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Kritik: „Hereditary“

Verstörender Psycho-Horror, der selbst dem abgeklärtesten Genre-Fan mehr als nur einen Schauer über den Rücken jagt.

Hereditary – Das Vermächtnis (Hereditary, Ari Aster, USA 2018)

Mein Kinobesuch von Hereditary war ein Blindflug. Ich hatte mit einem weiteren C-Horrormovie vom Schlage einer Blumhouse-Produktion gerechnet. Als jedoch das Logo von A24 aufleuchtete, geschah selbiges mit meinen Augen. Schließlich zeichnet die Kreativschmiede unter anderem für Moonlight, Swiss Army Man oder – um beim Horror zu bleiben – den großartigen The Witch verantwortlich.

Hereditary hat mit letzterem zwar wenig gemeinsam, dafür ähneln sich beide Filme aber in einer entscheidenden Eigenschaft: ihrer unfassbar bedrückenden Atmosphäre. Hereditary nimmt sich viel Zeit, um die aufzubauen und sie anschließend zu entladen – und wählt damit den genau richtigen Weg.

Im Zentrum der schrecklichen Ereignisse, die sich da noch zutragen sollen, steht die Familie Graham, die zu Beginn ihre verschrobene Großmutter zu Grabe tragen muss. Der Geist dieser Frau bleibt jedoch präsent – nicht nur im Kopf ihrer Tochter Annie (Toni Collette), die in den folgenden Wochen einige schaurige Erfahrungen machen wird.

Das – wenn man es so nennen will – Poster-Girl von Hereditary ist allerdings Enkelin Charlie (Milly Shapiro), die sowohl äußerlich als auch innerlich nicht unbedingt das ist, was man gemeinhin als „normal“ bezeichnet: Sie baut Spielzeuge aus Plastikmüll, schneidet toten Tauben die Köpfe ab und schnalzt immer wieder neurotisch mit der Zunge, womit sie schon früh durch ein ebenso simples wie effektives akustisches Signal markiert wird. Und das sorgt im Laufe des Films für einige der besten Schockmomente.

Über den Rest der Handlung breite ich hier bewusst den Mantel des Schweigens: Hereditary zieht viel von seiner Kraft aus der kryptischen Handlung, die voll von Symbolismen, visuellem Foreshadowing, unerwarteten Wendungen und Querverweisen ist. Am Ende sind zwar noch immer viele Fragen offen – doch genau darin liegt der Reiz.

Was den Horror betrifft: Da ist Hereditary tatsächlich ein kleines Meisterstück. Statt sich auf billige Jumpscares zu verlassen, zieht dieser Film die Spannungsschraube unnachgiebig an, was in einigen unfassbar verstörenden Momenten resultiert. Hereditary ist Psycho-Horror von seiner effektivsten Sorte: Jede Kamerafahrt, jeder Soundschnipsel, jeder Match-Cut leistet einen Beitrag dazu.

Schauspielerisch stechen besonders Mutter Annie und der anfangs unscheinbare Sohn Peter (Alex Wolff) heraus: Erstere spielt sich wahrlich um Kopf und Kragen, beherrscht den Wechsel zwischen Ruhe, Verzweiflung und Wahnsinn perfekt. Letzterer trumpft hingegen durch subtileres Spiel auf, das er im entscheidenden Moment in blanke Panik umzumünzen weiß.

Und wo wir schon mal bei „unscheinbar“ sind: Hereditary gelingt es mehrfach, Genre-Klischees zu unterwandern und Erwartungen erfolgreich zu unterlaufen. Selten hat mich ein Horrorfilm inhaltlich sooft überrascht, ohne dass das krampfhaft oder dumm gewirkt hätte.

Fazit
Hereditary
 ist stellenweise zwar etwas langatmig und zu ruhig, auch wird seine kryptische Art nicht jedem zusagen. An das Bedeutungspotential eines Get Out kommt er ebenfalls nicht heran – letztlich handelt es sich hier um vergleichsweise simplen, übernatürlichen Horror. Diese Disziplin aber beherrscht er perfekt. In der Horror-Jahreswertung wäre A Quiet Place damit schon mal überboten. Und ich wage zu behaupten, dass es schwierig wird, da noch einen drauf zu setzen.

Bilder & Trailer: (c) Splendid Film

10 Kommentare zu „Kritik: „Hereditary“ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Nach It Follows endlich mal wieder ein Horrorfilm, der mich anspricht. Ob ich den im Kino schaue, weiß ich aber noch nicht. Daheim kann ich notfalls immerhin das Licht aufdrehen und die Tür absperren. Im Kino dagegen ist man völlig ausgeliefert.

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      • Also wir waren glaube ich zu 5. im Saal 🙂 Ja ich hab ihn mir jetzt doch angeschaut. Und ich hab mich gefürchtet. Das dürfte dann ja schon mal als Qualitätsmerkmal durchgehen. Ansonsten fand ich ihn gut, aber nicht grandios. Dazu wurde mir der Film zum Ende hin zu wirr. Das schöne bei It Follows war, dass ich als Zuseher die Gefahr erkennen konnte und somit permanent in Alarmbereitschaft und somit unter Stress stand. Bei Hereditary war das nicht ganz so klar. Aber ich muss auch gestehen, dass ich zum Ende hin manchmal nicht mehr hinschauen konnte. Das spricht wohl auch für den Film mit 🙂 und liegt zum Teil daran, dass ich ihn allein auf einer Dienstreise geschaut hab und danach ein leeres Hotelzimmer auf mich wartete. Vielleicht nicht die besten Pläne für den Feierabend haha.

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      • War bei mir eine ganz ähnliche Situation ^^
        Ich finde es ja eigentlich sehr angenehm, wenn ein Horrorfilm am Ende nicht alles haargenau erklärt, sondern genügen Spielraum für eigene Gedanken lässt. Hereditary hat da m.E. das richtige Maß getroffen

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  2. Freut mich ja, dass dir der Film auch so gefallen hat. Ich habe den zwei Mal im Kino gesehen und mir jedes Mal vor Angst fast ins Hemd gemacht. Der war wirklich super. Ja, die Längen hat er und das Ende hätte ich viel früher eingeläutet. Diese letzte Szene im Baumhaus war meiner Meinung komplett überflüssig und irgendwie nur für die Zuschauer da, die bis dahin immer noch nicht ganz verstanden haben, worum es im Film geht.

    Aber definitiv einer der besten Horror-Filme seit langem.

    Gefällt 1 Person

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