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Roma

Alfonso Cuarón, MEX/USA 2018

Es beginnt mit grau-weißem Fließenboden. Risse durchziehen den Marmor. Wischwasser schwappt in leichten Wogen darüber hinweg. In ihm spiegelt sich der Himmel – ein Flugzeug setzt gerade zur Landung an.

Die erste Einstellung von Roma vereint trotz ihrer Simplizität zahlreiche Kontraste: Wasser und Luft, Schwarz und Weiß, hoch und tief, Bewegung und Stillstand. Die Prämisse „Simple Erscheinung, komplexer Inhalt“ ist eine, die sich als roter Faden durch die übrigen 135 Minuten von Roma spannt. Für seinen jüngsten Film begibt sich Alfonso Cuarón (Gravity, Children of Men) zurück in die eigene Vergangenheit, verarbeitet Erlebnisse und Erfahrungen seiner Kindheit in Mexiko, stellt dabei aber nicht sich, sondern das Hausmädchen in den Mittelpunkt, das ihn einst prägte. Er gibt ihr den Namen Cleo.

Cleo (Yalitza Aparicio) geht es gut. Könnte man denken. Die Familie behandelt sie anständig, die Kinder binden sie in ihre Spiele ein, ihre Freizeit verbringt sie mit Freunden im Café oder im Kino. Eine gute Stunde beobachten wir sie in ihrem Arbeits- und Lebensalltag. Doch bald werden die subtilen Konflikte spürbar, die hier schwelen. Dann der Wendepunkt: Cleo ist schwanger. Der mutmaßliche Vater nimmt Reißaus, will nichts mehr von ihr wissen und weist sämtliche Verantwortung von sich.

Romas Handlung schreitet in langsamen, aber beständigen Schritten voran und nimmt dabei einige überraschende Wendungen. In erster Linie aber erschafft Cuarón ein Porträt seines Landes zu Beginn der 70er. Seine Kraft schöpft es aus kleinen, mal unspektakulären, mal obskuren Details: der Hund, der ständig in die Einfahrt kotet; die Marschkapelle, die alle paar Tage am Haus vorbeizieht; der Luchador, der einer Kendo-Gruppe philosophische Weisheiten eintrichtert; das Weihnachtsfest, das in einen Waldbrand mündet.

Dieser Detailreichtum schafft Authentizität und Nähe – und ist ein Quelle für all die Kontraste und Gegensätze, die Roma dominieren: Arm und reich, bäuerlich und bürgerlich, hoch und tief, Einsamkeit und Familie, Freude und Trauer, Leben und Tod. Sie finden sich sowohl thematisch als auch in der Bildsprache wieder: im Wechsel von Panorama- und Detailaufnahmen, in den Bewegungen von links nach rechts, von unten nach oben und umgekehrt.

Cuarón, der hier neben Regie und Drehbuch auch die Kameraarbeit übernommen hat, scheint von seinem frühen Kompagnon Emmanuel Lubezki gelernt zu haben. Neben dem nostalgischen schwarz-weißen Look stechen bald Aufnahmen ins Auge, die schlicht großartig sind: Schwenks durch den Raum, horizontale Fahrten und Standbilder, die in ihrer Komposition allen Regeln großer Kunst gerecht werden. Wer eine Antwort auf die Frage braucht, ob er trotz baldigem Netflix-Release (14. Dezember) eine der wenigen Kinoaufführungen von Roma besuchen sollte, dem sei an dieser Stelle ein lautes „Ja“ entgegen geschrien. Denn visuell hat dieser Film wirklich viel bieten.

Roma mag wie ein entschleunigter und entschlackter Gegenentwurf zu Gravity und Children of Men anmuten. Seine Stärken aber sind zahlreich – und liegen vor allem in den Details und der Authentizität, die diesem Film in den entscheidenden Momenten eine enorme emotionale Wucht verleihen. Cuaróns Qualitäten finden sich auch hier allesamt wieder.

Bilder & Trailer: (c) Netflix

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