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Im Kino: Der König der Löwen

The Lion King, Jon Favreau, USA 2019 – Ein 260 Millionen Dollar teures Blendwerk.

Läuft bei Disney, würde es in der Jugendsprache heißen. Seit Maleficent von 2014 ist man fleißig dabei, sämtliche Inhouse-Zeichentrickklassiker als CGI-geschwängerte Realverfilmungen erneut auf die Leinwand zu bringen. In diesem Jahr hat es bereits Dumbo und Aladdin erwischt, nun folgt mit Der König der Löwen der heilige Zeichentrick-Gral Disneys. Dessen größte Stärke ist zugleich seine größte Schwäche.

Ob im Falle von Der König der Löwen aber überhaupt von einer Realverfilmung gesprochen werden kann, ist fraglich. Schließlich stammt er gänzlich aus dem Rechner. Allerdings bemüht sich Film, der ebenso wie die Neuauflage des Dschungelbuchs unter der Regie von Jon Favreau entstand, um möglichst großen, visuellen Realismus. Und erfüllt dieses Ziel mit Bravour. Die Animateure haben auf jede noch so winzige Kleinigkeit geachtet – Muskeln, Adern, Narben – und setzen damit neue Maßstäbe in Sachen digitalem Fotorealismus. Selbst das Fell, eine der schwierigsten Strukturen, die sich mit CGI umsetzen lassen, ist makellos schön, schwingt im Wind mit und wirkt jederzeit echt.

Zazu und Simba in „Der König der Löwen“. (c) Disney

Man kommt ob dieser technischen Brillanz aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Und könnte so fast vergessen, dass der Hyperrealismus jegliche Emotion im Keim erstickt. Die Tiere sehen hier eben wie echte Tiere aus – ihrer Mimik und Gestik fehlt folglich jegliche Menschlichkeit und sämtliches Identifikationspotential. In Das Dschungelbuch kam diese Aufgabe noch Mogli (Neel Sethi) zu. In Der König der Löwen hingegen ist es bereits schwierig, den jungen Simba und die junge Nala auseinander zu halten. Am stärksten aber hat Vogel Zazu unter der Realismus-Kur gelitten.

So wird es alleinig den Synchronsprechern überantwortet, den Figuren Emotionen einzuhauchen. Doch auch wenn die in der deutschen Fassung allesamt einen guten Job machen (dem Vernehmen nach gar einen besseren als im Original), kommen sie gegen die Überlast der Technik nicht an. Wenn die altbekannten Lieder ertönen, stellt sich zwar kurz Gänsehaut ein – der Nostalgie sei Dank. Ganz schnell ist die aber auch schon wieder verschwunden. Die Nostalgie ist aber auch deshalb omnipräsent, weil sich der neue König der Löwen penibel an den Plot des Originals hält. Wo die zusätzlichen 30 Minuten Laufzeit herkommen, erschließt sich nicht: Abseits von drei verlängerten Szenen kennt man jede Sequenz, ja nahezu jede Einstellung bereits aus dem Zeichentrickfilm. Ein neuer Song von Beyoncé stellt sich im Übrigen als beiläufiges Überbrückungsstück heraus.

Ausgerechnet seine einzige Stärke – die technische Brillanz – sorgt also dafür, dass Der König der Löwen genau das verliert, was den Film von 1994 so groß machte: seine Verspieltheit, seine emotionale Bandbreite, seine Seele.

Bilder & Trailer: (c) Disney

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11 Kommentare zu „Im Kino: Der König der Löwen Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ehrlich gesagt, bislang waren mir diese Live-Versionen relativ wurscht. Ein weiterer Weg für Disney Nostalgie in bare Münze zu tauschen. Aber als ich einen Clip der Hakuna Matata Szene gesehen habe, dachte ich für einen Moment jemand hätte Doku-Material genommen und den Song drübergelget, bis sich die Tiere zu koordiniert bewegt haben. Dann habe ich gelesen. Favreau musste die Tiere in Nahaufnahmen nach unten schauen lassen, weil sich die Mundbewegungen mit dem Fotorealismus bissen.

    Und das war der Moment, wo mir klarwurde, dass man hier eine bestimmte Geschichte in ein Format pressen will, in das sie einfach nicht passt. König der Löwen braucht die überzigene Animation, die Ver“cartoonung“ der Tiere, sonst funktioniert die Geschichte nicht. Was für eine Verschwendung brillanter Technik und Künstler!

    Wobei die Kinokasse natürlich eine andere Sprache spricht, daher gilt wie üblich „was weiß ich schon…“. 😉

    Gefällt 2 Personen

    • Vollste Zustimmung. Beim Dschungelbuch (den ich aber höchstens okay finde)funktionierte das noch, weil darin nur 1,5 Songs vorkamen, welche sich aber wie krasse Fremdkörper angefühlt haben. Hier aber geht es überhaupt nicht auf. Ich kam aus dem Kino und war emotional vollkommen kalt. Das beim König der Löwen zu schaffen, ist schon echt beachtlich…

      Gefällt 1 Person

      • Habe inzwischen einen Vergleich von Mufasas Sterbeszenen gesehen. Das grenzt ja schon fast an Parodie.

        Ich freue mich auf die fotorealistische Umsetzung Findet Nemo mit völlig unbewegten Gesichtern und Knopfaugen. Oder die von Cars… irgendwann gehen schließlich die Zeichentrickfilme aus.

        Gefällt 1 Person

      • Nahaufnahme von Neuronen mit gelegentlichen Blitzen, aber den alten Dialogen. Dafür wurden die Szenen in der Außenwelt deutlich erweitert. Aber nicht mit Schauspielern, sondern mit fotorealistisch gerendertem CGI!

        Gefällt 1 Person

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