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M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Fritz Lang, DEU 1931

Nachdem ich festgestellte, dass in den Tiefen von Amazon Prime Video einige echte Perlen schlummern, war es Zeit, diesen deutschen Klassiker von Fritz Lang endlich nachzuholen (btw: den gibt es in noch mieserer Qualität auch auf YouTube). Der Titel gibt bereits die Stoßrichtung vor: In Berlin geht ein Kindermörder um und die Bewohner unternehmen alles, um ihn zu fassen. Die Polizei ermittelt erfolglos, eine ergebnislose Razzia folgt der nächsten. Und weil die Club-, Glücksspielhallen- und Bordellbeitreiber dadurch ihr Geschäft geschädigt sehen, gehen sie ebenfalls auf die Jagd.

Für heutige Sehgewohnheiten ist so ein alter Streifen natürlich eine kleine Zumutung. Die Montage steckte noch in den Schuhen, ebenso das Tonverfahren. Entsprechend schwer sind die Figuren akustisch und einige Aufnahmen inhaltlich zu verstehen. Die Parallelmontagen wirken ungelenk, stellenweise herrscht minutenlange Stille. Nichtsdestotrotz ist die Noir-eske Ästhetik beeindruckend. Ebenso wie die Tatsache, dass wir hier wohl eine der frühestens Plansequenzen der Filmgeschichte zu sehen bekommen, in der die Kamera (reichlich wacklig) durch einen Club fährt und all das einfängt, was die Besucher dort so machen.

Inhaltlich könnte man sich an der schlichten Tatsache stören, dass ein Protagonist fehlt. Der einzige, der dafür in Frage käme, wäre einer der Ermittler (Otto Wernicke), der sich jedoch als personifizierte Inkompetenz erweist. Doch M – Eine Stadt sucht einen Mörder kommt auch bestens ohne eine menschliche Hauptfigur aus: Die Stadt selbst ist es, die hier im narrativen Fokus steht. Und natürlich das kollektive Verhalten, das ihre Bewohner und Sub-Gruppen an den Tag legen, um den Mörder (Peter Lorre) zu fassen. So wird zu einem erstaunlich ambivalenten Lehrstück über Moral und die Gruppendynamik innerhalb eines Mobs, an deren Ende eine entscheidende Frage steht: Verdienen auch die abscheulichsten Gewaltverbrecher eine faire Behandlung vor Gericht? Erstaunlich, wie aktuell ein fast 90 Jahre alter Film im Jahre 2018 sein kann…

imdb / Trailer

13 Kommentare zu „M – Eine Stadt sucht einen Mörder Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich mag Filme an der Grenze Stumm/Tonfilm sehr gerne. Es ist immer interessant zu sehen, was die Macher aus dem neuen Aspekt herausholen. Hier etwa das Leitmotiv (Halle des Bergkönigs) für den Mörder.

    Ich würde argumentieren der Protagonist ist Mörder Beckert. Sicherlich nicht Identifikationsfigur, aber doch der Charakter dessen Entwicklung wir durchgehend verfolgen. Bis zu seiner Selbstkonfrontation („Nicht will! MUSS!“).

    Eins finde ich übrigens verstörend: das „Gangstergericht“ ist ja eine recht deutliche Parallelle zu den Nazis. Lang hat mit seinem Film die Kennzeichnung des „Aussenseiters“ auf der Kleidung aber um gut vier Jahre vorweggenommen.

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    • Interessanter Hinweis mit dem Zeichen!
      Ich tue mich allerdings schwer damit, den Mörder zum Protagonisten zu erklären. Das mag vor allem an meinem eher klassischen Verständnis des Wortes als Held (oder wenigstens Anti-Held) einer Geschichte liegen. In meinen Augen ist Beckert hingegen der klare Antagonist dieser Geschichte. Allein schon aufgrund seiner Motive.

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  2. Ich hatte mal das Glück, den am späten Abend bei ONE zu sehen. Obwohl er vollkommen von den inzwischen gewohnten Sehgewohnheiten abweicht, fand ich ihn ungemein spannend. Ebenso war es auch für mich erstaunlich, wie aktuell der Film eigentlich ist.

