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Kritik: „Atomic Blonde“

Atomic Blonde (David Leitch, USA 2017)

Charlize Theron als coole Agentin in den letzten Tagen des Kalten Krieges – leider zu cool. Denn Atomic Blonde ist Style over Substance von der schlechteren Sorte.

Charlize Theron hat ein Faible für Actionfilme. Mein erster Kontakt damit war der fürchterliche Aoen Flux. So wirklich eindrucksvoll wurde es dann erst vor zwei Jahren in Mad Max: Fury Road, in dem sie zum eigentlichen Star der Show wurde. Nächster großer Auftritt: als neue Antagonistin in Fast & Furious 8Nun erscheint die Verfilmung der Graphic Novel „The Coldest City“, die Theron – so vernimmt man – selbst mit aller Macht umsetzen wollte, wofür sie sieben Jahre lang kämpfen musste. Das Ergebnis heißt Atomic Blonde. Das Urteil: mangelhaft.

Irrungen und Wirrungen
„James Bond in weiblich“, so lässt sich die Prämisse von Atomic Blonde wohl am einfachsten umreißen: In den letzten Tagen des (alten) Kalten Krieges, wenige Tage vor dem Fall der Mauer, begibt sich die britische Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) nach Berlin: Der Grund: Ein Kollege wurde vom KGB ermordet und einer Liste beraubt, auf der sämtliche Namen und Aktivitäten westlicher Spione stehen – inklusive der Identität eines Doppelagenten.

So viel bekomme ich von der Handlung noch zusammen – danach wird es schwierig. Denn bei all den Twists und Turns, den Doppelspielchen und Hinterhalten ist es ein Ding der Unmöglichkeit, der Story in Gänze zu folgen. So was gehört ja eigentlich bei einer guten Agenten-Geschichte dazu. Doch die Voraussetzung für einen erfolgreichen Twist ist eben auch, dass sich der Zuschauer mit seinem Wissen sicher fühlt, bevor die Täuschung gelüftet wird.

An genau dieser Stelle versagt Atomic Blonde. Das liegt nicht mal an einem Mangel von Kommunikation (Dialoge gibt es nämlich zuhauf), vielmehr an der unnötig verworrenen Erzählweise. Drei, vier, fünf Erzählebenen gibt es, am elementarsten die Haupthandlung in Berlin, das vorausgegangene Missions-Briefing und ein Verhör am Ende des Auftrags, das als narrativer Rahmen dient und für die Übergänge sowie „coole“ Voice-Overs herhalten muss. Atomic Blonde springt alle paar Sekunden wild in Zeit und Raum umher, man freut sich wirklich, wenn eine Szene länger als eine Minuten am selben Schauplatz verbleibt.

Bei all diesem Mangel an Kontinuität fällt es enorm schwer, ein zeitliches und räumliches Gefühl für die Handlung zu bekommen – die Wendungen laufen ins Leere. Atomic Blonde pumpt eine im Kern simple Geschichte mit all diesem Ballast zu einem verknäulten Gebilde auf, das wahrlich nicht komplex, dafür einfach nur kompliziert ist.

Unnahbare Protagonisten
Aber selbst diese Erzählweise hätte funktionieren können, gäbe es doch nur Figuren, an denen man sich festhalten könnte. Die Darsteller machen ihren Job gut, müssen jedoch mit einem sehr dünnen Drehbuch arbeiten. James McAvoy spielt (mal wieder) den Psycho, kann er ja und macht er auch super. Seine Figur aber ist nicht mehr ein Klischee – und dabei nicht mal ein unterhaltsames. Dann haben wir noch eine junge französische Agentin (Sofia Boutella), die sich für den Geheimdienst gemeldet hat, weil sie es sich „so aufregend vorgestellt“ hat. Ernsthaft?

Am schwersten hat es jedoch die Protagonistin getroffen. Sie solle niemandem vertrauen – diesen Rat gibt der Chef (James Faulkner) ihr mit auf den Weg. Für das Drehbuch sollte so ein Satz aber nicht bedeuten, dass die Figur den Zuschauer über die erste Stunde hinweg emotional vollkommen kalt lassen darf, wenn wir kurz vor Schluss einen schmerzhaften Verlust miterleben sollen. Nichts gegen stoische, abgebrühte Agenten-Figuren – im Gegenteil. Eine faszinierende, erotische Ausstrahlung besitzt Theron selbstredend auch, sogar wenn sie von blauen Flecken übersät im Bad sitzt. Dem Publikum aber mal so gar keine Ansatzpunkte zum Mitfiebern zu geben – außer einige plakative Lesben-Sex- und Nacktszenen für den männlichen Zuschauerteil – ist ein schlichtes Versagen seitens der Autoren. (Nicht mal coole One-Liner hat sie!)

