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Im Kino: Yesterday

Yesterday (Danny Boyle, UK 2019) – Es gibt Geschichten, die werden komplett durchkonzipiert, bevor sie auf dem Papier landen. Und dann es gibt Geschichten, die bestehen zunächst nur aus einer tollen Idee, aus der im Laufe des Schreibens der Rest erwächst. So etwas gelingt nur selten – und wurde wohl auch bei Danny Boyles jüngstem Film Yesterday versucht. Zumindest fühlt es sich arg danach an. Denn herausgekommen ist ein weiteres Beispiel dafür, dass eine gute Prämisse noch lange keinen guten Film macht.

Natürlich, die Idee klingt zu Beginn famos. Im Mittelpunkt steht Jack Malik (Hamish Patel), ein handwerklich talentierter, aber wenig kreativer Musiker, dem es zudem am nötigen Selbstbewusstsein mangelt. Was aber auch nicht überrascht, schließlich wird er sogar von seinen Freunden und seiner Familie für seine Songs eher belächelt denn bewundert. Ein Auftritt vor einem guten Dutzend unmotivierter Zuhörer sorgt schlussendlich dafür, dass Jack seine Pläne einer Musiker-Karriere an den Nagel hängt. Selbst seine Jugendfreundin Ellie (Lily James), die ihn als einzige unterstützt, kann ihm das nicht ausreden.

In jener Nacht kommt es jedoch zum Blackout – im doppelten Sinne. Während eines globalen, zwölfsekündigen Stromausfalls wird Malik von einem Bus angefahren. Als er wieder zu sich kommt, hat er zwei Zähne verloren – die Welt jegliche Erinnerungen an die Beatles. Selbst aus dem Internet scheint jede Erwähnung des Liverpooler Quartetts, das in den 1960ern die Popmusik revolutionierte, getilgt zu sein. Nur Jack erinnert sich und wittert seine Gelegenheit: Aus dem Gedächtnis spielt er „Yesterday“, „Hey Jude“ und „Let it be“ nach, nimmt ein Demo auf und stellt es ins Netz. Kurz darauf steht Ed Sheeran (Ed Sheeran) vor seiner Tür und bietet Jack an, auf der nächsten Tournee den Warm-Upper zu geben.

Lily James & Hamish Patel in „Yesterday“. (c) Universal Pictures

Ab diesem Punkt weiß Yesterday nicht mehr recht, was für ein Film er sein und was für eine Geschichte er erzählen mächte. Eine romantische Komödie? Eine Parodie auf den Kommerz in der zeitgenössischen Musikindustrie? Ein Charakterporträt über jemanden, der mit sich selbst in Konflikt gerät, weil seine Erfolge nicht auf seiner eigenen Leistung basieren? Oder schlicht eine Verbeugung vor dem Wirken der Beatles? Das Drehbuch von Richard Curtis (Tatsächlich… Liebe) schneidet all diese Aspekte an, ohne einen davon konsequent umzusetzen.

Der RomCom-Anteil ist dabei noch der gelungenste, vor allem dank der tollen Lilly James (Baby Driver), die hier eine sehr nuancierte Performance abliefert. Mit kleinsten Gesten schafft sie es zu zeigen, wie sehr ihre Ellie mit sich hadert, wenn es um ihre Beziehung zu Jack geht, der ihre jahrelange Zuneigung nie erwiderte. In der zweiten Filmhälfte ist die Romanze dann der dominierende Story-Part – löst sich jedoch in einem krassen Klischee auf.

