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Im Kino: Searching

Aneesh Chaganty, USA 2018

Dem (post)modernen Kino wird gern vorgeworfen, es könne nur noch imitieren und kopieren. Gelegentlich entpuppt sich das aber auch als seine Stärke. Dann nämlich, wenn es Elemente und Formen aufgreift, die bisher nicht im Kino zu finden waren. Beispielsweise die Ästhetik des Desktops, die in einer von Computern geprägten Mediengesellschaft schließlich die dominierenden ist. Das hatte vor vier Jahren bereits Levan Gabriadze erkannt und mit Unknown User den ersten Mainstreamfilm geschaffen, der ausschließlich auf einem Monitor spielte. Über den Status eines formalen Experiments kam Unknown User aber nicht hinaus: Die hanebüchene Story, die inkonsequente Inszenierung und das schwache Ende machten ihn nur zu einem weiteren unterdurchschnittlichen B-Horror-Film.

Anders bei Searching. Der macht die Monitor-Ästhetik ebenfalls zu seinem bestimmenden Element, bettet darin jedoch eine gelungene Kriminalgeschichte ein. Die dreht sich um David Kim (John Cho), der sich nach dem Verschwinden seiner Tochter Margot auf Spurensuche im Netz und in den Tiefen alter Festplatten begibt. Gemeinsam mit der Polizistin Rosemary Vick (Debra Messing) kommt er nicht nur dem Ort des Verschwindens näher, sondern muss auch feststellen, dass seine Tochter nicht die ist, die sie vorgab zu sein.

Im Gegensatz zu Unknown User beschränkt sich Searching nicht auf ein statisches Bild. TV-Aufnahmen und Überwachungskameras ergänzen die Desktop-Ästhetik, zudem werden wichtige Bildschirmelemente durch Zooms hervorgehoben. Die Bildsprache ist wesentlich dynamischer und filmischer. Erzählerisch vollbringt Searching sogar das kleine Kunststück, seine Figuren zum Großteil oder gänzlich durch digitale Dokumente zu charakterisieren. Am deutlichsten wird das bei Margot, die vor ihrem Verschwinden nur einige Textnachrichten schreiben darf, die wir danach aber vor allem durch ihre Social Media Aktivitäten kennenlernen. „Zeig mir deine Likes und ich sag dir, wer du bist“: Am Ende sind wir Margot näher, als jeder andere Figur in diesem Film.

Searching gibt sich größte Mühe, eine authentische Darstellung abzuliefern, was ihm über weite Strecken auch gelingt: Programme und Websites sind (mit wenigen Ausnahme) allesamt echt, Davids Vorgehen bei der Recherche ist selbst für Laien nachvollziehbar. Gleichwohl wirkt das Ganze gelegentlich aber auch konstruiert, so scheint David ein Faible dafür zu haben, seine Webcam permanent laufen zu lassen. Am stärksten wird die Illusion jedoch durch die langsamen und schnurgeraden Bewegungen des Mauszeigers getrübt. Und noch einen Kritikpunkt muss sich Searching gefallen lassen: Die für einen Krimi unvermeidlichen Twists werden dem Zuschauer geradezu mit dem Holzhammer eingeprügelt. Viel trauen die Macher ihrem Publikum wohl nicht zu.

In Summe ist Searching jedoch ein überraschend guter Film. Einerseits, weil die Handlung von der ersten bis zur letzten Sekunde bei der Stange hält. Andererseits, weil die unkonventionelle Ästhetik die Spurensuche bestens illustriert und dadurch nicht zum reinen Gimmick verkommt. Und dann schafft es dieser Film tatsächlich auch noch, eine gehörige Portion Medien- und Sozialkritik einzubauen, indem er das bloßstellt, was Sascha Lobo den Mitgefühl-Reflex nannte: einen „emotional-moralischen Ablasshandel gegenüber der Öffentlichkeit“, der sich in Hashtags, eingefärbten Profilbildern und phrasenhaften Facebook-Kommentaren äußert. Ein mehr als sehenswerter Film – und vielleicht sogar der Grundstein für ein neues Genre.

Bilder & Trailer: (c) Sony

4 Kommentare zu „Im Kino: Searching Hinterlasse einen Kommentar

  1. Klingt gut. Erinnert mich an diese eine Folge bei Modern Family, wo sie das genau so gemacht haben. Ist eigentlich ein witziges Element… und wenn sich das tatsächlich gut auf einen ganzen Film übertragen lässt, umso besser.

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  2. Filme, die mal mit der üblichen Erzähl- oder besser gesagt Darstellungsweise brechen, finde ich allein schon deswegen oftmals erfrischend. Auch Unknown User (oder war es Unfriend?) fand ich ziemlich interessant, weil mal anders. Auch wenn die Handlung da nur bedingt mithalten kann. Das Konzept hier klingt auch sehr cool, aber es ist schon ein großer Abturner, wenn man zum Zwecke der Rechtfertigung des Casts die Gesichter ständig in die Webcam halten muss. Und dass gerade wo eigentlich nicht wirklich soviele Menschen facetimen etc… zumindest nicht in meinem Umfeld.

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    • In den USA ist FaceTime vermutlich deutlich populärer als hierzulande. Ja, ein ums andere Mal fällt das hier schon negativ bzw. als erzwungen auf, ich denke aber, in Anbetracht der (im Gegensatz zum Unknown User) funktionierenden Handlung kann man das verschmerzen.
      BTW: Unknown User ist nur der deutsche Titel von Unfriended 😉

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      • Jupp, ich weiß. Aber es gibt auch noch einen anderen Film „Unfriend“, der tatsächlich analog zu Unfriended/Unknown User rauskam. Aber der, den ich geschaut habe ist Unknown User bzw. Unfriended. 😉

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