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Kritik: „Die dunkelste Stunde“

Die dunkelste Stunde (Darkest Hour, Joe Wright, UK 2017)

Gary Oldman schlüpft in den Fatsuit, um als Winston Churchill die Performance seines Lebens abzuliefern.

Die Oscar-Saison ist in vollem Gange. Das merkt man daran, dass unter den aktuellen Kinostarts solch sichere Kandidaten wie Three Billboards outside Ebbing, Missouri und der bald startende The Shape of Water sind, aber auch solche Filme, die man landläufig Oscar-Baits nennt: Gute bis sehr gute figurenzentrierte Dramen, meist im historischen Kontext, deren Themen einen zeitgenössischen Anstrich bekommen. Die dunkelste Stunde passt exakt in dieses Schema. Mit der Auszeichnung als Bester Film sollten die Produzenten zwar nicht rechnen, dafür aber ist der Film ein heißer Anwärter auf den Preis für die beste männliche Hauptrolle.

Innerhalb von etwas mehr als einem Jahr gab es nun drei schauspielerische Interpretationen von Winston Churchill, dem „größten Briten aller Zeiten“, zu sehen. Ende 2016 durfte sich John Lithgow in der großartigen Serie The Crown versuchen und lieferte einen senilen, starrsinnigen und sympathischen Churchill ab. Anfang 2017 folgte Brian Cox, dessen Churchill moralisch zerrissen und zweifelnd, aber ebenfalls starrsinnig war. Nun, Anfang 2018, ist Gary Oldman an der Reihe, dessen hageres Erscheinungsbild so gar nicht zum pummeligen Staatsmann passen will, weshalb man ihn kurzerhand in einen Fatsuit gesteckt hat. Was er aus den Lagen an Schaum- und Kunststoff schauspielerisch heraus trägt, ist aber wahnsinnig beeindruckend. Und auch diesmal dominiert eine Charaktereigenschaft: Starrsinnigkeit.

Die brauchte der gute Mann auch. Im Mai 1940 steht die deutsche Armee kurz vor ihrem Einmarsch nach Frankreich. Das britische Parlament hat das Vertrauen in ihren Premierminister Neville Chamberlain (Ronald Pickup) verloren. Keiner will die Nachfolge antreten, um nicht als Premier, der vor Deutschland kapitulierte, in die Geschichtsbücher einzugehen. Eine andere Lösung sieht man in den hohen Kreisen nämlich nicht. Also verpflichtet man – auch zum Unmut des Königs (toll: Ben Mendelsohn) – Winston Churchill, der sogleich ein Kriegkabinett einberuft. Doch auch dort möchte man nur eines: möglichst schnelle Friedensverhandlungen. Das will der alte Mann mit Melone und Zigarre nicht hinnehmen.

Eines ist sicher: Oldmans Interpretation von Churchill ist die vielschichtigste, seine Darstellung die subtilste unter den drei genannten. Die historische Persönlichkeit wirkt in diesem Film so menschlich wie noch nie: Ein alter, etwas verwirrter Mann mit festen Prinzipien, der zu Hause wahlweise im Bademantel oder nackt herum läuft. Der sein Amt mit allem nötigen Ernst wahr nimmt, aber auch über sich selbst lachen kann (und damit das Publikum ebenfalls mehrfach zum Lachen bringt). Ein Mann, der mal cholerisch, mal liebenswert, mal unnahbar ist. Und ein Mann, der seine Frau über alles liebt.

Zunächst mutet dieser dicke Oldman etwas seltsam an, schnell aber hat man sich an den Anblick gewöhnt und kann die grandiose Leistung des Mannes unter dem Fatsuit genießen. Es sind nicht nur die großen Gesten – seine Art zu gehen, die Bewegungen der Hände -, sondern vor allem die kleinen, die in den zahllosen Close-Ups hervorstechen: das Zittern der Lippen, der eiserne Blick, das Anstecken der ikonischen Zigarre. Oldmans Churchill ist – keine Überraschung – das inszenatorische Zentrum von Die dunkelste Stunde. Leider aber ist seine Gravitas so stark, dass alle Rollen neben ihm zu Beiwerk werden – selbst seine Ehefrau und die Sekretärin (sympathischer Identifikationspunkt für den Zuschauer: Lily James). Seine Gegenspieler im Parlament bleiben blasse Antagonisten, die sich allmählich bessernde Beziehung zum König kommt viel zu kurz.

Auch gelingt es der Dunkelsten Stunde nicht, der Persönlichkeit Churchill oder den historischen Ereignissen neue, überraschende Facetten abzugewinnen. Wer nur ein wenig Vorwissen besitzt, wird diesen Film kaum schlauer verlassen. Ebenfalls schade: Nach dem anfänglich so angenehm flotten Erzähltempo sind es ausgerechnet die finalen 20 Minuten, die sich langatmig und gestreckt anfühlen. Dafür jedoch punktet Die dunkelste Stunde in einer Hinsicht, die in historischen Biopics sonst gern vernachlässigt wird: der Optik. Regisseur Joe Wright versucht sich (meist erfolgreich) daran, seine Szenen unkonventionell zu inszenieren, sei es durch diverse Aufnahmen aus der Vogelperspektive, interessante Match-Cuts, horizontale Kamerafahrten durch die Straßen Londons oder Schwenks durch die Gänge des Parlaments, bei denen der Fokus zwischen drei Personengruppen innerhalb einer einzigen Einstellung wechselt. Ganz, ganz selten wirkt das aufgesetzt, meist sorgt das aber einfach nur für sehenswerte Bilder, die den Blick bannen und in Verbindung mit dem subtilen, aber packenden Soundtrack eine ganz eigene Wirkung entfalten.

Fazit
Winston Churchill wäre stolz auf das filmische Denkmal, das ihm mit Die dunkelste Stunde gebaut wird. Stolz auf den totalen Fokus auf seine Person, stolz auf deren komplexe und subtile Darstellung, vielleicht sogar ein wenig stolz auf die sehenswerte Optik, mit der das einhergeht. Ja, Die dunkelste Stunde ist ein guter Film mit Tendenz zu sehr gut, ein äußerst sehenswerter obendrein. Aber eben auch einer, dessen Hauptfigur derart vereinnahmend ist, dass alles andere wenig bis keine Rolle spielt. Und deshalb auch alles andere als ein perfekter Film.

Bilder & Trailer: (c) Universal

4 Kommentare zu „Kritik: „Die dunkelste Stunde“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Kann deine Ausführungen nur unterschreiben. Für mich ist der Film ein wenig zu sehr Pro-Churchill. Das war mein größter Kritikpunkt, neben der zu starken Fokussierung auf den Protagonisten. Oldman hätte zwar den Oscar verdient, aber irgendwie ist der Jahrgang in der Kategorie relativ schwach.

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    • Mit fehlen da leider noch ein wenig die Vergleichswerte, bis auf Get Out habe ich keinen weiteren Film aus der Kategorie gesehen. Ich vermute aber, dass er das Ding ziemlich Safe hat, obwohl Day-Lewis ebenfalls nominiert ist 😄

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      • Ja, ich stütze mich ja auch darauf, was so gemunkelt wird. Washingtons Film scheint zu schwach, Kalunya ist gut, aber nicht Oscarwürdig, mit Day-Lewis konnte ich wenig anfangen und der Film klingt für mich nach Rohrkrepierer und Chamalet ist einfach Young Gun, die werden nicht ausgezeichnet.

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