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Im Kino: Aufbruch zum Mond

First Men, Damien Chazelle, USA 2018

Seit jeher zieht es den Mensch in die Ferne. Ins Unbekannte, ins Fremde, ins Abenteuer. Der bisher größte Schritt auf dieser Reise war die Landung auf dem Mond. Unzählige Male verfilmt, ein Monument der amerikanischen Identität, eine klassische, patriotische Heldenstory. Warum sich ausgerechnet Musikfilm-Spezialist Damien Chazelle nach dem großartigen Whiplash und dem guten La La Land an diese 50 Jahre Geschichte wagt, will einem deshalb zunächst nicht recht einleuchten. Doch spätestens, wenn der Abspann von Aufbruch zum Mond anläuft, weiß man, dass man hier soeben einen der besten Filme des Jahres gesehen hat.

So sehr sich Aufbruch zum Mond von Chazelles bisherigen Werken unterscheidet, so sehr gleichen sie sich in einer Hinsicht: dem eindrucksvollen Beginn. Neil Armstrong (Ryan Gosling) absolviert darin einen Flug mit einem neuen Hochgeschwindigkeitsflugzeug, steigt bis in die Atmosphäre auf und kehrt – mehr oder minder souverän – auf den Boden zurück. Was inhaltlich unspektakulär ist, ist umso intensiver inszeniert: Chazelle verzichtet auf Außenansichten, die Kamera verbleibt stattdessen im Cockpit und vermittelt dessen klaustrophobische Enge. Dazu dieser überragende Sound: es schüttelt, rüttelt und klappert an jeder Ecken, der Ton ist perfekt abgemischt und ohrenbetäubend laut, die Wucht der Klangkulisse drückt den Zuschauer in den Kinosessel.

Es folgt ein harter Schnitt. Und mit ihm eine bedächtige Ruhe, sowohl visuell als auch akustisch, die den anderen, maßgeblichen Teil der Geschichte kennzeichnet: das Privatleben von Armstrong. Der muss gleich in den ersten Minuten einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen und seine an einem Gehirntumor verstorbene Tochter beerdigen. Dass weitere Menschen aus seinem Umfeld das Leben verlieren, ist eine Konstante dieses Films.

Chazelle erzählt in 140 Minuten die komplette Geschichte des amerikanischen Weltraumprogramms. Von 1960 bis 69. Vom Sputniks-Schock bis zur Rückkehr von Apollo 11. Es ist eine Geschichte, die bekannt ist, hier jedoch mit vielen Details, Wendungen und enorm viel Menschlichkeit zu überraschen weiß. Der Weg zum Mond ist gepflastert mit Leichen von Armstrongs Freunden, Bekannten und Kollegen. Der anfangs so nahbare, so strapazierfähige Pilot entwickelt sich allmählich zu einem abgeklärten Pragmatiker, der sich auch immer weiter von seiner Familie entfernt. Am Ende, wenige Tage vor dem Start von Apollo 11, sitzt Armstrong in der Küche und findet gegenüber seiner Familie kaum Worte. „Gibt es noch Fragen?“, wirft er seinen Söhnen trocken entgegen. Seine Frau (großartig: Claire Foy) sitzt wortlos daneben. Die Szene gleicht einer Pressekonferenz.

Kameramann Linus Sandgren (La La Land) ist auch in diesen Momenten ganz nah bei den Figuren. Das grobe Filmkorn, die wackelige Handkamera, die zahlreichen Close-Ups – all das verleiht Aufbruch zum Mond einen zugleich nostalgischen wie dokumentarischen Look. Die Musik hält sich zurück, kommt nur pointiert zum Einsatz. Als das erste Mal klassische Musik erklingt, gelingt gerade ein entscheidender Andockversuch im All – eine klare, aber keinesfalls aufdringliche Referenz an 2001.

Ähnlich wie Kubricks Klassiker widmet sich auch Aufbruch zum Mond den ethischen Fragen der Forschung und im speziellen der Raumfahrt. Ist letztere nur Selbstzweck? Ist es all das überhaupt wert, angesichts der Gelder und der Menschenleben, die dabei verschlissen werden? Oder war die Raumfahrt nur ein ideologischer Wettbewerb?

Klare Antworten bleibt der Film schuldig. Seine eigentliche Leistung besteht jedoch darin, die Menschen hinter der Technologie ins Licht zu rücken. Die Ingenieure, die Piloten, die Pioniere und ihr Familien sind es, die im Fokus von Aufbruch zum Mond stehen. Die Landung auf dem Trabanten war nicht die Leistung einer Nation, sondern engagierter, risikobereiter Menschen. Patriotismus hat keinen Platz in diesem Film. Lediglich eine Großaufnahme der amerikanischen Flagge hat Chazelle platziert. Dass in den USA ernsthaft eine Kontroverse darüber entstanden ist, dass er nicht das Hissen der Fahne auf dem Mond zeigt, verleiht dem Film zugleich eine (unbeabsichtigte) gesellschaftskritische Note. Motto: Wir waren schon mal weiter.

Abschlussfrage: Was macht einen großartigen Regisseur aus? Jeder hat da seine eigene Antwort. Meine lautet: Wenn er sich in verschiedensten Genres bewiesen haben. Stanley Kubrick, Quentin Tarantino, Steven Spielberg und Christopher Nolan gehören dazu. Damien Chazelle ist mit seinen bisherigen drei Werken noch weit von der Aufnahme in diesen Club entfernt. Doch mit Aufbruch zum Mond hat er bewiesen: Er kann nicht nur Musikfilm, sondern auch Historien- und Familiendrama, Portrait und sogar ein bisschen Science-Fiction. Ein paar Oscars sind ihm auch in diesem Jahr sicher – mit ziemlicher Sicherheit die für Kamera und Sounddesign. Und in einigen Jahren vielleicht auch ein Platz in der Riege der oben genannten.

Bilder & Trailer: (c) Universal

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