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Birds of Passage

Pájaros de verano, Cristina Gallego & Ciro Guerra, COL/DEN/MEX/DEU/FRA 2018 – Als Francis Ford Coppola sein Meisterwerk Der Pate mit einer Hochzeit eröffnete, war sofort klar, worum es in seinem Film gehen würde: um das konfliktreiche Verhältnis von Familie und „Business“ in einem kriminellen Milieu. Wenn der kolumbianische Film Birds of Passage also mit einer Verlobung beginnt, wähnt man sich unmittelbar in vertrautem Umfeld. Es ist nicht die einzige Szene, die stark an den Mafia-Klassiker von 1972 erinnert. Birds of Passage entwickelt dennoch eine ganz eigene Sogwirkung.

Wie wichtig Familie, pflichtbewusster Zusammenhalt und Jahrhunderte alte Traditionen beim indigenen Volk der Wayuu sind, dass sie gar eine noch größere Rolle als in italienischen Gangsterfamilien im New York der 1940er spielen, macht bereits das Mantra deutlich, das Zaida (Natalia Reyes) zu Beginn des Films im Beisein ihrer Mutter Ursula (Carmiña Martínez) artig nachspricht: „Nur die Familie gibt Ansehen. Ohne Ansehen keine Ehre. Wo es Ehre gibt, gilt das Wort.“ Und das Wort ist hier tatsächlich alles. Auch für Rapayet (José Acosta), der Zaida das Ja-Wort geben möchte. Dafür muss er jedoch ein exorbitantes Brautgeld auftreiben. Mit seinem alten Freund Moisés (Jhon Narváez) verkauft er deshalb 50 Kilo Marihuana an US-amerikanische Touristen. Er heiratet in die traditionsreiche Familie ein – und öffnet damit das Tor zu Hölle.

Carmiña Martínez in „Birds of Passage“. (c) MFA+

Denn mit diesem einen Handel ist es natürlich längst nicht getan. Die Mengen werden größer, und mit ihnen die Gewinne. Ursula, die ihren Clan als Matriarchin und spirituelle Führerin leitet, unterstützt und forciert die Geschäfte gar. Und schon bald wird mitten in der Wüste, in der die Wayuu leben, ein kleiner Palast errichtet. Probleme gibt es zunächst nicht: Die örtliche Polizei lässt sich problemlos schmieren. Moisés jedoch verfällt allmählich dem Größenwahn – und begeht einen folgenschweren Fehler, der eine Kette tragischer Ereignisse in Gang setzt.

Die Geschichte von Birds of Passage erstreckt sich über mehr als zehn Jahre, noch bevor Pablo Escobar zum größten Drogenbaron der Welt avancierte. Kokain ist noch unbedeutend. Mit Marihuana hingegen lässt sich 1969 sehr gutes Geld machen. Im Spannungsfeld externer, insbesondere aber interner Konflikte, verstärkt durch die strikten Traditionen der Wayuu, entspinnt sich eine epische Familien-Saga mit erschreckenden, letztlich aber nur konsequenten Wendepunkten und Schicksalsschlägen.

Von der weltlichen Dekadenz eines Pablo Escobar sind die Wayuu dabei weit entfernt. Ihr (Aber-)Glaube, ihre Mythologie, ihre Regeln bilden ein striktes Korsett, einen moralischen Rahmen, in dem Gut und Böse verschwimmen. Birds of Passage bringt dem Zuschauer diese Welt inhaltlich wie auch ästhetisch näher: Die Soundkulisse wird von indigener Musik dominiert und die Optik spricht eine klare Sprache. Exotische Insekten und Tiere deuten Unheil an, Gewalt und Tod werden mit einer schonungslosen Authentizität inszeniert.

So fühlt sich Birds of Passage wie eine Mischung aus Der Pate und Narcos an, exklusive der extravaganten Aufmachung der Netflix-Serie. Stattdessen kommt dieser Film extrem geerdet daher – und wird so zu einem der intensivsten Mafia-Thriller der vergangenen Jahre. Und das auch noch in einem wahrlich unterrepräsentierten Setting.

Bilder & Trailer: (c) MFA+

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