Style over Substance
Dass sich Atomic Blonde so wenig um seine Figuren schert, hat einen einfachen Grund: Der Film ist viel zu sehr in seinen Stil verliebt. Und in der Tat hat der Gegensatz zwischen der farb- und kontrastarmen Optik der Ostberlin-Szenen und den bunten Neonlichtern des Westens etwas sehenswertes an sich.

Noch mehr verlässt sich der Film jedoch auf seinen Soundtrack: zeitgenössische Stücke, die vielfach den Takt der jeweiligen Szene vorgeben. Wenn sich Broughton in der ersten, ruhigen Minute von David Bowies „Cat People (Putting out the Fire)“ hübsch macht, nur um dann mit dem Einsetzen von E-Gitarre und Schlagzeug mit hohen Boots auf die Straße zu treten, dann ist das einfach nur richtig gut. Problem: Viele dieser so toll eingesetzten Songs reißen abrupt ab, was spätestens beim dritten Mal nicht wie ein Stilmittel, sondern einfach nur schlecht wirkt.

Die einzige Sache, die Atomic Blonde so richtig gut macht, ist die Action. Theron kann kämpfen, das sieht und spürt man zu jeder Zeit. Deshalb kommen die Keilereien auch mit vergleichsweise wenigen Schnitten aus, die Schläge und Tritte sitzen und tun schon beim Zusehen bzw. -hören weh. Die Krönung dessen ist eine gefühlt zehnminütige Plansequenz, bei der man beinahe den Eindruck bekommen könnte, das Kamerateam von Victoria hätte übernommen. (Okay, einige unsichtbare Schnitte sind wahrscheinlich darin versteckt.) Gäbe es doch aber nur mehr davon und weniger verworrenes Gequatsche zwischendurch!

Fazit
Eine Mischung aus „James Bond in weiblich“ und „Sin City in realistisch“, dazu noch eine Prise John Wick – so lässt sich wohl am ehesten beschreiben, was Atomic Blonde sein will. Wohlgemerkt: will. Denn an der Qualität dieser Vorbilder schrammt der Film meilenweit vorbei. Atomic Blonde gelingt es aufgrund seiner unnötig komplizierten Erzählweise nicht, so etwas wie Spannung aufzubauen. Ein beeindruckender One-Take gleicht all diese Schwächen noch lange nicht aus.

Atomic Blonde startet am 24. August in den deutschen Kinos.

Bilder & Trailer: (c) Universal

15 Kommentare zu „Kritik: „Atomic Blonde“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Lustig. Ich hab den Film gestern gesehen und man könnte meinen, wir wären zusammen im Kino gesessen und hätten uns abgesprochen. Der Style over Substance Aspekt ist auch in meinem Beitrag (der in den nächsten Tagen kommt) der inhaltliche Schwerpunkt.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich weiß ja nicht so recht, wenn ich jetzt die ganzen anderen Kritiken so lesen komme ich direkt ins Wanken….aber vielleicht hat mich der Film auch einfach auf dem richtigen Fuß erwischt, denn ich fand ihn echt gelungen ;-). Jetzt natürlich nicht großartig und auch nicht mit den im deinem Fazit genannten Filmen zu vergleichen aber die simple Story hat mich zB eher weniger tangiert (wie viele Actionstreifen haben schon eine herausragende Geschichte wenn man sie zusammenfassen würde 😉 ) und auch mit den Zeitsprüngen hatte ich überhaupt keine Probleme. Die Aussage Style over Substance passt zwar wirklich nicht schlecht für den Film aber das muss ja nicht immer unbedingt negativ behaftet sein bei Actionfilmen 😉

    Gefällt 2 Personen

    • Ich habe ja auch wirklich nichts gegen eine simple Story, aber dann sollte der Film eben auch nicht so tun, als hätte er eine total durchdachte Geschichte. Und um ihn als Actionfilm zu bezeichnen, war mir dann doch zu wenig Action dabei. Jeder Bourne und jeder Bond haben da mehr…

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  3. Das ist genau das, was ich über diesen Film auch immer höre: merkwürdige Story, blasse Charaktere, aber coole Action. Das ist dann so die Art von Film, für die ich nicht unbedingt ins Kino gehe.

    Gefällt 1 Person

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