Zum Inhalt springen

The Rider

Chloé Zhao, USA 2017

Ein junger Mann steht in der Dämmerung inmitten der Prärie, den schwermütigen Blick über die endlose Landschaft schweifend, während am Himmel die letzten, goldenen Strahlen der untergehenden Sonne die Wolken durchstoßen. Es ist eine der imposantesten Szenen von The Rider. Nicht nur beweist Kameramann Joshua James Richards darin ein unfassbares Gespür für Bilder. Sie ist zugleich ein Konzentrat der Atmosphäre, die den gesamten Film prägt: Melancholie gewürzt mit einer Prise Hoffnung.

Regisseurin Chloé Zhao porträtiert in ihrem zweiten Film einen jungen Mann, der in seinem Leben nur eine Sache kennt: Pferde. Sei es als Trainer oder als Rodeo-Reiter. Doch genau diese Passion hat ihn kürzlich ins Krankenhaus gebracht und droht nun, für immer aus seinem Leben zu verschwinden. Brady Blackburn (Brady Jandreau), so der Name des Riders, hat beim Rodeo eine beinahe tödliche Kopfverletzung erlitten. Wenn er weiterhin reite, so die Ärztin, könne ihn das sein Leben kosten.

Die Versuchung reizt natürlich. Denn was ist das Leben noch wert, wenn es seinen Sinn verliert? Der innere Konflikt zwischen lebenserhaltender Vernunft und der Liebe fürs Reiten ist das zentrale Dilemma von The Rider. Nicht nur in Blackburns Gedankenwelt ist es präsent. Auch in den Gesprächen am Lagerfeuer oder beim Besuch im Krankenhaus, wo Blackburns Freund seit einem Unfall beim Bullenrodeo im Rollstuhl sitzt.

The Rider ist ein unkonventioneller Neo-Western. Er erzählt – ganz klassisch – vom Verschwinden der Grenzlandromantik und der unberührten Wildnis, was jedoch kein Resultat der voranschreitenden Zivilisation, sondern der schleichenden Krankheit des Helden ist. So lässt sich The Rider auch als Dekonstruktion des klassischen Westernhelden lesen: Die oberflächliche Männlichkeit weicht einem intimeren, melancholischen Bild. Die einst so harten Cowboys sprechen am Lagerfeuer Sätze wie „Man reitet durch den Schmerz“ und „Ich liebe dich“ aus. Und das ohne Scham.

Gleichwohl droht der Film immer wieder, sich in seiner Melancholie und seinen Bilder zu verlieren. Wer ungeduldig ist, könnte The Rider ob seiner Schweigsamkeit – nicht ganz zu Unrecht – als zäh und langatmig empfinden. Und doch strahlt er eine ganz besondere, unnachahmliche Stimmung aus, die im Wesentlichen einem besonderen Umstand geschuldet ist: Sämtliche Darsteller sind Laien und spielen hier ihre eigene Geschichte nach.

Wenn Blackburn ein Pferd zähmt, dann sieht das also deshalb so authentisch aus, weil er das tatsächlich beruflich macht. The Rider ließe sich gar als Dokumentation verkaufen. Nur ist mir bisher keine Doku bekannt, die derart schöne Aufnahmen und berührende Szenen zu bieten hat.

The Rider ist ab 16.11. auf DVD erhältlich.

Bilder & Trailer: (c) Weltkino

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: