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Kritik: „Mother!“

Mother! (Darren Aronofsky, USA 2017)

Intensives „Liebes“-Drama über ein nicht ganz so gewöhnliches Pärchen. Darren Aronofsky will man wieder verstören – das aber auf ganz hohem Niveau.

Auch mehrere Tage nach meinem Kinogang zu Mother! fehlen mir noch ein wenig die Worte. Das Wertungsspektrum zum neuen Film von Darren Aronowsky (Black Swan, The Wrestler) – diesem „Regisseur der Extreme“, wie ich vor Kurzem lesen musste – fällt ebenso extrem aus: Von Minimal- bis Höchstwertungen ist alles dabei. Mother! polarisiert zu Recht. Und er hinterlässt einen tiefen Eindruck.Eines vorweg: Für die maximale Wirkung empfiehlt es sich, wenig bis gar nichts über den Inhalt von Mother! zu wissen. Auch wenn ich wie stets versuchen werde, den Spoiler-Anteil gering zu halten, gilt: Weiterlesen auf eigene Gefahr.

Im Paradies
Bereits die erste Szene von Mother! macht deutlich: Uns erwartet Übernatürliches. Die Ruine eines Hauses verwandelt sich wie durch Zauberhand in ein idyllisches Heim auf dem Land, weit abgelegen von allem und jedem. Eine junge Dame (Jennifer Lawrence) und ihr Gatte (Javier Bardem) haben sich dort ihr Nest gebaut. Während sie das Haus renoviert, verdingt er sich als Schriftsteller, kämpft aber mit einer Schreibblockade. Da klingelt es an der Tür. Ed Harris stellt sich als Arzt vor und wird vom Hausherrn eingeladen, einige Tage zu verweilen, fällt aber mehrfach durch ungebührliches Verhalten auf: Er raucht im Haus, beleidigt die Gastgeberin und bald steht auch seine nicht viel bessere Ehefrau vor der Tür. Das alles missfällt der Hausherrin natürlich, wird von ihrem scheinbar gutgläubigen Ehemann aber abgewunken. Er freut sich stattdessen, einen Fan seiner Bücher begrüßen zu können.

Das Unheil nimmt seinen Lauf…
…könnte man nun sagen. So einfach ist das aber nicht. Mother! schlägt stattdessen eine Richtung ein, die einem am An- und Verstand sämtlicher Akteure – und auch des eigenen – zweifeln lässt. Mit einer Ausnahme: Jennifer Lawrence, die all das, wie auch wir, nicht so recht versteht, die das als schüchterne und brave Hausfrau aber akzeptiert und einfach nicht die Klappe aufmacht. Bis es dazu kommt, ist die erste Hälfte des Films vorbei. Wirklich los geht es erst in der zweiten: einer potenzierten Iteration der ersten Hälfte. Mother! bedient sich also einer unkonventionellen Zwei-Akt-Struktur, und beide Male steigt die Spannung kontinuierlich an, bis ins Extreme, Ekstatische, Überzogene, nur am dann gebrochen zu werden. Ein surreales und doch so packendes, albtraumhaftes Kammerspiel.

Dass Mother! eine solche Wirkung entfalten kann, liegt maßgeblich an der subjektiven Erzählperspektive. Die Kamera bleibt stets bei Lawrence (deren Figur wie jede andere namenlos ist), hängt ihr im Nacken, umkreist sie immer wieder, wechselt gelegentlich in einen PoV-Shot. Vergleichbar mit dem eindrücklichen Holocaust-Drama Son of Saul: Vieles, oft das wichtigste, geschieht im Hintergrund. Auch Mother! spielt die Stärken dieser Erzählweise aus: Sie gewährleistet Orientierung, beschränkt die Wahrnehmung des Zuschauers aber auf jene der Figur im Zentrum – und schafft damit eine umso stärkere Bindung.

Konkret, aber vieldeutig
Und meine Güte, wird diese Figur grandios ausgefüllt. Jennifer Lawrence beweist nach langer Zeit mal wieder, dass sie einer Oscarpreisträgerin würdig ist. So bin ich mir auch recht sicher, dass sie sich hierfür eine weitere Nominierung einhandeln wird. Wer die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen in zwei intensiven Stunden erleben möchte, der ist bei Mother! bestens aufgehoben.

Eines ist dieser Film aber ganz sicher nicht: subtil. Während der Einstieg noch sehr seicht ist, klatscht Arnonofsky einem spätestens in der finalen halben Stunde eine extreme und eindeutige Lesart seiner Geschichte ins Gesicht. Das war schon in Requiem for a Dream so, diesmal ist sie lediglich biblisch. Wobei sich, wohlgemerkt, auch andere Ansatzpunkte finden lassen: Patriarchat, Familie oder gleich das Gesamtpaket Gesellschaft. Mother! ist sowohl konkret als auch vieldeutig – und so etwas ist mir ganz persönlich lieber als in den unendlichen Weiten des Symbolismus allein gelassen zu werden.

Fazit
Mother! 
dürfte einer dieser Hate-it-or-Love-it-Filme sein. Den einen wird er zu drastisch, zu plakativ oder zu prätentiös sein – Einwände, die durchaus berechtigt sind. Die anderen werden ihn für seinen sukzessiven Spannungsaufbau, seine Intensität, seine albtraumartige Atmosphäre lieben. Ich zähle mich zu letzteren. Mother! ist ein Psycho-Thriller mit Horror-Elementen, der mich immer wieder überraschen, verwirren, schockieren konnte. Ein Film, der einen wirklichen Eindruck hinterließ. Und meines Erachtens auch Aronofksys bisher bester Film.

Bilder & Trailer: (c) Paramount Pictures

11 Kommentare zu „Kritik: „Mother!“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Eben gesehen und ich stimme dir größtenteils zu 🙂 Ich hatte zum Glück wenig über den Film gewusst und etwas gänzlich anderes erwartet. Ich wurde also quasi kalt erwischt. Toll! 🙂

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      • Ich glaube nicht, dass ich viel dazu schreiben werde. Vielleicht irgendwann mal eine Interpretation. Wobei die Bedeutung ja eigentlich (nicht zuletzt durch Aussagen des Regisseurs) recht eindeutig ist. Mal schauen

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      • Ich schau mal. Ich meine irgendwann gelesen zu haben, dass er die Geschichte der Menschheit aus der Sicht von Mutter Erde erzählen wollte oder so. Konnte mir vor dem Film darunter nichts vorstellen. 😉

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      • Stimmt auch wieder. Vielleicht setze ich mich demnächst mal dran. Die Artikel mit dem Wörtchen „Interpretation“ im Titel werden mit meilenweitem Abstand am häufigsten aufgerufen…

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