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Im Kino: Rocketman

Dexter Fletcher, UK/USA 2019

Jedes moderne Musiker-Biopic beginnt auf dieselbe Weise: Mit schweren Schritten und entschlossenem Blick durchschreitet der Künstler den Backstagebereich, dem wichtigsten Auftritt seines Lebens entgegenstrebend. Bei Johnny Cash (Walk the Line) war es das Konzert im Folsom Gefängnis. Bei Freddie Mercury (Bohemian Rhapsody) Live Aid. Und bei Elton John? Große Überraschung: Der landet, als er die schwere Doppeltür durchstößt, in einer Selbsthilfegruppe.

Wer nun aber glaubt, Rocketman würde die formelhaften Strukturen musikalischer Biopics komplett über Bord werfen, der irrt. Nachdem John (Taron Egerton) nonchalant seine Drogen-, Alkohol-, Sex- und Shoppingsucht gesteht, schwenkt Regisseur Dexter Fletcher zurück in die Vergangenheit und rollt die Geschichte des vormals kleinen, dicken Jungen von vorne auf. Der wächst in einem Londoner Arbeiterviertel mit einem Vater (Steven Mackintosh) auf, der in dem Kleinen einzig eine Kette sieht, mit dem ihm die nicht minder gefühlskalte Mutter (Bryce Dallas Howard) an sich zu binden versucht. Lediglich von seiner Großmutter (Gemma Jones) erfährt Reginald Dwight – so Elton Johns bürgerlicher Name – emotionale Wärme und Nähe.

Sie ist es auch, die sich dafür einsetzt, dass ihr Enkel eine Musikschule besucht, nachdem er am Klavier spontan einen Song aus dem Radio nachspielt – womit der Grundstein für den späteren, kometenhaften Aufstieg von Elton John gelegt ist. Ein Musikmanager stellt bald den Kontakt zu Songtexter Bernie Taupin (Jamie Bell) her. Dank seines überragenden Talents gelingt es Reginald, dessen Lyrik innerhalb kürzester Zeit in die heute bekannten Hits zu verwandeln. Der Erfolg lässt nicht lang auf sich warten. Und mit ihm kommen die Probleme.

Taron Egerton in „Rocketman“. (c) Paramount Pictures

Der kreative Prozess des Musikmachens spielt in Rocketman nahezu keine Rolle. Flechter inszeniert seinen Protagonisten als modernen Mozart, Melodien und ganze Songs entstehen innerhalb weniger Sekunden, Fehlschläge gibt es nicht. Und doch sind Elton Johns Lieder fundamentaler Bestandteil dieser Erzählung, ihre Texte spiegeln die Gefühlswelt und die Entwicklung des Musikers perfekt wider. Fletcher nimmt sich die Freiheit, die Songs nicht chronologisch einzubinden: Sie sind gänzlich der Handlung untergeordnet und erstrahlen dadurch in einem ganz neuen Licht.

Ebenfalls Freiheiten nimmt sich der Regisseur in der Inszenierung der Musikstücke, die Rocketman zu einer erfrischenden Mischung aus Biopic und Musical machen. Schwebende Konzertbesucher, auf den Straßen tanzende und singende Menschen, ein menschlicher Raketenstart auf der Bühne: Mit einer geradezu mustergültigen Kreativität lässt Rocketman den Zuschauer einen Blick in den Kopf der (filmischen) Figur Elton John werfen, die durch ihre Musik und schrille Kostümierung nicht nur nach einer eigenen künstlerischen Identität, sondern auch nach einem Ausbruch aus einem biederen Leben sucht.

Dass genau das zugleich der Quell zahlreicher Probleme ist, ergründet Fletcher in der zweiten Filmhälfte. Die Kunstfigur Elton John und die Privatperson Reginald Dwight vereint der simple und doch nachvollziehbare Drang, geliebt zu werden. Während erstere auf der Bühne aber geradezu einen Übermaß an Liebe erfährt, durchlebt letztere eine Kaskade der Enttäuschungen. Doch so wichtig dieser Aspekt auch ist, um dem Protagonisten die nötige Tiefe zu verleihen, so schwerfällig wird dies im finalen Akt aufgelöst. Das kann auch Taron Egerton (Kingsman, Eddie the Eagle) nur bedingt kompensieren, obwohl er seinen Elton John bis zum Schluss mit absoluter Inbrunst und in all seiner sympathischen Queer- und Weirdness verkörpert – abgedrehter Kostüme und ausgefallener Brillen (in jeder Szene eine neue) inklusive.

So büßt der Film gegen Ende doch spürbar von jener Energie ein, die ihn zuvor zu einem solch mitreißenden und unterhaltsamen Werk gemacht hat. Doch trotz dessen und obwohl Fletcher sich einer gewissen Formelhaftigkeit nicht erwehren kann, ist Rocketman ein mehr als gelungenes Musiker-Biopic, das Bohemian Rhapsody locker das Wasser reichen kann. Dessen musikalische Einlagen hatten zwar deutlich mehr Wucht – aber waren nicht ansatzweise zu verspielt.

Bilder & Trailer: (c) Paramount Pictures

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