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Chernobyl

Craig Mazin/Johan Renck, 5 Folgen, USA/UK 2019

Die finale Staffel von Game of Thrones war ein popkultureller GAU: Eine millionenschwere und weltweit geliebte Serie, die quasi im Alleingang das Fantasy-Genre revolutionierte, erlag nach sechseinhalb brillanten Staffeln ihrem Hype, stürzte gnadenlos ab und hinterließ verbrannte Erde. Und erzürnte Fangemüter.

Doch das Internet schläft bekanntlich nicht und hat inzwischen einen neuen Serien-Darling gefunden, bei dem ein ganz anderer GAU im Fokus steht: der im Atomkraftwerk Tschernobyl. Dort explodierte 1986 ein Reaktor infolge menschlichen Versagens. Ein riesiges Gebiet wurde unbewohnbar gemacht, die exakte Anzahl der Todesfälle wird wohl nie ermittelt werden können. Wer sich über dieses Ereignis schlau machen will, dem stehen unzählige Quellen zur Verfügung. Chernobyl schafft durch seinen fiktionalen, dokudramatischen Ansatz jedoch einen ganz anderen – einen affektiven, persönlichen – Zugang zum Thema. Und macht dabei derart viel richtig, dass der Hype vollkommen gerechtfertigt ist. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Grund Nummer 1: das straffe, perfekt durchkonzipierte Drehbuch. Fünf Folgen nimmt sich Chernobyl für seine Geschichte Zeit – so viel wie erforderlich, nicht mehr als nötig. Nur einen kurzen Prolog braucht es, dann steht der Reaktor bereits in Flammen und das Chaos nimmt seinen Lauf. Während Kraftwerksleitung und Parteifunktionäre die Katastrophe unterschätzen und kleinreden, gehen die Feuerwehrleute unwissentlich ihrem Strahlungstod entgegen und eine Wolke der radioaktiven Vernichtung zieht unaufhaltsam auf die Stadt Prypjat zu. Und das war nur Folge eins.

In den verbleiben vier Episoden übernehmen der Chemiker Walerie Legassow (Jared Harris) und der Politiker Boris Shcherbina (Stellan Skarsgård) die führenden Rollen. Zunächst gilt es, den Reaktor zu löschen, dann die Folgen der Kernschmelze zu minimieren, das Areal um das Kraftwerk zu dekontaminieren und schließlich den Sachverhalt vor Gericht aufzuklären. Jedem Aspekt ist genau eine Episode gewidmet.

„Chernobyl“. (c) HBO

Grund Nummer 2: Dramaturgie und Inszenierung. Chernobyl ist im selben Maße bedrückend wie faszinierend. Und schonungslos offen: Menschen übergeben sich, brechen auf der Straße zusammen, mutieren zu Fleischklumpen. Fassungslos ob der Ignoranz, mit der die sowjetische Politik versucht, die Ausmaße der Katastrophe zu verschleiern, nimmt das Leid seinen Lauf. Chernobyl dreht sich also auch um die Frage, wie Diktaturen und Großmächte mit einer solchen Krise umgehen. Das Gegengewicht zur politischen Verblendung bildet – daran hat sich bis heute nichts geändert – die Wissenschaft. An vorderster Front Legassow sowie die vom Drehbuch erfundene Physikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson), eine fiktionale Stellvertreterin für all die Experten, die an der Krisenbehebung beteiligt waren und Missstände offenlegten.

Das alles ist zwangsläufig mit einer gewissen Heroisierung verbunden, erst recht im Hinblick auf die freiwilligen und unfreiwilligen Hilfskräfte. Was angesichts der Brisanz des Themas aber völlig angemessen ist. Ebenso wie die raren pathetischen Momente.

Grund Nummer 3: die Ausstattung. Von Häuserfassaden bis zu Fensterrahmen, von Autos bis zu Nummernschildern, von Anzügen bis zu Zigarettenschachteln – in den Sets wurde auf jedes noch so kleine Detail geachtet. Das verleiht Chernobyl eine für US-Produktionen, die im Ostblock spielen, ungewöhnlich starke Authentizität. Und unterstreicht, dass Showrunner Craig Mazin (bisher für Werke wie Hangover 2 & 3 oder Superhero Movie bekannt) ganz tief in der Materie steckte.

Grund Nummer 4: die Darsteller. Allesamt großartig. Das gilt für die Hauptakteure, etwa den (ver)zweifelnden Jared Harris als Legassow, ebenso wie für die kleineren Rollen. Beispielsweise Alex Ferns als kerniger Minen-Vorarbeiter, der einen Tunnel unter den Reaktor graben soll. Oder Barry Keoghan als Soldat, der die kontaminierten Haustiere in den evakuierten Dörfern beseitigen soll und dieser nur kurzen Rolle wirklich alles abgewinnt.

Von Beginn an zog mich Chernobyl in seinen erschreckenden Bann, machte jede Folge, jede Szene zu einem gleichsam beklemmenden wie faszinierenden Erlebnis. Der Balanceakt zwischen Dramaturgie und Authentizität gelingt dieser Mixtur aus Katastrophenporträt, Polit-, Spionage- und Horrorthriller perfekt. Infotainment im besten Sinne des Wortes also. Mir ein zeitlich und örtlich derart entferntes Ereignis so nahe zu bringen – das gelingt nur ganz wenigen Filmen und Serien.

Bilder & Trailer: (c) HBO

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12 Kommentare zu „Chernobyl Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wenn du eine 6-Sterne-Wertung vergibst, muss es ja gut sein 😊
    Das Thema des Reaktorunglücks in Chernobyl wartete m.e. schon lange darauf, das es im Rahmen einer solchen Serie wieder in das Gedächtnis derer zurückgebracht wird, für die diese Katastrohe nur noch eine Fußnote der Geschichte ist. Grad vor der sich verändernden Einstellung zu Klima und Umwelt ganz bestimmt nicht der falsche Zeitpunkt für eine derartige Serie. Sicherlich stehen hier (ich habe Chernobyl noch nicht gesehen) Spanung und Unterhaltung im Vordergrund, dennoch finde ich es gut, dass so etwas ins Fernsehen gebracht wird. Und wenn es dann auch noch gut ankommt und eine starke Verbreitung findet, umso besser.

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    • Jap, eine Volle-Punkte-Wertung sehe ich als echtes Prädikat, deshalb vergebe ich die wirklich nur für ganz wenige, herausragende Werke. Und „Chernobyl“ ist definitiv so eines 😉

      Man spürt gerade in letzten Folge auch deutliche Bezüge zur aktuellen Klimadebatte – und zwar generell und nicht nur auf Atomkraft bezogen. Ich fand es allerdings schon reichlich absurd, nur wenige Tage, nachdem ich mit der Serie durch war, zu lesen, dass Frauke Petry gern ein Atomkraftwerk in der Lausitz – meiner Heimat – bauen will…

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      • Glücklicherweise hat Frau Petry nicht all zu viel zu sagen. Und der aktuelle Diskurs geht ja auch eindeutig in eine andere Richtung. Kannst also gern dort wohnen bleiben😊

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  2. Wow, volle Punktzahl, auch eher selten bei Dir. 🙂 Ich freue mich auch schon riesig auf diese Miniserie, starte wohl aber erst nächste Woche damit. Mittlerweile bevorzuge ich auch Mehrteiler zu richtigen Serien. Nicht so zeitaufwendig und eine Geschichte – wie scheinbar hier geschehen – kann man auch in wenigen Episoden allumfassend und faszinierend erzählen.

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