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Kritik: „Red Sparrow“

Red Sparrow (Francis Lawrence, USA 2018)

Agentenfilm mit einer erfrischen intensiven Atmosphäre, aber einer verwirrenden und überladenen Handlung.

Agentengeschichten kommen nie aus der Mode. Schließlich befindet sich die ideologische und technologische Kulisse, vor der die fiktiven Spione agieren, in stetem Wandel – den Autoren mangelt es also nie an neuen Ideen und Einflüssen. An einer Sache mangelt es dem Genre aber doch: weiblichen Helden. Nach dem qualitativen Fehlschlag von Atomic Blonde im vergangenen Jahr, wagt sich nun Jennifer Lawrence an Pistole, Wanze und Mikrofon. Das Ergebnis ist Red Sparrow – ein Film, der nicht das ist, was er zunächst (oder zumindest laut Trailer) zu sein scheint.

Das ist eine Eigenschaft, die sich der Film mit seiner Protagonistin teilt: Auch Dominika Egorova (Lawrence) muss lernen, sich als jemand auszugeben, der sie nicht ist. Ein schmerzhafter Unfall beendet ihre Karriere als Primaballerina an einer russischen Oper. Deshalb fehlen ihr fortan die Mittel um die schwerkranke Mutter zu versorgen. So wendet sich Dominika an ihren Onkel (Matthias Schoenaerts), ein hohes Tier beim russischen Geheimdienst, durch den sie in das so genannte Spatzen-Programm gelangt. Dort werden junge Russinnen und Russen zu Agenten ausgebildet. Ihre Hauptwaffe ist jedoch nicht die Pistole, sondern der eigene Körper: Es geht um die Verführung und die psychische Manipulation von Zielpersonen.

Und hier tut sich bereits das erste Problem von Red Sparrow auf: Aus Dominika, diesem schüchternen Mauerblümchen, wird über Nacht eine Frau, die sich ohne Scham vor versammelter Mannschaft entblößt und ihren Körper zum Objekt im Dienste des Staates degradiert. Diese Charakterentwicklung geschieht derart plötzlich und unvermittelt, dass einem die anfangs sympathische Hauptfigur völlig entrückt. Es mag zum Konzept gehören, dass Dominika, ihre Motive und Pläne für den Zuschauer undurchsichtig sind – dennoch kommt die Ausbildung in Summe zu kurz, die Charakterentwicklung ist verschenkt und kaum nachvollziehbar.

So richtig gehen die Probleme aber erst los, wenn Dominika ihren ersten Einsatz antritt. In Budapest soll sie sich an die Fersen eines amerikanischen Agenten (Joel Edgerton) heften, um einen Verräter innerhalb des russischen Geheimdienstes zu enttarnen. Was folgt, sind eineinhalb Stunden überaus verwirrender Agentenarbeit, in der sich Verschwörungen, narrative Wendungen und reichlich überflüssige Subplots geradezu überschlagen.

Vermutlich hat sich dabei auch die ein oder andere Logiklücke eingeschlichen – das aber fällt kaum auf, da man als Zuschauer reichlich Mühe hat, diesem undurchsichtigen Dschungel von Ereignissen und den zahlreichen (oft auch nur kurz) involvierten Personen zu folgen. Angenehmer Nebeneffekt: Trotz einer Überlänge von 140 Minuten wird das Geschehen nie langweilig. Allerdings auch nur, weil man konstant (und oft vergebens) damit beschäftigt ist, ein Verständnis für die Geschehnisse und ihre Zusammenhänge aufzubauen.

Kurzum: Die Handlung von Red Sparrow will zu viel und ist infolge dessen schlicht überladen. Die Devise „Weniger ist mehr“ hätte hier wahre Wunder bewirkt, zumal Red Sparrow tatsächlich einige Qualitäten hat. Allem voran die kühle Atmosphäre, in der man sich nie ob der nächsten, potentiell tödlichen Überraschung sicher sein kann. Das Leben sämtlicher Figuren ist hier nicht viel wert – und wenn es endet, dann äußerst schmerzhaft. Apropos: Red Sparrow ist zwar keine Gewaltorgie, dennoch entpuppen sich jene Momente als pointiert gesetzte und intensiv inszenierte Momente. Jede Folter-, Kampf- und Tötungsszene tut extrem weh – nicht nur den Betroffenen, sondern auch dem Zuschauer. Gewalt derart effektiv als Stilmittel einzusetzen – das bekommen wahrlich nicht viele Filme hin.

Auch die Leistung von Frau Lawrence sowie die der meisten anderen Beteiligten (unter anderem Jeremy Irons) kann sich sehen lassen. Bedauerlich nur, dass dieser positive Eindruck dadurch geschmälert wird, dass die russische Fraktion mit einem arg befremdlichen Akzent agieren muss. Aber so ist das eben, wenn man russische Figuren ausschließlich mit Nicht-Russen besetzt…

Fazit
Red Sparrow macht einiges richtig – aber mindestens ebenso viel falsch. Eine überladene und aufgrund dessen schwer verständliche Handlung trifft auf eine intensive Atmosphäre und pointiert eingestreute, wahrlich schmerzhafte Gewaltszenen. In Summe ergibt das einen durchschnittlichen Film, den man sich gut und gerne antun kann, bei dem man aber auch nichts verpasst, wenn man bis zum Home-Release wartet. Oder bis zur TV-Ausstrahlung.

Bilder & Trailer: (c) 20th Century Fox

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