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  3. Grandioser Klassiker, bei dem man wirklich nur durch das Alter ein paar Abstriche machen muss. Ganz deiner Meinung 🙂
    BTW: Prime hat zwar nicht viele Klassiker, aber da sind auch schon ein paar (vergessene) Perlen auf meiner Watchlist.

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      • Und unter der Kategorie „Klassiker“ findet man die Filme meistens auch erst in den Untiefen. Hauptsache Amazon möchte seit Wochen, dass ich den neuen Transformers doch jetzt endlich mal gucke 😀

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  4. Mich hat M-Eine Stadt sucht einen Mörder schon beim ersten Sehen (nicht grad zur Premiere, aber doch schon etliche Jahre her) ab der ersten Minute in seinen Bann gezogen. Das Spiel der Darsteller, dass noch ganz im Stile des Stummfilms stand, hatte für mich war in Verbindung mit den Dialogen etwas vollkommen Faszinierendes und passte perfekt in die düstere Grundstimmung des Films. Sicher hat Lang sich hier im vielen Stilmitteln noch mehr oder weniger ausprobiert, aber es ließ sich schon ziemlich deutlich erkennen, wohin es mit dem Filmemachen (dann leider nicht mehr in Deutschland) gehen würde. Die Darsteller, insbesondere Peter Lorre, sind durchweg brillant. Die Szene, in der er im „Ganonvengericht“ von seinem inneren Zwang zu töten spricht, erzeugt bei mir selbst hier beim Schreiben ÜBER die Szene eine Gänsehaut.

    Noch ein Wort zu den „verschollenen Klassikern“: Ja, ich stelle auch fest, dass Filme, die ein gewisses Alter haben, auf den gängigen Streaming-Portalen immer mehr Richtung Reste-Rampe verschoben werden, wenn sie überhaupt noch da sind. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass der Durchschnitts-Filmgucker bis, sagen wir mal Mitte 30, wenig bis gar nichts mit Filmen, die vor 1980 entstanden sind, anfangen kann. Wenn es dann noch älter wird, ist es für viele schon gar nicht vorstellbar ist, dass auch in den 1930er-Jahren tolle und wichtige Filme hergestellt wurden. Ich kenne Leute, die schon geschockt sind, wenn ein Film nicht in Farbe hergestellt wurde. So ändern sich eben die Zeiten. Leider. Mich würde einmal interessieren, wo in 15 Jahren Citizen Kane oder Moderne Zeiten in einer Rangliste der besten und wichtigsten Filme aller Zeiten zu finden sein werden….
    Vielleicht eine einträgliche Marktlücke, für ein Streaming-Portal, welches nur Filme im Programm hat, die mindestens 30 Jahre alt sind.

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    • Deinen Ausführungen zum Film will ich gar nichts weiter hinzufügen 👍
      Die große Frage, die sich mir bzgl der „Restrampe“ stellt, ist jedoch, wo da die hochgepriesenen Algorithmen Versagen. Amazon müsste schon längst mitbekommen haben, dass ich auch solche Klassiker schaue und mir sie deshalb weiter vorn anzeigen. Für das von dir vorgeschlagen Streamingportal sehe ich allerdings nur eine winzige Marktlücke, in Teilen wird die schon m.E. durch Mubi besetzt.

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      • Ja, das mit den Algorithmen ist wirklich so ein Mysterium. Anhand der Vorschläge erkenne beim Sehverhalten irgendwie auch nicht so wirklich wieder. Da ist sicherlich noch Luft nach oben.
        Mubi ist das sicher schon auf einem guten Wege. Da ich aber nicht weiss, wie lange die schon am Start sind, würde mich mal interessieren, wie sich eine solche Plattform wirtschaftlich trägt. Von den echten Film-Liebhabern allein werden die auf Sicht vermutlich nicht überleben können, was natürlich schade ist. Aber es würde eben auch ein Indikator dafür sein, dass das Interesse an älteren und/oder „besonderen“ Filmen insgesamt abnimmt.

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      • Mubi gibts schon seit 2007 – eine Weile halten die sich also schon. Und anscheinend haben die inzwischen auch eine Kooperation mit Amazon. Ob das aber gute Vorzeichen sind, weiß ich nicht 😅

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