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Kindeswohl

The Children Act, Richard Eyre, GB 2017

Wer gelegentlich in die Internetkommentarspalten von Gerichtsberichten schaut, der weiß, dass nicht wenige Menschen dort ein sehr simples Schwarz-Weiß-Denken propagieren. „Wegsperren“, „Viel zu mildes Urteil“ oder „Unfähige Justiz“ sind einige der unerträglichen Schlagworte, die dort immer wieder auftauchen. Wer hingegen mal bei einer Gerichtsverhandlung anwesend war, der weiß, dass die Fragen der Schuld und des Strafmaßes sehr komplexe Angelegenheiten sind, die wohl überlegt sein wollen. Gute Justizdramen wissen um diese Ambivalenz und wie sie vermitteln können – und Kindeswohl macht in dieser Hinsicht einen verdammt guten Job.

Eine Sozialrichterin (Emma Thompson) sieht sich hier mit dem Fall eines todkranken 17-Jährigen (Fionn Whitehead) konfrontiert, der aufgrund seiner Religion die rettende Bluttransfusion ablehnt. Daraus erwächst ein existentielles Dilemma zwischen Menschenwürde/ Selbstbestimmung und der Pflicht einer Gesellschaft, für das Wohl ihrer Kinder zu sorgen: Gewährt die Richterin dem Jungen den qualvollen, aber selbstbestimmten Tod oder setzt sie die Transfusion durch? Gleichzeitig hat die Dame mit persönlichen Problemen zu kämpfen, denn ihr Ehemann (Stanley Tucci) fühlt sich romantisch und intim derart vernachlässigt, dass er sie um eine Affäre bittet.

Ein Film voller Ambivalenzen und Grautöne also, was bis zum Ende auch so bleibt. Der enorm starken ersten Hälfte folgt gleichwohl eine zweite, die inhaltliche eine andere, nicht ganz so einnehmende Richtung einschlägt. Das schmälert zwar den überaus positiven Gesamteindruck, kulminiert jedoch in einem Finale, das emotional geradezu explodiert und mich reichlich fertig und vor allem nachdenklich zurückgelassen hat. Dass die Darsteller – insbesondere Thompson – durch die Bank großartig sind, ist da nur das i-Tüpfelchen.

imdb / Trailer

Bild: (c) Concorde

8 Kommentare zu „Kindeswohl Hinterlasse einen Kommentar

    • Die Mischung aus Ehe- und Gerichtsdrama in der ersten Hälfte hat für mich wunderbar funktioniert, weil es eine Frau porträtiert, die einerseits Autoritätsperson ist und über das Leben anderer entscheidet, andererseits aber ihr eigenes Leben nicht im Griff hat. Dass das Stalkingdrama dann den Gerichtsanteil ersetzt, ist meiner Ansicht nach kein guter Schritt gewesen. Aber am Ende war ich dann emotional doch ziemlich geplättet.

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