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Im Kino: Suspiria

Luca Guadagnino, ITA/USA 2018

Ich weiß nicht, wie ich diesen Text anders beginnen soll, als mit einer Vorwarnung: Ich werde in den folgenden Zeilen auf Objektivierungsversuche verzichten und stattdessen mein Bauchgefühl sprechen lassen. Es muss so sein. Ich kann nicht anders. Möglich, dass ich mich dadurch als anti-intellektuelles Kretin oute. Doch ich finde keinen anderen Zugang zu Suspiria, als einen gänzlich subjektiven.

Luca Guadagnino hätte nach seinem – mit dieser Meinung stand ich ziemlich allein – furchtbaren Call me by your Name zu Beginn des Jahres nun die Chance gehabt, bei mir wieder Boden gut zu machen. (Auch wenn ihm selbstredend ziemlich egal sein, wie ich über ihn und seine „Filmkunst“ denke.) Nach Suspiria jedoch fühle ich mich in meiner Meinung bestätigt, dass das Wirken des Italieners mit dem Attribut „prätentiös“ bestens umrissen ist.

Zunächst einmal muss man allerdings seinen Mut bewundern, sich an einer Neuauflage des Horror- und Giallo-Klassikers von Landsmann Dario Argento zu wagen. Und die Vorzeichen sahen ja auch gut aus: Ein schummrig-verstörender Trailer weckte ebenso große Hoffnungen wie die Nachricht, dass Quentin Tarantino beim Test-Screening in Freudentränen ausgebrochen sei. Bewundern muss man ebenso die Tatsache, dass Guadagnino kein ehrfürchtiges Remake, sondern eine eigenständige Neuinterpretation vorlegt, die sich im Laufe ihrer zweieinhalb Stunden immer weiter von der Vorlage emanzipiert.

Im Wesentlich hat der Regisseur nur die Grundidee übernommen: Die junge Amerikanerin Susie (Dakota Johnson) wird Schülerin an einer deutschen Elite-Tanzschule unter Leitung der berühmten Madame Blanc (Tilda Swinton, hier in einer Dreifachrolle zu sehen), hinter deren Fenstern Seltsames geschieht.  Nach und nach verschwinden Schülerinnen, eine von ihnen (gespielt von Chloë Grace Moretz) spricht unter scheinbaren Wahnvorstellungen zu Beginn bei einem Psychologen (Swinton) vor. Eine okkulte Verschwörung deutet sich an.

Ansonsten ist alles anders: Guadagnino verlegt die Geschichte von Freiburg ins geteilte Berlin des Jahres 1977. Der Terror der RAF hält das Land in Atem, was der Film nicht müde wird zu betonen, weshalb er immer wieder Zeitungen und TV-Bilder einblendet. Bis auf eine konkrete räumliche und historische Vorortung ist das aber vollkommen ohne Belang: Vom Terror ist nichts zu spüren, von seinen Auswirkungen ohnehin nichts, da sich der Film kein bisschen für die Menschen außerhalb der Tanzschule und der psychologischen Praxis interessiert.

In den ersten 90 Minuten war ich Suspiria tatsächlich noch wohlgesonnen: Die Bildsprache, der Rhythmus, die Musik insbesondere in den Tanzszenen strahlten eine gewisse, beinahe hypnotische Faszination aus. Positiv überrascht war ich auch, dass sich Guadagnino von der expressiven Bildgestaltung des Originals – den intensiven Farben, dem knalligen Licht, den harten Schattenwürfen – bewusst entfernte und mir stattdessen eine desaturierte, überwiegend graue-braune Tristesse präsentierte. Mit Musik hielt er sich zurück, die ließ er nur unaufdringlich aber bedrohlich im Hintergrund schwelen.

