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Kritik: „Thor: Tag der Entscheidung“

Thor: Tag der Entscheidung (Thor: Ragnarok, Taika Waititi, USA 2017)

Der Donnergott muss die feindliche Übernahme seiner Heimat verhindern – ist aber viel zu sehr damit beschäftigt, Witze zu reißen.

Ein kurzer Blick auf den Kalender verrät: Seit Spider-Man: Homecoming – das war im Juli – herrscht Superhelden-Ebbe im Kino. Skandal! Höchste Zeit also für Marvel und Disney, mit dem dritten Thor nachzulegen. Für die größte Überraschung, ob nun positiv oder negativ, sorgte im Vorfeld die Entscheidung, Taiki Waititi als Regisseur ins Boot zu holen. Der Neuseeländer besticht schon länger durch seinen Humor, den er in unkonventionellen Komödien wie 5 Zimmer, Küche, Sarg oder Wo die wilden Menschen leben verarbeitet. Auch Thor: Ragnarok sprüht geradezu vor Humor – was dem Film alles andere als gut tut.

Zunächst einmal das Offensichtliche: Wer auch immer hier für den deutschen Titel verantwortlich war, verdient Prügel, denn er spricht dem deutschen Publikum wohl auch noch den letzten Funken Verstand ab. Deshalb musste der prägnante Untertitel „Ragnarok“ einem vollkommen banalen und nichtssagenden „Tag der Entscheidung“ weichen. Sieht man sich die Trailer an, können potentielle Spoiler jedenfalls nicht die Begründung für diese hirnrissige Marketingentscheidung sein, da in den Werbeclips – Marvel-typisch – die essentiellen Szenen bereits verbraten werden. Der englische Untertitel „Ragnarok“ jedenfalls gibt bereits die grobe Richtung vor, in die sich die Handlung von Thor 3 bewegt: Das mythische Königreich des titelgebenden Helden steht kurz vor dem Untergang. Besagt zumindest irgendeine Prophezeiung. Unser Protagonist (Chris Hemsworth) sorgt aber gleich in den ersten fünf Minuten dafür, dass es sich ausprophezeit hat: Der feurige stehende Weltenvernichter Surtur  bekommt den Hammer auf den Kopf und aus die Maus. Nun ja, nicht ganz…

Bereits in diesem Prolog wird das große Problem des Films deutlich. Das findet sich nicht auf inhaltlicher, sondern auf tonaler Ebene. Waren die ersten Thor-Filme noch überwiegend ernsthafte Angelegenheiten und der Held einer der grimmigsten unter den Avengers, wird er in Ragnarok ab der ersten Minute als kecker, selbstironischer Sprücheklopfer etabliert. Ein gänzlich anderer Charakter also, was man erst einmal schlucken muss. Ist das geschehen, sind die Probleme aber noch lang nicht vorbei. Die Krux ist: Ragnarok ist schlicht zu witzig, was sich wie ein ausgefranster, roter Faden durch den Film zieht und so gar nicht mit der Handlung korrespondieren will.

In der dreht sich nämlich alles um Weltenvernichter, epische Gefechte zwischen Götterkindern und Gotteskriegern, gloriose Gladiatorenkämpfe und so weiter und so fort. Ragnarok wirkt deshalb, als würde man zwei Filme gleichzeitig anschauen: Einer davon ein überaus dramaturgischer Kampf zwischen Gut und Böse, in dem übermenschliche Wesen um die Herrschaft und die Liebe ihres Volkes kämpfen – und der andere die Parodie darauf. Machen wir’s kurz: Aufgrund der übermäßigen Gag-Dichte entwertet Ragnarok seine Dramaturgie massiv. Spannung, emotionale Momente und charakterliche Tiefe werden entweder unmittelbar zerrissen oder können nicht wirken, weil man gleich die nächste Pointe erwartet (die dann oftmals auch gleich kommt).

Das wäre ja noch auszuhalten, wenn der Humor wenigstens richtig gut wäre. Und tatsächlich trifft das auch zu, wenn er physisch ist, sprich: wenn jemand auf die Fresse bekommt. Viel öfter aber setzt Waititi auf verbale Komik, die oftmals – zeitlich wie dramaturgisch – derart deplatziert daherkommt, dass man sich schon fremd schämt. Zwei Figuren sind davon besonders betroffen: Der Steinriese Korg (Waititi selbst) und der Neuzugang Skurge (Karl Urban), der für den schlimmsten Moment im Finale verantwortlich zeichnet. Lachen kann (beziehungsweise: wird) man natürlich trotzdem immer wieder. Und dennoch: Die tonale Diskrepanz zwischen ernsten und lustigen Momenten ist enorm – und findet sich in jeder einzelnen Szene wieder.

