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Kritik: „The Killing of a Sacred Deer“

The Killing of a Sacred Deer (Yorgos Lanthimos, IRL/UK 2017)

Surreales Kino vom griechischen Meister des surrealen Kinos. Großartig produziert, doch mit einem erheblich Makel: Kein Fokus.

Yorgos Lanthimos mag Tiere. Anders lassen sich die Titel seiner zwei bekanntesten Filme – Dogtooth und The Lobster – nicht erklären. Okay, natürlich lassen sie sich doch anders erklären, schließlich kommen sowohl der Hundezahn als auch der Hummer in der Handlung beider Filme vor. Beim aktuellen Werk des griechischen Regisseurs – The Killing of a Sacred Deer – sieht das anders aus: Um einen Hirsch geht es hier weder ex- noch implizit.

Stattdessen verweist der Titel auf irgendeinen griechischen Mythos. Symbolträchtig, metaphorisch will er also sein. Was symptomatisch für den Rest des Films ist, der atmosphärisch und stilistisch auf einer Linie mit den zwei erwähnten Werken liegt. Und dennoch ist The Killing of a Sacred Deer ein schlechterer Film. Dogtooth drehte sich um die katastrophalen Folgen fehlgeleiteter  Sozialisation und Erziehung, in The Lobster arbeitete sich Lanthimos an der Rationalisierung von Liebe und Leidenschaft, an der Tinder- und Dating-Portal-Kultur ab. Nun holt er zum ganz großen Rundumschlag aus, greift unsere moderne Gesellschaft in Gänze an – und schlägt damit ins Leere.

Das liegt weder an den Schauspielern noch an der Machart des Films. Die sind stattdessen ziemlich gut – sehr gut sogar. Colin Farrell übernimmt, wie schon in The Lobster, die Hauptrolle, spielt den Chirurgen Steven Murphy, Ehemann von Nicole Kidman – selbst Ärztin – und Vater zweier Kinder. Das Familienleben ist harmonisch, aber alles andere als idyllisch. Die Kinder stehen an der Schwelle zur Pubertät, das Sexualleben der Eltern ist, gelinde gesagt, unkonventionell und trotzdem fern jeglicher Romantik. Blanke Trieb- und Fetisch-Befriedigung. Dabei entspinnen sich immer wieder absurde bis surreale Gespräche, egal ob am Essenstisch oder auf der Arbeit. Da informiert die Tochter jeden freizügig über ihre erste Periode, der Vater diskutiert mit seinem Kollegen über die Qualität der neuen Armbanduhr einzig anhand ihrer Wasserdichte. Nüchterne Zahlen, Daten, Fakten – das ist es, worauf das Weltbild dieser durch und durch modernen, gut situierten Menschen gründet.

Emotionen kommen erst ins Spiel, als ein Unheil herein bricht. Der Sohn verliert die Kraft zu gehen, seine Beine werden taub, dann setzt sein Appetit aus. Symptome, die ein gewisser Martin (Barry Keoghan) bereits prophezeit ist. Dieser scheinbar zurückgebliebener Teenager, dessen Vater vor zwei Jahren auf dem OP-Tisch von Murphy verstarb, verbringt seit kurzem immer mehr Zeit mit ihm. Denn Murphy, der während der Operation mutmaßlich betrunken war, hat – so sehr er das auch leugnet – Schuldgefühle. Ein Verfahren fand niemals statt, weshalb Murphys Vergangenheit ihn nun in Form einer göttlichen beziehungsweise gottlosen Strafe einholt, so die unterschwellige Botschaft. Tatsächlich scheint es keine andere Erklärung als die einer übernatürlichen Macht zu geben. Und Martin, dieser anfangs so harmlos wirkende, stets penetranter und bedrohlicher werdende Lucifer in Menschengestalt, behauptet, dass auch Murphys Tochter und Frau erkranken, irgendwann Blut weinen und schließlich sterben werden. Wenn er wenigstens zwei Familienmitglieder retten wolle, müsse Murphy eines von ihnen töten. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Lanthimos tut alles dafür, dem Zuschauer deutlich zu machen, dass das hier nicht die Realität widerspiegelt, sondern reine Fiktion ist. Die Dialoge sind so unmenschlich, unauthentisch und unglaubwürdig wie möglich, ebenso wie die Motive seiner Figuren. Der gesamte Film schreit geradezu: „Ich bin ein Märchen, eine Metapher!“ – und spricht dies in der Mitte sogar explizit aus. Immer wieder kommt es zu Gesprächen und Situationen, die zwischen bitterbös-absurdem Humor und unterschwelligem Psychoterror schwanken, sodass man nie wirklich weiß, ob man nun lachen oder schockiert sein soll. Und wo wir gerade bei schockiert sind: The Killing of a Sacred Deer schreckt auch nicht mit höchst gewalttätigen und abstoßenden Szenen zurück.

Sogar auf ästhetischer Ebene weiß Lanthimos zu überzeugen: Ruhige Weitwinkelaufnahmen und Zooms fangen den Alltag der Figuren optisch und erzählerisch perfekt ein, zeigen die rationale Einöde ihres Lebens und ihres Verstandes, werden später – dann also wenn die Spannung zunimmt und die Charaktere ihren Verstand zu verlieren scheinen – aber auch unruhiger, wilder, nervöser. Unterstrichen wird das Ganze von meist sakraler Musik, die dieser Geschichte eine Epik verleiht, die im krassen Kontrast zum Rest steht und einzig dem verschrieben ist, was Lanthimos wohl bezwecken will: verwirren, bezirzen, verstören, fesseln.

Funktioniert hat das aber nicht. Zumindest nicht bei mir. Denn das, was der Grieche da präsentiert, ist eine Luftnummer, eine Metapher ohne Gegenstück in der außerfilmischen Realität. Dogtooth und The Lobster hatten so etwas noch: Ein Ziel, einen Bezugspunkt, etwas, auf das man das Geschehen übersetzen konnte, sodass der Surrealismus erträglich, verständlich wurde. The Killing of a Sacred Deer aber will zu viel und erreicht dadurch gar nichts, lässt sich sicherlich mithilfe antiker Mythen und Bibelverse auf vielfältigste Weise deuten und reißt viele kleine Themen an (machtlose Götter in Weiß, ungerechte Gerechtigkeit, whatever). Und doch fehlt ihm ein roter Faden, er bietet dem Zuschauer keinen Griffpunkt. Genau das will Lanthimos wohl auch – was aber nicht bedeutet, dass das Ergebnis gut ist. Vielmehr erinnert The Killing of Sacred Deer an einen verbitterten alten Mann, der alles anhand oberflächlicher Beobachtungen verallgemeinert, beschimpft und verteufelt – nur um dann, wenn er mal konkret werden soll, entweder schweigt oder auszuweicht. Insofern sagt der Film weniger über unsere Welt aus als vielmehr über seinen Macher.

Fazit
Ich rechne The Killing of a Sacred Deer seine fraglos vorhandenen Qualitäten hoch an: Seine Darsteller, seine Optik, seine Musik und schließlich auch seinen Mut, einen krassen Gegenpol zum aktuellen Mainstreamkino bilden zu wollen. Und doch hat der Film ein erhebliches Problem. All der Surrealismus und all die Dramatik verkommen zum Selbstzweck, die Metapher hat keinen Fokus, schwebt im luftleeren Raum und wird dadurch wirkungslos. Beim nächsten Film bitte wieder etwas mehr Feingefühl, Herr Lanthimos.

Bilder & Trailer: (c) A24

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