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Kritik: „Der Hauptmann“

Der Hauptmann (Robert Schwentke, DEU/FRA/POL 2018)

Eindrucksvolles Kriegsdrama, in dem Absurdität und Abscheu Hand in Hand gehen.

In grimmigem Schwarz-Weiß präsentiert uns Regisseur Robert Schwenke (jener Mann, der zuletzt Fehlschläge wie R.I.P.D. oder zwei Teile der Divergent-Reihe fabrizierte) einen unkonventionellen Film über die letzten Wochen des zweiten Weltkrieges inmitten Deutschlands. Aus der Traumfabrik Hollywood zurück ins Heimatland – und dann packt er gleich solch einen Stoff an. Kann das gut gehen? Aber wie!

Der Hauptmann beginnt wortkarg, lässt stattdessen seine Bilder sprechen. Ein deutscher Soldat – japsend, verdrecktes Gesicht, zerlumpte Uniform – flieht panisch vor seinen betrunkenen Kameraden. Denn Willi Herold, so heißt der Getriebene, ist ein Deserteur. Seine Vorgeschichte: nicht von Belang. In diesem Moment zählt nur, dass er den Kugeln entkommt, die auf ihn abgefeuert werden.

Der Fahnenflüchtige schlägt sich fortan durchs Land, auf der Suche nach Nahrung und Unterkunft, beschimpft und gehasst von der Zivilbevölkerung, die nur noch das Ende dieses elenden Krieges abwartet. In einem verlassenen Auto findet er die Uniform eines Hauptmanns und nimmt dessen Rolle an. Weitere Deserteure schließen sich Herold an. Fortan zieht die Truppe rund um den falschen Hauptmann durchs Land, bis es sie in ein Gefangenenlager für Deserteure verschlägt. Dort nimmt der Wahnsinn seinen Lauf.

Das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Die Geschehnisse ab dem zweiten Filmdrittel sind schlichtweg irrsinnig. Während die Lagerleitung auf offizielle Weisungen für die Hinrichtung der Gefangenen wartet, gibt Herold – aus einer Notlüge geboren – vor, alle nötigen Vollmachten dafür zu besitzen. Deutscher Bürokratiekrieg versus Massenhinrichtung – dieser Widerspruch ist die Definition von absurd. Der Hauptmann kommt deshalb stellenweise wie eine pechschwarze Komödie daher. Bis einem die nächste Szene wieder in die grausame Realität zurückholt.

Der wahre Selling Point des Film jedoch ist nicht seine puristisch-bedrückende Optik, auch nicht sein authentisches Szenenbild oder seine Handlung. Ein hinreichender Grund, sich den Hauptmann anzusehen ist Hauptdarsteller Max Hubacher. Der strahlt mit jedem einzelnen Gesichtsausdruck mehr aus, als Til Schweiger in Matthias Schweighöfer in ihrer gesamten Karriere. Den Weg vom Opfer zum Täter beschreitet Herold anfangs nur, um zu überleben. Das bleibt nicht lange so.

Denn Kleider machen bekanntlich Leute. Es braucht nur eine autoritäre, selbstbewusste Ausstrahlung, ein wenig Zuspruch und die Aussicht auf gutes Essen – und schon wird aus dem halbtoten Fahnenflüchtigen ein Mann, der dem Rausch der Macht erliegt und der sich immer mehr in seine Rolle hineinsteigert, bis er von ihr aufgefressen und als seelenloses, wahnhaftes Monster ausgespuckt wird. Ein subtiler Prozess, aber ein wahrnehm- und nachvollziehbarer.

Man muss nicht lange suchen, um darin Parallelen zur deutschen Gesellschaft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erkennen. Eine derartige Interpretation ist aber gar nicht nötig, um sich von der verstörenden Handlung und den irren Figuren betören und zugleich abschrecken zu lassen. Der Rausch der Gewalt, der Macht, der Dominanz und der imaginierten Überlegenheit werden erst zelebriert, nur um gnadenlos zerrissen zu werden. Der Hauptmann ist kein anklagender Film, der mit erhobenem Zeigefinger und Moralkeule daher kommt. Seine moralisierende Wirkung schöpft er stattdessen aus dem heimtückischen Spiel, dass er mit seinem Publikum treibt. Denn es fällt nur zu leicht, dem bösartig-naiven Charme von Hubacher zu erliegen. Zumindest bis der Film dafür sorgt, dass etwaige Sympathien im blutigen Schlamm der Bombenkrater und Massengräber zertreten werden.

Fazit
Die Schwere der schwarz-weißen Optik, die Unerträglichkeit der Gewalt und der Wertlosigkeit des Lebens und ein finaler Akt, der dann doch etwas zu sehr aus dem Ruder läuft und der Dramaturgie weniger gut tut – Der Hauptmann ist alles andere als leichte Kost. Genau deshalb ist er aber auch ein solch lohnender Film, dem das Kunststück gelingt, durch Ambivalenz und Absurdität zu belehren ohne belehrend daher zu kommen. Ein kleines Meisterstück.

Bilder & Text: (c) Weltkino

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