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Kritik: „Tomb Raider“

Tomb Raider (Roar Uthaug, USA/UK 2018)

Der dritte Versuch, die ikonische Videospielheldin auf die Leinwand zu bringen, ist tatsächlich geglückt.

Seit Jahr und Tag ärgern sich passionierte Gamer über eine vergurkte Videospielverfilmung nach der anderen. Die zwei kolossal schlechten Tomb Raider-Filme von 2001 und 2003 bilden da nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs. Der neue Tomb Raider hat damit glücklicherweise nichts mehr zu tun. Stattdessen bekommen wir – dank ordentlich Reboot-Power im Gepäck – nicht nur eine gute Videospielverfilmung, sondern tatsächlich auch einen guten Film.

Die Frischzellenkur, die die Spielreihe vor einigen Jahren erfahren hat, war auch bitter nötig: Aus dem großbusigen Cover- und Pin-Up-Girl Lara Croft wurde eine deutlich glaubhaftere, deutlich menschlichere Jung-Archäologin, die auf einer mystischen japanischen Insel strandete. Ihr dortiger Überlebenskampf machte sie zur Kämpferin – so zumindest die Intention der Macher. Die praktische Umsetzung dieser Story hatte hingegen mit mehreren großen und kleinen Problemen zu kämpfen. Das genügte jedoch, um die Figur Lara Croft auf links zu drehen und auf zeitgemäße Weise neu zu interpretieren.

Diese Modernisierung findet sich auch im neuen Film wieder: Angelina Jolie weicht Alicia Vikander. Und dieser Personalwechsel ist ein Segen für den Film. Vikander bereichert ihre Figur mit einer emotionalen und körperlichen Natürlichkeit, die unter Videospieladaptionen, deren Protagonisten sich meist eher durch bedeutungsschwangere Oberflächlichkeit auszeichnen, ihresgleichen sucht. Hier hingegen hat man das Gefühl, einen normalen Menschen zu beobachten.

Das gelingt, weil sich der Film die notwendige Zeit nimmt, um seine Heldin einzuführen und aufzubauen. Das gesamte erste Drittel widmet sich Laras mittellosem Leben als Fahrradkurier in London, ihren Freunden, ihrer Familie, ihren Fähigkeiten, ihrem Erbe – und damit ihrer Motivation. Erst dann begibt sie sich auf die Spuren ihres vor sieben Jahren verschwundenen Vaters und strandet auf der Insel, auf die es sie auch im Spiel verschlägt. Dabei nimmt sich die Handlung von Tomb Raider einige Freiheiten, webt Elemente des jüngsten Spiels Rise of the Tomb Raider mit ein und macht an einigen Stellen sogar sein ganz eigenes Ding.

Kurzum: Die Handlung der Spiele wurde hier adäquat adaptiert, verschlankt und modifiziert, bietet sowohl für Kenner als auch Nicht-Kenner der Spiele Interessantes, Neues, Sehenswertes. Natürlich gibt es Schwachstellen. Die Nebenfiguren werden stiefmütterlich behandelt, die Charakterentwicklung der Heldin verläuft – wie schon im Spiel – etwas zu ruckartig, es gibt zahlreiche kleine Logiklücken und innovativ ist das alles wahrlich auch nicht. Bereits die erste Sequenz stößt sauer auf: Darin wird der Mythos rund um die Insel aus dem Off erörtert, noch lang bevor das eine Rolle spielt – eine dieser Szenen, die arg nach „für die ganz Dummen nachträglich eingefügt“ stinkt.

Die zweite Sequenz – ein Sparringskampf – lässt ebenfalls übles erahnen: Die Schläge wirken unglaubhaft, die Kamera wackelt epileptisch umher, die Bilder verlieren sich im Schnittgewitter. Diesbezüglich bessern sich die späteren Actionpassagen nur unwesentlich. Doch hält sich immerhin deren Quantität die Waage mit der Menge an archäologischen „Rätseln“, die in solchen Geschichten für gewöhnlich gelöst werden müssen. Das Erzähltempo ist angenehm hoch, wechselt effektiv zwischen ruhigen und dramatischen Momenten. Das macht Tomb Raider nicht nur zu einer guten Videospieladaption, sondern tatsächlich auch zu einem guten Abenteuer-Film, von denen es seit Jahren viel zu wenige gab.

Fazit
Tomb Raider 
ist das, was ich unter gutem Popcorn-Kino verstehe: Eine unterhaltsame Handlung trifft auf glaubwürdige Figuren und eine solide Inszenierung. Wer hätte es gedacht: Für eine gute Videospielverfilmung muss man nur die Regeln des guten Filmemachens befolgen. Und das obwohl – so ehrlich muss man sein – das Ursprungsmaterial ziemlich austauschbar ist. Trotzdem gehen hier Wiedererkennungswert und filmische Qualität Hand in Hand. Das Ergebnis ist ein Kinoerlebnis, das einem wahrlich nicht die Schuhe auszieht, weil man hier wenig Neues geboten bekommt (was dann auch schon mein größter Kritikpunkt ist), das aber für zwei Stunden ziemlich gut unterhält.

Bilder & Trailer: (c) Warner

 

 

 

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2 Kommentare zu „Kritik: „Tomb Raider“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wenn mich momentan jemand nach guten Videospielverfilmungen fragt, dann nenne ich immer zuerst TOMB RAIDER. Nicht nur, weil die Alicia Vikander-Version nichts mehr mit der Parodie von Angelina Jolie zu tun hat. Ich habe das Spiel bislang nicht gespielt, aber wenn ich mir irgendwann mal eine Konsole kaufe (ich möchte nämlich mein Heimkino auf lange Sicht auf 4K aufrüsten und da lohnt sich eine Konsole), wäre das definitiv für mich interessant.

    Hier meine Kritik: http://adoringaudience.de/tomb-raider-3d-o-2018/

    Gefällt 1 Person

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