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Die andere Seite von allem

Druga Strana Svega, Mila Turajlić, SRB/FRA/QAT 2017

Die andere Seite vor allem? Die erste Frage, die sich zu Beginn dieses Dokumentarfilm stellt, lautet zunächst einmal, was denn auf der anderen Seite dieser großen Tür liegt, deren Klinken Srbijanka Turajlić gerade poliert. Die ältere, untersetzte Frau mit den weißen Haaren, die in nahezu jeder der folgenden Szenen eine Zigarette raucht, weiß es selbst nicht – obwohl sie seit fast 70 Jahren in dieser Wohnung lebt.

Als sie zwei Jahre alt war, so erzählt sie dann, seien die Kommunisten gekommen, hätten ihre Familie, der das Haus gehörte, enteignet und die meisten Wohnungen an unbekannte Arbeiter vergeben. Doch selbst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs blieben die Türen verschlossen.

Die Türen in Turajlićs Wohnung bilden eine symbolische Klammer um die Lebensgeschichte der Serbin, die in diesen 100 Minuten in verdichteter Form und aus einer äußerst intimen Perspektive erzählt wird: Verantwortlich für diese Dokumentation zeichnet ihre Tochter Mila. Wo eine solch persönliche Nähe zwischen Beobachter und Beobachtetem in der Regel zu Problemen führt, erweist sie sich hier als Glückstreffer.

Denn die Kamera ist dadurch immer dabei – in harmonischen wie in unangenehmen Momenten. Auch nimmt Tochter Mila die Worte ihrer Mutter nicht einfach hin, widerspricht und streitet mit ihr, wenn sie die ambivalente Beziehung zu ihrem Land erläutert oder von ihrem politischen Engagement erzählt. Srbijanka Turajlić durchlebte drei Regime und einen Bürgerkrieg, wurde Mathe-Professorin und schließlich Bildungsministerin, engagierte sich in der Opposition, die den Sturz des Kriegsverbrechers Slobodan Milošević forcierte, und wurde 2015 von den ins Parlament gewählten Nationalisten quasi zum Staatsfeind erklärt. Wenn man Die andere Seite von allem irgendetwas kritisches vorwerfen kann, dann ist es, zu viel Vorwissen um die Vergangenheit des ehemaligen Jugoslawien vorauszusetzen.

Denn im Lebenslauf der 71-Jährigen spiegelt sich die gesamte jüngere, wechselhafte Geschichte des Landes wieder. Kommunismus, Diktatur, Demokratie. Turajlić spricht mit Bedacht und doch mit größtmöglicher Klarheit. Eine rationale, hoch intelligente Frau, deren politische Ambitionen und Träume von ihren Mitbürgern immer wieder enttäuscht wurden. Man spürt ihr diese Resignation an: Sie liebt ein Land, das es ihr immer schwerer macht, von ihr geliebt zu werden.

Beispiele. An einer Stelle erzählt sie, die Serben würden den Westen hassen, aber Russland lieben. Doch niemand, der das Land verlasse, würde nach Russland ziehen – sondern nach Deutschland oder in die USA. „Wir sind ein Volk, das sich leicht verliebt“, sagt sie an anderer Stelle, in einem Interview kurz nach Miloševićs Absetzung. Derzeit seien alle verliebt in die demokratische Opposition. „Ich fürchte bloß, dass es zu einem massenhaften Entlieben kommt. Und dann zur Suche nach einem neuen Führer, den wir alle vergöttern.“ Mahnende Worte auch nach außen.

Das Porträt, das ihre Tochter geschaffen hat, ist keines, das klare Antworten liefert. Das wäre vermessen. Zu komplex ist die Lage in ihrer Heimat, zu wechselhaft ist dessen Geschichte und die der Menschen, die darin leben. Mila Turajlićs Kunstgriff besteht darin, diese Historie anhand des Lebens einer einzelnen Person zu erzählen und dabei die kleinen Details hervorzuheben, die diese Geschichte so lebendig und greifbar machen. Fast alles spielt sich in der Wohnung mit den verschlossenen Türen ab, die auch ein Symbol für dieses Land sind: Die Entscheidung, ob sie weiterhin verschlossen bleiben, überantwortet Srbijanka Turajlić der Jugend des Landes.

Am Ende des Films öffnen sich die Türen in dem kleinen Zimmer tatsächlich. Ein Akt von enormer symbolischer Kraft – der jedoch vielmehr als hoffnungsvoller Wunsch denn als realistische Option erscheint.

Bilder & Trailer: (c) JIP Film & Verleih

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