Jedoch wollte keine Spannung, kein Unbehagen, kein Unwohlsein aufkommen. Möglicherweise lag das an meiner Kenntnis des Originals (wenn man weiß, was da im Keller lauert, wollen sich solche Gefühle eben schwer einstellen). Möglicherweise aber auch nur am Unvermögen des Regisseurs, mir eine erkennbare Storystruktur zu präsentieren. Suspiria trottete bis zum Finale ziellos vor sich hin, warf mir dabei eine Wagenladung Fragen vor die Füße und lachte mir höhnisch ins Gesicht, als ich mich um Antworten bemühte. Nicht mal eine Chance ließ er mir.

Ausgerechnet dann, wenn die Geschichte im Finale endlich an Fahrt aufnimmt, zerfällt sie endgültig zu einem undurchsichtigen Wirrwarr des Gewaltexzesses. Ich ziehe meinen Hut vor jedem, der mir nach dem Kinobesuch erklären kann, was da in der letzten halben Stunde geschehen ist. Schon klar, Horror lebt von Unsicherheit und Ungewissheit, vom Ungreifbaren und Unvorhersehbaren. Im Falle von Suspiria hatte ich den aber Eindruck, als hätte Guadagnino alle Mühen darauf verwendet, mich kognitiv auszuschließen um einzig sich selbst zu verwirklichen.

Das Gegenteil also von dem, was ein Horrorfilm eigentlich tun sollte: mich hineinziehen. Lieber ballerte er mir aber 150 Minuten lang kryptische Dialoge, zusammenhangslose Nebenerzählungen und ganz viel Symbolismus in die Fresse. Andere freuen sich über ein breites Spektrum für Interpretationsansätze – biblische, psychoanalytische, ideologiekritische, historische, feministische, alles mögliche – und ich will das auch niemandem absprechen. Aber bei mir will das nicht greifen. Ich sehe nur die eigenwillige Handschrift eines Regisseurs, der seinen Mangel an Substanz mit ganz viel Künstlichkeit überklebt. Der, mit anderen Worten, prätentiös ist.

Das mag eine simple Frage des Geschmacks sein. Und meinen trifft Suspiria eben nicht. Luca Guadagnino lässt mich einfach nicht an seine Werke heran und stattdessen ins Leere laufen. Wir werden wohl keine Freunde mehr.

Mit freundlicher Unterstützung des Regina Palastes Leipzig!

 

Bilder & Trailer: (c) Amazon Studios/ Koch Films /capelight pictures

5 Kommentare zu „Im Kino: Suspiria Hinterlasse einen Kommentar

  1. Selten habe ich über einen Film so viel unterschiedliche Meinungen und Eindrücke gelesen, wie beim Suspiria Remake. Das geht wirklich von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Da ich auch kein überzeugter Anhänger der Argento-Version bin, hatte ich ziemlich große Hoffnung in die Neuverfimung gelegt. Der sehr gute Trailer und der Hype im Vorwege machten schon ziemlich Lust auf den Film. Jetzt bin ich natürlich einigermassen zwiegespalten…. Danke, dass du zu meiner Verzagtheit noch ne Schippe drauf gepackt hast. Dein Beitrag war aber ganz ausgezeichnet. Super 🙂

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    • Danke fürs Lob und sorry für die zusätzliche Verunsicherung 😅
      Ja, das ist mal wieder einer dieser Filme, bei dem von Hass bis Liebe alles dabei ist. Meine Kinobegleitung war begeistert, volle Punktzahl. Es muss sich einfach jeder seine eigene Meinung bilden

      Gefällt 1 Person

  2. Ach, danke!!! Ich dachte schon, ich stehe alleine da. In diesem Fall sind wir uns bei einem Guadagnino-Film mal vollkommen einig. Dieser Film war langatmig, furchtbar prätentiös und ohne jegliche Spannung. Ein paar Ansätze (die erste Tanz-Szene mit der Parallel-Montage) fand ich super, aber der Rest zog sich wie ein altes Kaugummi. Da ist mir das Original doch wirklich tausend Mal lieber. Furchtbarer Film…

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