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Kritik: „Your Name“

Your Name. – Gestern, heute und für immer (Kimi no Na wa, Makoto Shinkai, JPN 2016)

Zeichentrick > CGI: Your Name ist der visuell schönste Film, den ich je gesehen habe.

Sie sind auf der verzweifelten Suche nach etwas. Wonach genau, das ist ihnen selbst nicht klar. Nach einem Ort? Einem Gefühl? Einer Person? Ihrer eigenen Identität? Die Worte, die uns die beiden Hauptfiguren von Your Name zu Beginn des Films aus dem Off ins Ohr flüstern, sind seltsam, verwirrend, stimmen nachdenklich und melancholisch zugleich. Eine perfekte Exposition für das, was in den nächsten 100 Minuten folgt: Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, ein verwirrendes Spiel mit Zeit und Identität, ein todtrauriges und zugleich erbauliches Stück über Liebe, Erinnerungen und das Schicksal.

Dabei könnte die Story-Prämisse kaum klischeebehafteter sein: Es geht um die Jugendlichen Mitsuha und Taki. Beide kennen sich nicht, leben weit voneinander entfernt und könnten kaum unterschiedlichere Lebensentwürfe haben. Sie wohnt in einem winzigen Dorf in den Bergen und will irgendwann in die Großstadt, ist gelangweilt von den immer gleichen Traditionen, Festen und dem tristen Alltag auf dem Land, auch wenn es dort wunderschön ist. Er hingegen kommt aus Tokio, studiert, jobbt als Kellner, ist immer gestresst. Beide haben sie seltsame Träume – bis sie wenig später feststellen, dass es gar keine Träume sind: Alle paar Tage tauschen sie nach dem Einschlafen mit dem unbekannten Gegenüber den Körper, müssen den Alltag des anderen bestreiten, nur um beim Zubettgehen wieder in ihre eigene menschliche Hülle zurückzukehren.

Man hätte diese Körper-Tausch-Geschichte in simpelster Manier bis zum Schluss durchziehen können. Stattdessen entfaltet sich daraus eine Handlung, die (trotz der für das Genre obligatorischen, fremdschämigen Brüste-Betatschen- und Schlüpferblitzer-Momente) eine anspruchsvolle, symbolträchtige Entwicklung nimmt. Letztlich dient der Identitätswechsel vornehmlich dem Zweck, diese beiden Figuren trotz all ihrer Differenzen auf persönlicher und emotionaler Ebene zusammenzuführen, ihre Schicksale miteinander zu verweben, dabei sogar das Gefüge von Raum und Zeit zu überwinden und zu zeigen, dass wir alle auf irgendeine Weise miteinander in Verbindung stehen. Eine Erkenntnis, die auch die treibende Kraft für die charakterliche Entwicklung der Figuren ist. Eine Erklärung dafür bleibt Your Name zwar schuldig, was erstens aber gar nicht nötig ist und zweitens bestens zum Kulturraum passt, aus dem der Film stammt.

Die erzählerische Glanzleistung von Your Name besteht darin, drei Akte aufzumachen, die inhaltlich und atmosphärisch kaum verschiedener sein könnten, und dies zu einer großen, kohärenten Komposition zusammenzuführen. Wir können auf der Reise mit den beiden Protagonisten mit ihnen ebenso lachen, wie mit ihnen weinen. Nonchalant wechselt die Stimmung zwischen himmelhochjauchzender Freude, albernem Slapstick, todtrauriger Melancholie, lebenserschütternden Erkenntnissen, herzergreifender Romantik und spannungsgeladenen Schicksalsmomenten. Das Motiv bleibt in allen Akten unverändert: Die Suche nach Sinn, Identität und dem einen Anderen. Sehnsucht ist die treibende Kraft. Ein Gefühl, das wir wohl alle noch aus unserer Jugend kennen und das selbst mit zunehmendem Alter nicht verschwindet. Die Identifikation mit Mitsuha und Taki ist stets gegeben.

Das alles ist aber nur die Kirsche auf der Sahnetorte. Womit Your Name nämlich wirklich besticht, ist seine Optik. Selten – nein – noch nie habe ich einen derart schönen Film gesehen. Wer bisher die Werke von Studio Ghibli für das Maß aller Dinge hielt, der wird seine Meinung nach Your Name sofort und auch so schnell nicht mehr ändern. Der Stil der durchweg liebenswerten Figuren ist dezent realistischer, vor allem aber sind es die Hintergründe, die mit ihren liebevollen Details und der künstlerischen Präzision zum Besten gehören, was man bisher zu sehen bekommen hat. Ergänzt wird das durch beeindruckende Zeitraffer-Einstellungen und Aufnahmen vom Himmelsgeschehen, die jedem, der visuelle Schönheit auch nur ein wenig zu schätzen weiß, Freudentränen in die Augen treibt. Der Kometenschauer – ein gewichtiges Element der Handlung – ist ästhetische Überwältigung par excellence. Your Name beweist eindrucksvoll den großen Vorteil des Zeichentricks gegenüber Computeranimationen: Er ist zeitlos.

Fazit
Your Name kombiniert eine komplexe, anspruchsvolle Handlung mit symbolträchtiger Metaphorik über Identität, Schicksal und Liebe. Allein aber die visuelle Umsetzung – die wunderschönen Hintergründe, die liebevollen Animationen, der Zauber eines Kometenschauers im Animestil – ist es, die zur Sichtung verpflichtet und Your Name zu einem ganz großen Highlight im noch jungen Kinojahr 2018 macht. Der kommerzielle Erfolg – nicht nur in Japan, sondern auch hierzulande – stimmt optimistisch: Der Durchbruch für Animefilme in den deutschen Kinos scheint endlich zum Greifen nah.

Bilder & Trailer: (c) Universum Film

10 Kommentare zu „Kritik: „Your Name“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Oh ja… das ist wirklich ein so wunderschöner Film! Schade, dass er nur so kurz im Kino war, aber der ist schon jetzt ein Pflichtkauf 😀 Ich bin echt mal gespannt, wie J.J. Abrams das als Live-Action-Film versaut

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  2. Volle Zustimmung, wunderschöner Film. 🙂 Und ja, es wäre wirklich großartiger, wenn der Film dem deutschen Verleih und Kinos deutlich macht, dass Anime was können und eine Existenzberechtigung unter Kinostarts haben.

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