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Kritik: „Die Verlegerin“

Die Verlegerin (The Post, Steven Spielberg, USA 2017)

Ein Plädoyer für investigativen und freien Journalismus, das geradezu nach einer Oscar-Auszeichnung schreit, ohne sich das zu verdienen.

Ich kann die regelmäßigen Verfehlungen deutscher Filmvertriebsfirmen gar nicht oft genug betonen. Überflüssige Untertitel für die ganz Dummen (zuletzt erlebt bei The Shape of Water, der den grandios katastrophalen Anhang „Das Flüstern des Wassers“ bekam) werden nur noch von eingedeutschten Titeln übertroffen, die wenig bis nichts mit dem Original zu tun haben. Aktuelles Beispiel: The Post, hierzulande in Die Verlegerin umbenannt.

Im Fokus soll – laut deutschem Titel – also nicht die Institution stehen, um die es in diesem Film geht – die Tageszeitung Washington Post – sondern deren Eigentümerin Katharina Graham, verkörpert durch Meryl Streep. Klar, Streep ist eine großartige Darstellerin, für diese Rolle obendrein noch Oscar-nominiert und deshalb bestens als Posterfigur geeignet. Und doch schürt der deutsche Titel falsche Erwartungen, denn Graham ist in diesem Film erstaunlich unterpräsent – so sehr sogar, dass man ihr die Bezeichnung Hauptrolle eigentlich verweigern müsste.

Deutlich größere Relevanz für die Handlung hat stattdessen Post-Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks). Der ärgert sich darüber, dass ihm die Konkurrenz von der New York Times einen echten Scoop weggeschnappt hat: Geheime Dokumente über den Vietnam-Krieg, die belegen, dass die US-Regierung und vier Präsidenten jahrelang die Öffentlichkeit getäuscht haben. Als ein Gericht der Times weitere Veröffentlichungen untersagt und Bradlee an die Unterlagen gelangt, sieht er die Chance gekommen, den Amerikanern nicht nur die Wahrheit zu offerieren, sondern seine Zeitung auch relevanter zu machen.

Im Spannungsfeld zwischen gewinnorientiertem Streben und publizistischem Ideal geht es fortan um die Frage, ob die Dokumente entgegen des Drucks aus Regierungskreisen veröffentlicht werden sollen – was zusätzlich dadurch erschwert wird, dass die Post gerade an die Börse gegangen ist, um überleben zu können. Dies aber könnte durch einen Katastrophenfall (wie eine Verurteilung der Verlagsleitung) ganz schnell passé sein. Erst an dieser Stelle kommt Streep ins Spiel. Zuvor jedoch – also die ersten 90 Minuten – fristet Graham ein Nebenrollendasein, auch wenn sie eine spürbare Entwicklung von einer unsicheren hin zu einer selbstbewussten Geschäftsfrau macht.

Trotzdem: Der Titel Die Verlegerin trifft nicht den Kern der Sache. Die wirklichen Stars sind die Redakteure, die Whistleblower, diejenigen, die für Aufklärung sorgen (wollen). Kurzum: Die Presse als vierte Gewalt. Dass ein egomanischer Präsident (hier: Richard Nixon) als schemenhafter Gegenspieler herhalten muss, macht die eigentliche Intention des Films deutlich: Der historische Hintergrund ist eine bessere Kulisse für ein Statement über den aktuellen Zustand der US-amerikanischen Gesellschaft und Regierung. Wenn der ehemalige Verteidigungsminister McNamara Nixon als „Hurensohn“ bezeichnet, der die Zeitung mit allen Mitteln zerstören würde, dann ist damit natürlich Donald Trump gemeint. Dafür muss man nicht mal besonders gut darin sein, Subtext zu lesen.

Dabei merkt man schnell, dass dies ein Film von Steven Spielberg ist. Einerseits anhand der langen Kameraeinstellungen und -fahrten, des überbordenden Pathos am Ende und der gewitzten, authentischen Dialoge. Andererseits aber auch anhand der deutlich erkennbaren Oscar-Ambitionen. Denn Die Verlegerin ist ein Oscar-Bait in Reinform. Denn wie wir wissen, liebt die Academy solch zeitgeistige, charakterlastige und historische Portraits.

Fazit
Die Verlegerin
ist ein unterhaltsamer Film, ebenso wie ein lehrreicher und einer, der seine moralischen Positionen mit aller Überzeugung vertritt. Dass die hier geschilderten Ereignisse derart offensichtlich als Kulisse für ein ganz anderes Anliegen herhalten müssen, ist auch gar nicht schlimm: Als Plädoyer für die Pressefreiheit und eine starke Kontrollinstanz gegenüber der Staatsgewalt macht Die Verlegerin einen sehr guten Job. Es ist jedoch schade, dass das Geschehen auf der Leinwand niemals überraschend oder überwältigend wirkt, dass der Wow-Effekt schlicht ausbleibt, dass man all das schon mal besser, überzeugender, intensiver gesehen hat. Bei Spotlight zum Beispiel.

 

Bilder & Trailer: (c) Universal Pictures

8 Kommentare zu „Kritik: „Die Verlegerin“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ohne den Film gesehen zu haben, bin ich mal gespannt, wie politisch die Oscars dieses Jahr werden.
    Zum Beispiel können die zwei Hauptdarstellerin aus „Three Billboards“ und „Shape of Water“ auch von einer Meryl Streep nicht geschlagen werden.

    Gefällt 1 Person

  2. Witzig, ich habe den Film zwar auch direkt mit Spotlight verglichen, aber ich fand The Post besser, weil ich ihn als sachlicher und reflektierter empfunden habe. Spotlight war in meiner Erinnerung einseitiger und hat mehr auf die Tränendrüse gedrückt.
    The Post fand ich schauspielerisch außerdem um Welten besser. Tom Hanks hatte mich nach Larry Crowne als Fan verloren und hat mich jetzt aber wieder zurück 😉

    Mich hat begeistert, dass obwohl man bereits wusste was passiert, der Film trotzdem durchgehend spannend war und mich gepackt hat. Nur weil Graham am Anfang nicht die Strippen zieht, würde ich ihr trotzdem nicht die Hauptrolle für die ersten zwei Drittel absprechen. Die Übersetzung des Titels finde ich allerdings auch irreführend.
    Ansonsten hat der Film so viele unterschiedliche Themen beleuchtet, keins davon kam zu kurz, die Argumente auf allen Seiten waren richtig gut und niemand (außer Nixon) wurde schwarz gezeichnet, genauso wie niemand dort ein komplett selbstloser Held war. Ich konnte danach gar nicht aufhören davon zu reden, wie sehr der Film meine Erwartungen übertroffen hatte.

    „des überbordenden Pathos am Ende“ –> Das war das einzige was mich gestört hat.

    Die Trump-Anspielungen habe ich auch gemeint zu sehen, aber mir wurde gesagt ich bilde mir die ein.

    Aber mal wieder eine gute, treffende Kritik. Muss ich das jetzt jedes Mal schreiben, oder können wir davon ausgehen, dass ich das immer denke?

    Gefällt 1 Person

    • Immer gerne, freue mich über jedes lobende Wort ^^
      Nein Quatsch, inhaltliche Kommentare sind mehr als genug.
      Ich fand da aber eher, dass Spotlight deutlich nüchterner war. Habe da überhaupt keine Tränendrüsen-Momente erlebt, die emotionalen Ausbrüche einiger figuren fand ich absolut verständlich. Wobei beide Filme ja inhaltlich einen großen Unterschied haben: In Spotlight wird ein Skandal aufgedeckt, in The Post geht es um die Veröffentlichung des Skandals.

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