filmen, in Jugendromanen, in Musik und TV. Kein Wunder: Außergewöhnliches gibt ja auch besseres Material für Geschichten ab, als Gewöhnliches. Mit dem, was die meisten tagtäglich erleben, hat das freilich wenig bis nichts zu tun. Umso erfrischender, dass Jim Jarmuschs Paterson genau dies zeigt: Den tristen Alltag in einer tristen Kleinstadt.

Die Poesie des Alltags
Paterson (Adam Driver) ist Busfahrer in Paterson. Sein Tagesablauf folgt einem strengen Muster: Aufstehen, arbeiten, Zeit mit Freundin Laura (Golshifteh Farahani) verbringen, Gassi gehen, ein Bier in der Bar runterkippen, ins Bett fallen. Sieben Tage lang wiederholt sich dieses Schema. Es ist ein einfaches Leben – ob es aber auch ein glückliches ist, das ist die große Frage, die sich über die Laufzeit von zwei Stunden auftut. Vor allem Laura macht es Paterson schwer: Sie träumt vom großen Durchbruch, mal als Cupcake-Verkäuferin, mal als Country-Sängerin, serviert experimentelles (= ungenießbares) Abendessen, dekoriert die Wohnung im stets gleichen schwarz-weißen Stil und lebt wie ein Parasit vom Geld ihres Freundes, der das alles erträgt und abnickt.

Eine Sache bereichert sein Leben dann aber doch: Lyrik. Wann immer Paterson einige Minuten findet, kritzelt er Gedichtzeilen in sein Notizbuch. Die entspringen auf den ersten Blick jenem einfach gestrickten Geiste, den Paterson auch in Gesprächen mit anderen zu erkennen gibt. Erst im Laufe der Zeit bemerkt man die schlichte, aber gerade deshalb so wirkungsvolle Poesie dieser Zeilen, die einen tiefgreifenden Einblick in das Seelenleben des Protagonisten gewähren.


Eine ebensolche Poesie findet sich auch in der Bildsprache wieder. Jarmusch beweist sich in Paterson als visueller Erzähler: Wenn Lauras Faible für schwarz-weiße Muster allmählich Überhand nimmt, wenn die immer gleichen Kamerawinkel die Monotonie im Leben des Hauptakteurs verdeutlichen, dann ist das manchmal witzig und stets ganz große Kunst, die darin mündet, dass ein wichtiges Detail zu Patersons Vorgeschichte, das diesen zuvor so unnahbaren Charakter eigentlich vollständig erklärt, nur ein kurzer visueller Verweis bleibt.

Ohne Höhepunkte – wie im echten Leben
Als Zuschauer muss man allerdings eine sehr flache Dramaturgie in Kauf nehmen. Obwohl Jarmusch einige bemerkenswerte visuelle wie narrative Themen einstreut (regelmäßig begegnet Paterson Zwillingspärchen und wenn er den Gästen im Bus lauscht, dann finden sich darin stets Querverweise zu anderen Filmen), so schließt doch keines davon mit einer erkennbaren Pointe ab.

Verzweifelt wartet man auf einen emotionalen Ausbruch, und sei es nur, dass Paterson seine Freundin anschreit, weil es jetzt endlich mal genug ist mit ihren Tagträumereien und Unzulänglichkeiten. Doch in Paterson – das meint sowohl den Ort als auch die Person – herrscht konstant eine derart große Tristesse, dass eine Buspanne schon zum Highlight der Woche wird.

So mag der ein oder andere diesen Film als stinkend langweilig und arm an Höhepunkten empfinden. Um nichts anderes geht es allerdingsAlles und jeder ist auf der Suche nach etwas, nach dem Besonderem. Sei es Laura, die ein großer Star werden möchte und dafür jeder noch so absurden Idee hinterher jagt; sei es der Barkeeper, der jeden C-Promi, welcher eine Nacht in diesem idyllischen Örtchen verbracht hat, mit einem Platz an der Pinnwand ehrt.

Einzig Mr. Paterson lässt sich nicht auf dieses Spiel, diese krampfhafte Suche nach Identität durch Individualität ein. Er bleibt lieber ein Fisch, der sich vom großen Strom namens „Leben“ einfach treiben lässt. Der sich von seiner Umwelt bestimmen lässt, ohne sie bestimmen zu wollen und es dennoch tut. Die große Frage: Macht der Ort die Menschen – oder machen die Menschen den Ort?

Fazit
So recht lässt sich Paterson nicht einordnen. Drama? Komödie? Charakterstudie? Ein bisschen was von allem. Jarmusch lässt die emotionalen Kanonen im Schrank und erreicht mit diesem Film vor allem jene, die Alltag und Routine genießen können. Die nicht das Abenteuer suchen, sondern sich an der Schönheit des Einfachen erfreuen. Die Unangenehmes ertragen, weil sie entweder zu bequem sind oder sich trotz allem nicht davon trennen wollen. Die nicht mehr möchten, als ein genügsames Leben. Denn mehr braucht es manchmal nicht. Was ein toller Film.

Bilder & Trailer: (c) Weltkino

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9 Kommentare zu „Kritik: „Paterson“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich lieeeeebe diesen Film! So ein Film kann auch nur ein Jim Jarmusch so machen, dass er bei der Prämisse nicht langweilig wird. Und ich muss ja gestehen, ich habe Paterson sehr um seine innere Uhr beneidet… so ganz ohne Wecker so pünktlich aufzustehen 😀

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  2. Sehr schöner Text, der mir geholfen hat meine eigenen Gedanken zum Film besser zu ordnen. Ich fand „Paterson“ auf der einen Seite nämlich schon irgendwie langweilig, irgendwie aber auch schön und faszinierend. Komisch 🙂

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