Die Musikindustrie als Karikatur

Ebenso klischeehaft kommt Jacks neue Managerin Debra (Kate McKinnon) daher, die ausschließlich abfällige Bemerkungen über ihre Klienten und insbesondere Jacks Aussehen macht – weshalb man sich alsbald fragt, wie sie in diesem Job eigentlich Erfolg haben kann. Klar, Yesterday ist eine Komödie und hat als solche auch einige gute Gags (wenngleich auch einige Rohrkrepierer) zu bieten. Doch Debra bleibt bis zum Schluss eine platte, exzentrische Karikatur, womit jegliche Kritik an der Musikindustrie verpufft. Über inhaltsleere Aussagen vom Kaliber eines „Für Erfolg ist (leider) Aussehen wichtig“ kommt der Film nicht hinaus.

Ein Charakterporträt ist Yesterday ebenfalls nicht. Zu simpel und passiv ist Jack in seinem Handeln und seiner Motivation, zu sehr lässt er sich von Ellie, Ed Sheeran und Debra mitreißen, zu wenig Entwicklung und (innerer) Konflikt findet statt. Dass in Danny Boyles Filmen (Trainspotting, Steve Jobs) Unsympathen im Mittelpunkt stehen, ist nichts Neues. Dass sie derart profillos sind, hingegen schon.

Boyle arbeitet all das mit einer geradezu erschreckend lustlosen Inszenierung ab. Die sonst so verspielte Visualität des Briten scheint hier bestenfalls in einer Handvoll Momente durch, ansonsten setzt Yesterday vor allem auf Halbtotale und wirkt dadurch unheimlich profan. Bleibt noch die Musik von den Beatles, die naturgemäß alles überlagert und ab und an für Gänsehaut sorgt, auch dank Himesh Patels Performance.

Doch – und damit sind wir wieder bei der vermeintlich tollen Idee vom Anfang – inhaltlich wird daraus nichts gemacht. Das Phänomen Beatles zu erkunden – etwa was ihre Musik einst so beliebt gemacht hat, warum sie sich bis in die Jetztzeit hält oder ob sie heute auch noch funktionieren würde – um diese Fragen macht Yesterday einen weiten Bogen. Gegen Ende rechtfertigt lediglich eine Szene ansatzweise, warum hier ausgerechnet die Beatles aus der Welt getilgt wurden. Andernfalls hätte man auch die Stones oder Frank Sinatra wählen können.

Dass sich ausgerechnet der angenehm selbstironische Ed Sheeran als einer der wenigen Lichtblicke des Films entpuppt, spricht eigentlich für sich. Yesterday macht wenige Dinge wirklich falsch, ist aber viel zu austauschbar und fahrig – und wird damit der Musik, um die er sich dreht, absolut nicht gerecht. Schade um die tolle Idee.

Bilder & Trailer: (c) Universal Pictures

5 Kommentare zu „Im Kino: Yesterday Hinterlasse einen Kommentar

  1. Endlich jemand, der sich auch so über Lily James freut wie ich… dagegen ging mir Ed Sheeran einfach nur auf den Keks 😀
    Insgesamt fand ich den Film ganz süß, aber auch nicht überragend.

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  2. Aaaah, es ist eine Welt, die die Beatles VERGESSEN hat. Jetzt komme ich mit dem Konzept klar. Mir hat es jemand erklärt als Welt in der es die Beatles nicht gegeben hat und dann müsste ja die gesamte Musikwelt anders aussehen…

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    • Im Prinzip ist es eine Mischung aus beidem. Die Beatles wurden vergessen, ihre Musik existiert aber auch nicht mehr. Insofern müsste die gesamte Musiklandschaft deutlich anders aussehen, aber das ist eben auch eine dieser Fragen, die der Film nonchalant übergeht, obwohl sie sich geradezu aufdrängt. Das ist aber vermutlich ein ähnliches Phänomen wie bei den meisten Zeitreise-Filmen, wo man grundlegende Paradoxa einfach ignorieren muss….

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      • Ist wahrscheinlich das Klügste das einfach zu ignorieren, anstatt zu versuchen unglaubwürdig daran herumzubasteln. So nach dem Motto „Die Beach Boys haben weiter Surfer-Pop gemacht, sonst ist alles gleich geblieben…“

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