Ragnarok hebt also die Fehler von Doctor Strange (der hier einen vollkommen überflüssigen Gastauftritt bekommt) nochmal auf ein anderes Level. Was aufgrund der Coming-of-Age-Prämisse in Spider-Man: Homecoming wunderbar funktioniert hat, klappt eben nicht in einem mythischen Science-Fiction-Märchen. Da kann auch der flashige 80er-Jahre-Style samt Synthiemusik, Neonlicht-Look und bunten Laserstrahlen, der das zweite Filmdrittel dominiert, keinen Ausgleich schaffen. Das ist zwar mal was Neues, trotzdem wirkt’s aufgesetzt.

Vier Absätze voller böser Worte, dennoch ist Ragnarok – wie jeder Marvel-Film – keine Katastrophe. Guten Gewissens kann man ihn als besten Film der Thor-Reihe bezeichnen, was angesichts der Qualität von Teil eins und zwei freilich keine Aussagekraft besitzt. Vier Aspekte aber überzeugen: Zum Ersten die Antagonistin, die Marvel-typisch oberflächlich bleibt, von Cate Blanchett aber äußerst eindrucksvoll – physisch wie mimisch – verkörpert wird. Zum Zweiten die Action, der man das CGI zwar deutlich ansieht, die aber eine schöne Dynamik besitzt und in angenehmen Dosen über den Film verstreut ist. Zum Dritten der interessante Cast-Neuzugang Tessa Thompson. Und zum Letzten das generelle Erzähltempo, das ordentlich vorlegt, weshalb Ragnarok trotz seiner 130 Minuten keine Längen aufweist oder Langeweile aufkommen lässt.

Fazit
Puhhh… so langsam gehen auch mir die Ideen für Schlusssätze zu den jüngsten Marvel-Filmen aus. Die immer gleiche Suppe aus Action, Humor und einer Dramaturgie nach Schema F funktioniert eben immer noch – zumindest als reines Entertainmentprodukt. Banal ist das Ganze trotzdem. Und schon wenige Tage später wieder vergessen. Das Thor-Franchise bleibt das schwierige, weil abstruseste Kind im MCU. Daran kann auch Taika Waititi nichts ändern, der es sogar noch ein wenig schlimmer gemacht hat. Worin liegt der Zweck einer epischen, auf 20 Filme ausgebreiteten Franchise, wenn man keinen Film darin mehr ernst nehmen kann?

Bilder: (c) Marvel/Disney

8 Kommentare zu „Kritik: „Thor: Tag der Entscheidung“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Was den deutschen Untertitel anbelangt, gebe ich dir vollkommen Recht. Allerdings begrüße ich Humor bei den Comic-Verfilmungen. Ich kann diese Action und den Pathos einfach nicht ernst nehmen – da ist Humor eine willkommene Komponente für mich. Sicher, man kann es auch übertreiben, aber für mich war, was das anbelangt, Antman weitaus schlimmer als Thor. Antman war absolut unbedeutend und gleich wieder vergessen, während Thor meiner Meinung nach von einem unschlagbaren Cast gut getragen wird.
    Dass wir hier nicht die selbe Qualität oder das selbe Niveau wie etwa bei Logan haben, ist auch klar. Aber prinzipiell gefällt mir der Weg, den Marvel seit Guardians of the Galaxy eingeschlagen hat. Aber gut, ich kann Superhelden wirklich nicht ernst nehmen.
    Wenn man möchte, kann man auch noch etwas Inhalt in den Film hineininterpretieren: es sind die Leute. Nicht das Land. Gewissermaßen greift der Film sachte die Flüchtlingsproblematik und Entwurzelung auf. Aber mag sein, dass ich mich da etwas aus dem Fenster lehne ^^

    Gefällt 1 Person

    • Humor ist eben ein hoch subjektives Thema. Wenn dir die Gagdichte gefallen hat, will/kann ich dir das nicht madig machen, wir wars aber einfach zu viel.
      Mit deiner Interpretation würde ich aber mitgehen. Netter Ansatz, aber auch hier macht mir den Humor einen Strich durch die Rechnung ^^

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