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Kritik: „Baby Driver“

Baby Driver (Edgar Wright, USA/UK 2017)

Fünf einfache Worte: Baby Driver is fucking awesome!

Jetzt habe ich ein kleines Problem. Ich habe Baby Driver nämlich schon vor meinem Urlaub gesehen – um genau zu sein: einen Tag davor. Mittlerweile sind drei Wochen vergangen. Ich bitte also um Verzeihung, falls der nachfolgende Texte einige Lücken und/oder Fehler aufweisen sollte. Was ich aber mit Bestimmtheit noch immer sagen kann: Baby Driver is fucking awesome!

Der Nerd unter den Fluchtfahrern
Diese Meinung kommt nicht von ungefähr, bin ich doch ein großer Fan von Regisseur Edgar Wright, allem voran seiner Cornetto-Trilogie mit Simon Pegg und Nick Frost. Beide mischen beim jüngsten Projekt des britischen Meisters der visuellen Komik zwar nicht mehr mit – das ist aber gar nicht schlimm. Ohnehin hätte keiner von beiden in die Haupt- und Titelrolle gepasst. Die übernimmt stattdessen der mir bis dato unbekannte Ansel Elgort, dessen Charakter mit wenigen Worten umrissen ist: Jung, musikbegeistert, verdammt guter Autofahrer.

Baby, wie er im Film einfach nur genannt wird, verdingt sich deshalb – eher unfreiwillig – als Fluchtwagenfahrer bei Überfällen, die von Doc (Kevin Spacey) organisiert werden. Unter dessen sympathischer Oberfläche schlummert ein eiskalter Gangster, dennoch hat er einen Narren an dem Jungen gefressen. Und dann kommt auch noch die Liebe ins Spiel: Baby verguckt sich in die Kellnerin Debora (Lily James), die in der zweiten Hälfte des Film als Konfliktpunkt wie auch Triebfeder der Handlung dient.

Action-Comedy-Musical
All das ordnet sich jedoch einer Sache unter: der Musik. Die ist derart präsent, dass man Baby Driver beinah die Genre-Bezeichnung „Musical“ verleihen könnte. Wer jetzt an ein La La Land 2.0 denkt, der liegt aber falsch: Im Gegensatz zum klassischen Musical gibt es hier keine artifiziellen Tanz- und Singeinlagen, die Musikquelle ist nicht nondiegetisch, sondern hat ihren Ursprung stets in der Filmwelt. Meist sind das Babys Kopfhörer. Doch anstatt einzelne Szenen einfach nur mit atmosphärisch passender Musik zu unterlegen, ist die auditive Ebene der narrative wie formale Kern des Films.

Sprich: Alles in Baby Driver ordnet sich der Musik unter. Das geschieht mit einer derart detailversessenen Präzision, dass es schier unmöglich ist, all die Feinheiten mit nur einer Sichtung zu erfassen. Nicht nur der Schnitt, nein, sämtliche Bewegungen und Umgebungsgeräusche sind perfekt in den Takt des Soundtracks eingearbeitet.

Bei der Verfolgungsjagd durch eine Mall resonieren nicht nur die Schritte des Gejagten, sondern selbst das Klirren eines umfallenden Einkaufswagens – eigentlich ein beiläufiges Geräusch im Hintergrund – mit der Musik. Und dann setzt Wright nochmal einen drauf und koppelt sogar die Lyrics mit der Narrtion: Wenn Baby zu „Harlem Shuffle“ über die Straße schlendert, macht er bei der Zeile „You mo-ove to left“ konsequent eine Drehung nach links. Wenn er im Coffeeshop gefragt wird, was es denn sein darf, und laut mit einem „Ja, ja, ja“ nachdenkt, dann legt Wright diese Worte exakt über das „Yeah, yeah, yeah“ des Songtexte. Und das sind nur einige von wenigen Beispielen. Ganz, ganz große Kunst.

Schweigen ist Gold, Musik ist alles
Kaum etwas verbindet Menschen besser als Musik. Dieses Prinzip macht sich Baby Driver zunutze und baut damit eine mentale Brücke zwischen Zuschauer, Protagonisten und übrigen Figuren auf, ohne dass es vieler Worte bedarf. Schweigen ist Gold, Musik ist alles. Das gilt jedoch nur für unseren wortkargen Helden und seinen taubstummen Ziehvater. (Selbst hier vollbringt Edgar Wright Großes: Er sorgt für die berührendste Szene des Films, ohne dass es gesprochener Worte bedarf.) Die anderen Figuren sind da schon deutlich redseliger, aber nicht weniger interessant und greifbar. Sogar die Antagonisten wachsen einem mit ihren sympathischen bis verstörenden Marotten und Eigenarten schnell ans Herz – in jedem Fall aber sind sie einprägsam.

Zur Musikauswahl selbst muss man gar viele Worte verlieren: Großartige Zusammenstellung, die ich allein schon deshalb liebe, weil zwei Stücke von Run The Jewels darin stecken. Außerdem kommt sie erstaunlich klischeearm daher: Allein den sperrigen „Brighton Rock“ von Queen statt „Don’t Stop me now“ oder „Bohemian Rhapsody“ zu wählen, verdient Respekt. (Wer sich selbst ein Bild machen will: hier der Link zur Spotify-Playlist.) Die Optik: Auf typisch hohem Edgar Wright Niveau, präzise ausgearbeitete Bildkompositionen, Zooms und Schwenks, die er erneut in visuelle Komik umzumünzen weiß. Die Action: Handgemacht und spektakulär. Der Humor: Teilweise zum totlachen. Die Darsteller: Absolut überzeugend.

Fazit
Jap, Baby Driver ist einer dieser Filme, die einfach alles richtig und zudem noch unfassbar Lust machen, ihn direkt nochmal anzusehen. So jedenfalls ging es mir, als ich nach knackigen 110 Minuten den Kinosaal mit einem breiten Grinsen und einem im Takt wippenden Fuß verließ. Edgar Wright, ich denke, Baby Driver ist jetzt schon mein Film des Jahres.

Bilder & Trailer: (c) Sony Pictures

7 Kommentare zu „Kritik: „Baby Driver“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Die ersten fünf Worte hätten schon als Kritik gereicht. Dieser Film ist wirklich einfach nur großartig. Ich fand den auch super. Hab ihn mittlerweile schon zweimal gesehen und der Soundtrack eignet sich wirklich perfekt zum Auto-Fahren 😀

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  2. Begeistert war ich zwar auch, aber volle Punktzahl habe ich nicht gegeben, weil der Film das starke Anfangstempo nicht bis zuletzt halten kann. Das letzte Filmdrittel hat auch nicht mehr viel mit Musik zu tun, sondern verkommt zum klassischen Hollywood-Krach-Bum-Finale.

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    • Hmmm, den Eindruck kann ich nicht teilen. Hatte von Anfang bis Ende großen Spaß und das Krach-Bumm-Finale erschien mir auch sehr organisch. Na ja, die DVD ist bereits vorbestellt – bin gespannt, ob er beim zweiten Mal auch noch so stark wirkt.

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